Kalbe l „Ich bin nicht pleite oder so“, stellt René Zieher klar. Die Entscheidung, das Eiscafé an der Wernstedter Straße in Kalbe zu schließen, sei ihm nicht leicht gefallen. Sie ist aber im Familienrat beschlossen worden. Es ist die Konsequenz aus der Corona-Krise. Und sie bietet die Chance, das Geschäft in Bismark zu erweitern.

Während René Zieher über die Kalbenser Eisdiele spricht, wischt er sich über seinen Arm. Die vielen Erinnerungen aus Jahrzehnten haben ihm eine angenehme Gänsehaut beschert. In Kalbe hat nämlich alles angefangen. Dort startet das Familienunternehmen. 1986 übernehmen seine Eltern, Manfred und Elke Zieher, die damals schon existierende Eisdiele. Er selbst absolviert zu diesem Zeitpunkt eine Lehre als Kaminbauer. An den Wochenenden steht er aber bereits hinter der Theke.

1989 steigt er dann komplett in das Geschäft mit ein. 1990 kauft die Familie in der Breiten Straße in Bismark ein Haus. Neben dem Standort in Kalbe wird dort ein zweiter eingerichtet. Zunächst findet in Bismark Straßenverkauf statt. Dann kommt ein Café hinzu und später ein Cafégarten. In einem Teil des Hauses ist die Drogeriekette Schlecker untergebracht. Als diese auszieht, übernehmen Ziehers auch diesen Trakt. Dort wird eine Räumlichkeit für Vereinstreffen und Familienfeiern eingerichtet.

Folge der Corona-Pandemie

Der ausreichende Platz in Bismark ist nun schließlich der Knackpunkt, weshalb sich Zieher zu dem Entschluss durchgerungen hat, den Kalbenser Standort zu schließen. In Bismark ist genügend Platz vorhanden, um trotz Corona-Auflagen und Einhaltung der Abstandsregeln genügend Kunden bedienen zu können. In Kalbe können wegen dieser Regelungen 22 Sitzplätze nicht angeboten werden. Das bedeutet einen finanziellen Verlust. Während der Sommermonate konnte dies aufgrund der Laufkundschaft gut abgefangen werden.

„Doch wie wird es im Winter sein? Wird es nochmal einen Lockdown geben?“, für den Bismarker ist die Zukunft zu unsicher, um das Mietobjekt in Kalbe zu halten. Bereits im Frühjahr, nachdem die Corona-Einschränkungen inkraftgetreten sind, kündigte Zieher das Mietverhältnis bei der Wohnungsbaugesellschaft Kalbe. Allerdings mit der Option, eventuell doch noch von der Kündigung zurücktreten zu können.

„Vergangene Woche ist die Entscheidung gefallen. Seitdem kann ich wieder besser schlafen“, berichtet der 50-Jährige. Diesen Entschluss hat er gemeinsam mit Ehefrau Anne und Sohn Willem, der im Familienunternehmen zur Fachkraft im Gastgewerbe ausgebildet worden ist, getroffen. Auch die Eltern, die die Eisdiele einst aufbauten, gaben ihr Okay.

Einige Tränen sind geflossen

Weniger zu tun, werden die Ziehers aber auch ohne Kalbenser Eisdiele nicht haben. „Wir arbeiten meist 17 Stunden am Tag und das sieben Tage in der Woche.“ So soll das Angebot in Bismark weiter ausgebaut werden. Für die Räume dort, sind bereits neue Möbel bestellt. Außerdem wird das Unternehmen bei Dorffesten und dergleichen wieder mit dem Eiswagen dabei sein. In den zurückliegenden Jahren konnte diese Nachfrage nicht jedesmal bedient werden. In Zukunft ist Personal, das bisher in Kalbe gebunden war, für diese Aktionen frei. Und auch Familienfeiern können, sofern es die Corona-Auflagen erlauben, im Zieher-Hause gefeiert werden.

Der Inhaber kann sich vorstellen, in Bismark auch die Karte zu erweitern und auch warme, deftige Speisen anzubieten beziehungsweise Schaugrillen bei Feiern. „Das sind Dinge, für die hatten wir vorher keine Zeit“, begründet Zieher. Seine Mitarbeiter – das Unternehmen zählt drei vollbeschäftigte und zehn teilzeitbeschäftigte Mitarbeiter – werden alle übernommen.

„Die eine oder andere Träne ist schon vergossen worden“, gesteht er ein. Vor allem wenn Kundschaft kommt, die begeistert ist, dass es die Eisdiele noch immer gibt, versetze es ihm einen Stich. Viele verbinden Erinnerungen an die Jugend- oder die Armeezeit in Kalbe mit der Eisdiele. „Unser Softeis hat Kultstatus.“ Dies Eismaschine aus DDR-Zeiten ist immer noch in Betrieb. All diese Technik wird Zieher mit nach Bismark nehmen. Er hofft, dass auch die Kalbenser Kundschaft nach Bismark kommen werde.