Gardelegen l „Bin ich das nun da links oder bist du das?“ Ich glaube, du bist das. Oder doch nicht?“ Nachdenklich beugen sich Edith Lindecke und Edeltraud Schneidereit über das alte Foto, das zwischen ihnen liegt. Dann lachen sie beide. Gleichzeitig natürlich. Da sind sie sich doch tatsächlich nicht mehr ganz sicher, wer da wo auf Mamas Schoß saß, damals, 1940, im Fotoatelier. Aber das ist ja schließlich auch schon 79 Jahre her. Und erinnern können sich die beiden Schwestern auch nicht mehr nicht daran, denn sie waren erst etwa ein Jahr alt, als der Fotograf auf den Auslöser drückte ...

Das hübsche Schwarz-Weiß-Foto, es ist eines der ganz wenigen Kinderbilder, die es von ihnen beiden gibt. „Es war damals einfach nicht die Zeit, da hat man noch nicht so viele Fotos gemacht“, sagt Edeltraud. Deshalb müssen sich beide heute ohne fotografische Hilfe erinnern. Aber das macht ihnen trotzdem Spaß. „Wir hatten eine schöne Kindheit“, versichert Edith. Und zwar im Doppelpack. Allein waren sie nie. Das bekam natürlich auch Mutter Anna Klopp zu spüren, die alles zweimal kaufen musste für ihre beiden ältesten Kinder, und das im ersten Kriegsjahr 1939. Ohnehin sei die Mutter ganz überrascht gewesen, dass da am 14. Januar in einem Häuschen an der Rendelbahn gleich zwei kleine Mädchen zur Welt kamen, erzählen die Schwestern. Dabei lag das Zwillings-Gen eigentlich in der Familie. „Auch Mutters Schwester hatte Zwillinge. Bei ihr war es genau so wie bei uns: erst zwei Mädchen und dann später noch ein Junge“, sagt Edeltraud.

Und dieses „genau so“, es soll auch für sie und ihre Schwester zum Lebensmotto werden. Denn bei aller Individualität gibt es in den acht Jahrzehnten ungewöhnlich viele Parallelen. In der Schulzeit sind die nicht mehr zu übersehen. Klar werden beide gemeinsam eingeschult in die Gardeleger Volksschule an der Sandstraße. Und sie sehen sich wirklich extrem ähnlich. „Wir hatten beide dicke Zöpfe und immer die gleichen Sachen an.“ Dass der Lehrer sie mal verwechselt hat, daran können sie sich allerdings nicht erinnern. Der Pauker hatte aber auch einen guten Trick: „Er hat immer uns beide gerufen, und irgendeine hat dann schon reagiert“, erzählt Edith augenzwinkernd. Dabei geht es sonst eher streng zu, damals nach dem Krieg. Abschreiben voneinander? „Das hätten wir uns nie getraut“, versichert Edeltraud, „da gab gleich was mit dem Griffelkasten auf die Finger.“

Aber dennoch ist die eine froh, dass sie die andere hat. Auch zu Hause. Da müssen beide Mädels viel in der Landwirtschaft helfen. Die Eltern arbeiten im Gut Isenschnibbe. Die Kinder müssen mit ran. Arbeit gibt es viel. Spielzeug gibt es wenig, dafür aber auch keinen Konkurrenzkampf. Dafür sorgen auch die Eltern, die sehr gerecht sind. Bei aller Ähnlichkeit: Ganz gleich sind die Zwillinge doch nicht. „Sie hat öfter mal Ärger mit unserem Vater gehabt“, sagt Edeltraud und schaut ihre Schwester an. Während Edeltraud – immerhin ein paar Minuten älter – die harmoniebedürftige Tochter ist, sagt Edith damals offenbar öfter mal, was sie denkt. „Einiges musste eben gesagt werden“, bestätigt sie heute schmunzelnd. Dafür, dass sie nicht auch noch Ärger mit der Mama bekam, sorgte dann Edeltraud. Zumindest an eine Geschichte kann sie sich erinnern: „Sie hatte kaputte Socken, da hab ich ihr meine gegeben, damit sie nicht ausgeschimpft wird.“ Dass sich Edith daran nicht mehr erinnert, und ein bisschen skeptisch guckt, tut der Gemeinsamkeit indes keinen Abbruch.

Gemeinsame Feier mit Brunch

Und die hält auch damals weiterhin an. Nach der Schule arbeiten beide nämlich erstmal in der Landwirtschaft mit. Später ist Edith dort in der Küche und in der Schnapsbrennerei beschäftigt. Edeltraud wechselt zum DLK und dann zur Knopffabrik ... bis beide den Mann ihres Lebens kennenlernen. Und wohl kaum einen wundert es, dass sich auch die vom Typ her ein bisschen ähnlich sind. „Wir haben damals viele tolle Partys gefeiert“, erinnert sich Edith, „und auch unsere Männer haben sich wirklich gut verstanden.“ Mit knapp 20 und gut 20 Jahren heiraten die jungen Frauen schließlich und bekommen vier Kinder. Und zwar eine Tochter und drei Söhne. Jede. Ehrensache.

Die größte Freude der Mütter: Alle acht Kinder, die heute natürlich längst erwachsen sind, haben Berufe, sind gesund und stehen mitten im Leben. Und so kann jede der beiden Zwillingsschwestern heute genau neun Enkel und Urenkel um sich versammeln. Auch wenn die Zusammensetzung hier ein bisschen variiert – auch diese Zahl ist gleich. Zwillinge sind zwar nicht dabei. Aber das macht nichts. Denn so viele Gemeinsamkeiten reichen ja eigentlich für eine ganze Großfamilie. Dass sie nicht nur schöne, sondern auch traurige Ereignisse miteinander teilten, ist schließlich schon fast unheimlich. Denn beide Schwestern sind mittlerweile verwitwet. Beide Männer wurden vor wenigen Jahren plötzlich aus dem Leben gerissen. Beide mussten lernen, allein mit dem Alltag zurechtzukommen. Beide können sich dabei aber immer auf ihre Familie verlassen. Beide haben ihren Freundeskreis und auch gemeinsame Bekanntschaften.

Und schließlich ist da ja auch immer noch die Schwester da, der andere Teil, heute genau seit 80 Jahren. Überflüssig ist deshalb eigentlich auch die Frage nach der Feier: Selbstverständlich feiern beide Schwestern ihr Fest zusammen. Heute geht‘s zum Brunch ins Gardeleger Schützenhaus. – Edith feiert unten im Handwerkersaal, Edeltraud oben auf der Empore. Vermischungen unter den Gästen sind da natürlich nicht zu verhindern und selbstverständlich auch ausdrücklich erwünscht.