Genthin l Der Uhrzeiger der großen Uhr im Wartezimmer der orthopädischen Praxis von Dr. Steffi Kühne in der Genthiner Elbe-Havel-Passage arbeitet sich Minute für Minute auf 18 Uhr vor. Die Plätze leeren sich im Wartezimmer nach und nach. Dennoch harrt eine ältere Dame auf einen jener Plätze aus, die gewöhnlicherweise bereits aufgerufenen Patienten vorbehalten sind.

Nein, erwidert die Unbekannte, als sie angesprochen wird, sie habe keinen Arzttermin und werde bestimmt auch nicht aufgerufen.

Putzen und saugen seit 25 Jahren

Sie wartet einfach ab, bis sich die alltägliche Hektik in der Praxis legt und die letzte Patientin in Begleitung von Dr. Steffi Kühne einen der Behandlungsräume verlässt. Erst dann macht sich Margot Siebert bemerkbar, indem sie aufsteht und die Begrüßung der ihr entgegenkommenden Ärztin mit einem Händedruck erwidert.

Für Margot Siebert hat eben alles seine Zeit, auch scheinbare Kleinigkeiten. Jetzt, nachdem der Tag in der Praxis gelaufen ist, beginnt für sie die Arbeitszeit. Putzen, saugen, wienern, das ist ihre Domäne, in der ihr keiner so schnell etwas vormachen kann. Seit 25 Jahren, jede Woche aufs Neue. „Auf die Seniorin ist immer Verlass“, lobt sie ihre Arbeitgeberin.

Einzige 80-Jährige mit Arbeit

Heute feiert die Genthinerin im Kreise ihrer Familie ihren 80. Geburtstag und avanciert damit vermutlich zur ältesten Seniorin der Region, die noch einer regelmäßigen Beschäftigung nachgeht.

Eine fabelhafte und einzigartige Lebensleistung, die unbedingt eine öffentliche Würdigung verdient, findet Dr. Steffi Kühne.

Höflichkeit ist ihre Tugend

Margot Siebert teilt nicht unbedingt diese Meinung und zögert deshalb, daraufhin etwas von sich preiszugeben. Nein, solch große Worte mag die 80-Jährige nicht. Ruhig und fast ein bisschen verlegen reagiert sie darauf. Jemanden ins Wort zu fallen, käme der alten Dame allerdings auch nicht in den Sinn. Höflich überlässt sie so der Ärztin das Reden.

Alles hat seine Zeit. Für Margot Siebert scheint gerade die Arbeit zeitlos zu sein. „Ich habe stets gern gearbeitet und mich immer um Arbeit bemüht. Arbeit war mir immer wichtig “, lässt sich das heutige Geburtstagskind trotz aller anfänglichen Zurückhaltung doch noch auf ein Gespräch ein. Mit dieser Lebenseinstellung hat sie offensichtlich mühelos jede altersbedingte Ruhestandsregelung übersprungen.

Margot Siebert gibt nicht auf

Margot Siebert hat sich zeitlebens nicht in die Ecke schieben lassen. Trotz der Wende, die für viele ihrer Generation in der Region Genthin mit Kündigungen, gerade in den Großbetrieben, einher ging.

Sie arbeitete in der Werft, später fand sie Beschäftigung über die QSG auf dem zweiten Arbeitsmarkt.

Pragmatisch denken

Über ein Inserat wurde sie auf die orthopädische Praxis aufmerksam. Dass nur medizinisches Personal gesucht wurde, hielt die Genthinerin nicht davon ab, sich in der Praxis vorzustellen. Wer eine Praxis eröffnet, braucht auch jemanden zum Saubermachen, dachte sie ganz pragmatisch und hatte Erfolg damit.

Der Arzt, der sie später einstellte, habe sich zwar verwundert beim Bewerbungsgespräch gezeigt, erinnert sich Margot Siebert. Doch er räumte schließlich ein, dass eine solche Stelle notwendig sei und damit auch besetzt werden müsste.

Lebensbejahung durch Arbeit

Viel Zeit ist seitdem vergangen, eben Arbeitszeit, aus der Margot Siebert auch ein Stückchen Lebensbejahung schöpfen kann. „Ich mache hier ganz für mich mein Ding, kann mir meine Arbeit einteilen. Das ist eine schöne Sache.“ Wenn gegen 18 Uhr für die meisten ihrer Altersgenossen auf der Couch die abendliche Fernsehzeit beginnt, macht sie sich auf den Weg zur Arbeit. Entweder mit dem Rad oder mit ihrem alten Auto, ganz nach Wetterlage.

Dass ihre Arbeit anerkannt wird, macht die alte Dame schon ein bisschen stolz und motiviert sie. Für die alleinstehende 80-Jährige ist das nicht unbedingt eine Frage des Geldes und der Bezahlung. Wenn Patienten, wie eine Unternehmerin, die im Reinigungsgewerbe tätig ist, staunend fragrn, wer diese Räume so blitzblank putzt, ist das Lob, das für sie nicht in Euro aufgewogen werden kann.

Zur Ruhe kommen

Mit nunmehr 80 Jahren denke sie aber schon daran, ruhiger zu treten und in die Nähe ihrer beiden Töchter zu ziehen. In Blankenburg, wo die Familie einer Tochter lebt, hat sich die Genthinerin um einem Platz in einer Seniorenresidenz bemüht. Doch aus dem Umzug in den Harz wurde nichts. Sie sei einfach noch zu agil, um rund um die Uhr betreut zu werden. Das hätte ihr - freilich im Scherz - ein Mann entgegnet, als sie sich in der Einrichtung anmelden wollte.

Die Zeit des Ruhestandes ganz ohne Arbeit ist für die Genthinerin wohl noch nicht gekommen. Sie bleibt damit eine Ausnahmefrau und das nicht nur, weil sie mit ihren 80 Lebensjahren kein graues Haar zulässt.