Jerchel l Eine seltsame Entdeckung machte ein Jercheler in einem Wald nahe seinem Heimatort. In einem Baum hing ein Plastikgerät mit Antenne. Als der 76-Jährige das Fundstück aus dem Geäst holte und näher untersuchte, entdeckte er einen rosafarbenen Zettel, auf dem die Bundeswehr den Finder aufforderte, das Gerät zu entsorgen. Die Kosten hierfür würden ihm erstattet. Der Jercheler gab den Apparat jedoch nicht in den Elektroschrott, sondern brachte es zur Volksstimme, und wir haben einmal nachgefragt.

Es handelt sich um eine Radiosonde zur Erfassung meteorologischer Daten. Hauptfeldwebel und Informationsfeldwebel Nadine Neelmeier vom Kommando Cyber- und Informationsraum kann anhand der Sondennummer „N310621“ und dem unter „Bemerkungen“ eingetragenen Kürzel 04:45 Z“ die Flugstrecke herausfinden.

Heliumballon platze in 34.098 Meter Höhe

„Die Radiosonde wurde am 7. Oktober 2018 um 6.45 Uhr Ortszeit in Lohheide durch das Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr (ZGeoBw), genauer gesagt durch den aerologischen Messzug Bergen, gestartet“, berichtet Neelmeier. „04:45 Z“ gehört zu dem Feld ‚Start‘ (Datum/Uhrzeit) und gibt die Startzeit der Radiosonde an. Das Z steht für ‚zero‘ (=Null), genauer für ‚zero meridian‘, also den Nullmeridian. Die Z-Zeit wird für eine weltweit einheitliche Zeitangabe verwendet“, so Neelmeier. Die Flugstrecke ist bekannt: „Die Sonde erreichte geographisch etwa zwischen Jahrstedt und Parsau eine Höhe von 34.098 Kilometer, wo der Heliumballon platzte und die Sonde erst nach Süden und dann nach Osten absank. Dort ist sie gegen 9.20 Uhr im Wald bei Jerchel gelandet.“ Auch die Fallzeit kann die Informationsfeldwebelin angeben: „Bei einer durchschnittlichen Steigrate von fünf Metern pro Sekunde dauert ein Aufstieg circa 100 Minuten, der Abstieg am Fallschirm geht dann etwas schneller. Die zurückgelegte Strecke ist von den aktuellen Höhenwinden abhängig.“

Wer Näheres wissen will, den verweist sie auf den GPS-Track der Sonde im Internet. Auf dieser Website können Interessierte die Flugbahnen der militärischen und zivilen Aufstiegsgespanne verfolgen und sich die Landepunkte auf einer Karte anzeigen lassen.

Vier Starts in Bayern und Niedersachsen

Das ZGeoBw lässt im Grundbetrieb mindestens vier Radiosonden pro Tag aufsteigen, und zwar an beiden aerologischen Messzügen in Bergen (Niedersachsen) und Kümmersbruck (Ostbayern). Weitere Radiosonden lässt der Deutsche Wetterdienst an neuen Stationen aufsteigen, jeweils zwei pro Station und Tag, also rund 6570 im Jahr.

Diese Radiosonden werden zur Messung von meteorologischen Daten in der Erdatmosphäre eingesetzt. Dazu steigen die Messgeräte an mit Helium gefüllten Wetterballons bis in Höhen von 20 bis 30 Kilometern (Stratosphäre) auf. Die Sonden hängen an einer 30 Meter langen Leine, damit die Messwerte nicht durch den Ballon beeinflusst werden. Der Ballon platzt in einer wegen des abnehmenden Luftdrucks gewissen Höhe, da sich das Gas im Ballon sehr stark ausdehnt. Per Fallschirm gleitet die Radiosonde dann auf die Erde zurück, wo sie manchmal von Spaziergängern oder „Radiosondenjägern“ gefunden wird.

Messung der Temperatur

Die ganze Zeit über misst das Gerät die Luftfeuchtigkeit und -temperatur. Durch den eingebauten GPS Sensor wird die Höhe ermittelt und daraus der Luftdruck berechnet. Ebenso durch die Verlagerung der Position ermittelt man Windrichtung und -geschwindigkeit. Die Aufstiegsstationen empfangen diese Daten. Sie werden ausgewertet, in ein Messsystem eingespeist und weltweit zur Verfügung gestellt.

Der Sinn dieser Höhenwettermessungen liegt darin, dass sich Wetteränderungen bereits frühzeitig in großer Höhe ankündigen. Oft ist dies auch schon an den Wolken zu beobachten. „Da wir alle sechs Stunden eine Messung haben, bleiben Überraschungen in der Regel aus“, sagt Nadine Neelmeier.

Grundlage für Einsatzplanung

Die GeoInfo-Kräfte der aerologischen Messzüge des ZGeoBw sind weltweit einsetzbar und können je nach Anforderung Aufstiege in unterschiedlicher Anzahl und Höhe zur Datengewinnung vornehmen. Die Sonde, die im Wald bei Jerchel gefunden wurde, hat Messungen aus dem Grundbetrieb heraus vorgenommen und ist in Lohheide (Bergen) aufgestiegen. Zum Startzeitpunkt herrschte in Mitteleuropa eine Westwind-Wetterlage vor. Der Ballon driftet dann nach Osten ab. Es können dabei Entfernungen von über 100 Kilometern erreicht werden. Bei der Interpretation der Daten wird die Abdriftung berücksichtigt.

Wozu werden die Daten gebraucht? „Bei der Planung und Durchführung militärischer Einsätze der Bundeswehr zu Land, Luft und See spielt die meteorologische Beratung mit ihren Auswirkungen auf Einsätze, Menschen und Material einschließlich wetterbedingter Gefahren eine entscheidende Rolle“, sagt Nadine Neelmeier. Es würden aber auch Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) genutzt. Die Bundeswehr arbeite auf dem Gebiet des Wetterdienstes sehr eng mit dem DWD zusammen und betreibe mit diesem gemeinsam das Deutsche Meteorologische Rechenzentrum in Offenbach.

Entsorgung auf der Deponie möglich

„Es ist für die Bundeswehr wichtig auch in den Einsatzgebieten und bei Übungen meteorologische Beratungen durchführen zu können und vor Ort meteorologische Daten für eine Beratung zu gewinnen“, erklärt die Informationsfeldwebelin. „Daher stellen die aerologischen Messzüge des ZGeoBw auch GeoInfo-Kräfte für den Einsatz bereit.“

Ein Radiosondenaufstieg hat einen Wert von rund 300 Euro, inklusive Personalkosten und Material. Nach der Landung hat die Radiosonde ihren Dienst getan und ist für den Wetterdienst wertlos geworden. Ein Hinweis an alle Finder: „Die Sonde ist ein Elektrogerät. Wenn der Finder die Sonde behalten möchte, dann sollte er oder sie die Batterien (2 AA Lithiumbatterie, kein Quecksilber) entfernen und entsorgen, ebenso wie Batterien im Hausgebrauch“, erläutert Nadine Neelmeier. „Wer das Gerät nicht behalten möchte, kann dieses auf der Mülldeponie kostenfrei, wie auch andere Elektrogeräte, abgeben.“ Im Falle des Jercheler Fundstückes wäre das bei der Deponie GmbH Gardelegen zu den Annahmezeiten (montags bis freitags von 8 bis 16.45 Uhr sowie sonnabends von 8 bis 11.45 Uhr) auf dem Abfallwirtschaftshof Gardelegen, Bismarcker Str. 81. Alternativ kann die Sonde an die auf dem Finderbrief angegebene Adresse zurückgesendet werden; die Portokosten werden dem Finder erstattet.