Heimatgeschichte

Als die Weber in Jerichow ihre Schiffchen niederlegten

Vor gut hundert Jahren legten die Weber rund um Jerichow ihr Schiffchen für immer aus der Hand. Vom alten Handwerk der Stoffherstellung zeugen nur noch Vereinsfahnen und Spinnräder.

Von Thomas Skiba 26.07.2021, 08:15
Diese Jerichower Vereins-Fahne aus der Gründerzeit wurde zu Hause gewebt und ist mittlerweile zerschlissen. Der Förder- und Heimatverein Jerichow kümmert sich um die Restaurierung dieser seltenen Zeitzeugnisse.
Diese Jerichower Vereins-Fahne aus der Gründerzeit wurde zu Hause gewebt und ist mittlerweile zerschlissen. Der Förder- und Heimatverein Jerichow kümmert sich um die Restaurierung dieser seltenen Zeitzeugnisse. Foto: Thomas Skiba

Jerichow - In alten Aufzeichnungen aus Jerichow und Umgebung heißt es: „… für diesen Anlass webten die Frauen der Ortschaften Fahnen, die neben den Vereinsfahnen der Kriegerzusammenschlüsse das freudige Ereignis des Friedensschlusses beflaggten“. Das heißt, die Kunst des Webens muss in so gut wie jedem Haushalt ausgeübt worden sein, jede Frau und jedes Mädchen beherrschte den Umgang mit Webrahmen, Web-Kamm und dem uns heute noch bekannten Weberschiffchen. Es wird nicht für die feine Garderobe gereicht haben, gewebt wurden in erster Linie Schals und Tücher, Schultertücher und Taschen. Dazu kamen Wolldecken, Kissen, Läufer, Gardinen und Vorhangstoffe oder selbst Wand- und Fensterschmuck und zu guter Letzt Säcke in verschiedenen Größen.

Dass die Frauen auch filigrane und komplizierte Stoffe weben konnten, zeigen die noch vorhandenen Vereinsfahnen aus dem 19. Jahrhundert. Sie nutzten Garne verschiedener Stärken und Farben, wirkten und stickten selbst feinste Goldfäden ein und erzeugten dadurch die entsprechenden Symbole wie Schriften.

So finden sich auf der Fahne des Männergesangsvereins eine Lyra und ein Schwan, auf der des Kriegervereins ist eine Walküre mit viel Eichenlaub detailliert eingearbeitet. Diese Textilien haben im Laufe der Jahrhunderte gelitten, liegt es doch in der Natur der Dinge: Damals waren Garne aus Seide, Leinen oder Wolle, also Naturprodukte, die selbst bei regelmäßiger Pflege irgendwann verschlissen.

Fäden und Garn selbst hergestellt

Auch die Fäden oder das Garn stellten die Frauen in der eigenen Stube her und so manches Spinnrad findet sich noch heute in den Heimatstuben der Ortschaften, etwa in Kade und in der künftigen Ausstellung zur Stadtgeschichte Jerichows. „Spinnen am Abend – erquickend und labend. Spinnen am Morgen – Kummer und Sorgen“ – dieser Spruch hat nichts mit den sechs- oder achtbeinigen Insekten zu tun, sondern wies auf den Wohlstand hin. Wurde abends gesponnen, zeugte das von einem gewissen Reichtum, man konnte es sich leisten, nur in geselliger Runde Garn herzustellen.

Wer hingegen schon morgens Flachs und Wolle zu Fäden spinnt, musste davon leben. Reich wurden die Menschen nicht von diesem Handwerk. Nichtsdestotrotz gab noch den alten Beruf des Garnwebers, die Jerichower Chronik nennt, laut Ortshistoriker Rolf Naumann, 1824 einen, der dieses Handwerk ausübte.

Es müssen in den Jahrhunderten davor mehr gewesen sein, da noch 1780 eine Garnweber-Innung erwähnt wird, mit eigenen Vorstand und einem Obermeister.

Auch in Schlagenthin sind noch 1906 noch Woll-Weber zu finden. Mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls 1784 wird sich diese Arbeit im Elbe-Havel-Land nicht mehr gelohnt haben und dass Handwerk wurde nach und nach aufgegeben.

Häusliches Spinnen immer weniger attraktiv

Im selben Zeitraum kamen die ersten Spinnmaschinen auf den Markt, so dass das häusliche Spinnen weniger attraktiv wurde. Schließlich hatte ein Weber auch gewaltigen Bedarf an Garn, konnte dieses nicht mehr in der Nachbarschaft bezogen werden, wurde auch das Weberhandwerk unwirtschaftlich. Zehn Spinnerinnen versorgten einen Weber, so damals die Faustregel.

Später kam dann die Einführung der Baumwolle dazu, die den heimischen Rohstoffen Wolle und Lein Konkurrenz machte.

Webstuben oft in Kellergewölben

Die Webstuben für die Leinenweberei wurden vor allem in feuchteren Räumen ausgeübt und befanden sich meist in Kellergewölben, da die Flachsfäden auf Grund ihrer Struktur so besser verarbeitet werden konnten. Wollwebereien hingegen stellten keine ungewöhnlichen Bedingungen an den Standort. Schon sehr früh entwickelten sich die unterschiedlichen Webtechniken. Die wohl Älteste dürfte die Leinenbindung, auch Tuchbindung genannt, gewesen sein. Heutzutage wird das Handweben hauptsächlich als Kunsthandwerk betrieben, findet aber unter anderem auch im Awo-Fachkrankenhaus Jerichow in der Ergotherapie statt.

Weber arbeiteten an einem Hand-Webstuhl. Hier werden die einzelnen Fäden zu Stoffen verbunden.
Weber arbeiteten an einem Hand-Webstuhl. Hier werden die einzelnen Fäden zu Stoffen verbunden.
Symbolfoto: Pixabay
Die Fahne des Jerichower Kriegervereins.
Die Fahne des Jerichower Kriegervereins.
Foto: Thomas Skiba