Gardelegen l Unter dem Tagesordnungspunkt „Bericht über wichtige Angelegenheiten des Verbandes“ gibt es normalerweise immer Informationen über den Abarbeitungsstand der jeweils geplanten Investitionen. Bei der Versammlung des Gardeleger Wasserverbandessah das dieses Mal ganz anders aus. Es folgte nämlich ein Bericht über „nicht durchgeführte Baumaßnahmen“. Was trotz der ernsten Situation doch für Schmunzeln in der Runde der Verbandsversammlung sorgte. Denn Grund dafür sind vor allem explodierte Preise in der Baubranche. Ein extremer Fall ist dabei der geplante Bau eines neuen Filterrückspülbeckens für das Gardeleger Wasserwerk. Im Investitionsplan Trinkwasser für 2018 seien für Planung und Bau dieses Beckens 130.000 Euro eingestellt gewesen. Dafür lag nur ein Angebot vor. Einer Schätzung der Netto-Baukosten von 118.165 Euro stand eine Angebotssumme von 234.827 Euro gegenüber. „Das sind 98 Prozent mehr. Wir haben das für einen unangemessenen Preis gehalten und die Ausschreibung aufgehoben“, so Rötz.

Zweiter Fall: die Erneuerung der Trink- und Schmutzwasserleitungen im Kiefernweg und Einmündung Stendaler Chaussee. Die Trinkwasserleitung wurde im Investitionsplan für 2018 (Bau und Planung) mit 164.000 Euro veranschlagt. Die Netto-Baukosten wurden auf 146.832 Euro geschätzt. Das Angebot lag bei 237.581 Euro. Für die Schmutzwasserleitung waren im Plan 18. 000 Euro vorgesehen. Die Schätzung für die Netto-Baukosten lagen bei 164.177 Euro. 209.633 Euro sahen das Angebot vor. „40 Prozent“, so Rötz. Auch diese Ausschreibung sei aufgehoben worden.

Stadt hat Entscheidung abgenommen

Dritter Fall: geplante Leitungserneuerungen im Gardeleger Lindenweg als Gemeinschaftsaktion mit der Stadt Gardelegen, die dort Straße und Nebenanlagen erneuern wollte. Die Kostenschätzung für Trinkwasser lag bei 70.577 Euro, das Angebot bei 89.913 Euro. Beim Schmutzwasser sah die Kostenschätzung eine Investition von 130.547 Euro vor. 162.877 Euro ergab dann die Ausschreibung. Ein Plus von 25 Prozent. „Hier hat uns die Stadt die Entscheidung abgenommen, ob wir vergeben oder nicht“, so Rötz. Denn für den Straßenbau habe es das gleiche Problem gegeben. Die Stadt habe ihrerseits die Ausschreibung für ihren Part aufgehoben. Eine erneute Ausschreibung seitens der Stadt soll es 2019 geben.

Geplant war zudem in Gemeinschaft mit der Stadt die Erschließung des neuen Eigenheimgebietes an der Verlängerung der OdF-Straße, Bertolt-Brecht-Straße. Da seitens der Stadt noch keine Aktivitäten ausgelöst worden seien, wird der Wasserverband die für 2018 geplanten Mittel in den Haushalt für 2019 übernehmen.

Ausschreibung geht in zweite Runde

Einen zweiten Start sieht der Verband auch für die anderen Projekte vor. Im Dezember soll das Filterrückspülbecken für das Wasserwerk neu ausgeschrieben werden, und die Leitungserneuerung im Kiefernweg soll bereits im Oktober folgen. In beiden Fällen sei der Verband alleiniger Bauherr.

Vorsorglich werde der Verband eine 20-prozentige Erhöhung der Baukosten einplanen als „Kostenbedarfsaufschlag“. Denn nach vergleichbaren Gerichtsurteilen liege bei einem Aufschlag von 20 Prozent in etwa die Grenze, was noch wirtschaftlich sei.

Frist soll verlängert werden

„Wenn der Aufschlag nicht gebraucht wird, umso besser“, betonte Rötz. Aber damit sei der Verband rechtlich auf der sicheren Seite, was mögliche Schadensersatzforderungen von Firmen bei der Aufhebung von Ausschreibungen betrifft. Für die Leitungserneuerung im Kiefernweg sind das 33.000 Euro mehr für Schmutzwasser und 30.000 Euro mehr für Trinkwasser.

Außerdem will der Verband die Ausschreibungsfrist von drei auf fünf Wochen erhöhen und eine längere Bauzeit anbieten. „Vielleicht sind das bessere Bedingungen“, so Rötz. Der Verband erhoffe sich damit bessere Konditionen.

Ausschreibung oft unseriös

Ob das so sein wird, ist derzeit wohl eher fraglich. „Die Bau- und Ausbaubetriebe haben eine gute Konjunkturlage bei gleichzeitigem Fachkräftemangel“, erläuterte Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, auf Volksstimme-Anfrage. Die Auftragsbücher seien voll. Die Betriebe könnten „gesünder kalkulieren“. Um Fachkräfte zu halten oder zu finden, müssten die Unternehmen mehr Geld in die Hand nehmen.

Neben den Lohnkosten seien auch die Materialkosten in den vergangenen Jahren gestiegen. „Beides wird umgelegt“, so Grupe. Grundsätzlich würden sich immer weniger Betriebe an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen, weil das Vergabegesetz viel zu bürokratisch sei und „weil sie nicht mehr darauf angewiesen sind“, so Grupe. Die öffentliche Hand habe ihre Planungen dieser neuen Situation offenbar noch nicht angepasst. „Und so kommt es zu den Abweichungen. Regelmäßig sind öffentliche Ausschreibungen leider auch einfach unseriös kalkuliert, um Bauvorhaben politisch durchzusetzen“, betonte Grupe.