Kulturveranstalter

Brexit und Corona belasten Musikbranche

Der Brexit bereitet auch Genthinern Veranstaltern Sorgen. Mit der Buchung britischer Musiker steigen die Gebühren und die Bürokratie.

Von Mike Fleske

Genthin/Burg l So hatten sich britische Konzertveranstalter den Ausstieg ihres Landes aus der Europäischen Union nicht vorgestellt: Bei der Planung von Auftritten auf der Insel drohen nun massiv höhere Kosten und ein immenser bürokratischer Aufwand. Die Macher des Parklife-Festivals in Manchester haben kürzlich die Rechnung aufgemacht, dass für eine sechsköpfige Band vom Festland, Visakosten von mehreren tausend Euro anfallen würden. Das sei unattraktiv.

Wie sieht es umgekehrt aus, wenn britische Künstler für Auftritte in unserer Region gebucht werden sollen. Der Genthiner Tourmanager Dirk Ballarin hat in den vergangenen Jahren mit Künstlern wie Chris Thompson (Manfred Mann’s Earth Band), Ray Wilson (Ex-Genesis) oder David Knopfler (Ex-Dire Straits zusammengearbeitet. Er kennt die Probleme bei der Buchung britischer Künstler: „Offensichtlich müssen wir nun ein Visum für alle Musiker aus Großbritannien besorgen und Kosten kommen in diesem Punkt wohl ebenso auf uns zu.“ Auch an eine extra Auslandskrankenversicherung müsse wohl gedacht werden. „Offensichtlich haben die Briten bei uns keinen Krankenversicherungsschutz mehr.“ Dies und Corona werde das Konzertangebot stark beeinflussen.

„Ich vermute weniger Konzerte mit Künstlern aus Großbritannien und steigende Eintrittspreise werden die Folge sein. Für all die Büroarbeit werden auch unzählige Arbeitsstunden nötig sein, um das korrekt leisten zu können. Die britische Regierung hat scheinbar noch nicht an den internationalen Geschäftsverkehr gedacht.“

Allerdings ganz neu sind solche Querelen nicht. Ballarin berichtet von ähnlichem Aufwand mit Künstlern aus den USA. „Vor Jahren habe ich mal David Knopfler beim Ausfüllen des Antrags für seine US-Tour geholfen. Es mussten auch Passbilder gemacht werden.“ Wenig Sorgen hat der Genthiner Manager betreffend des Sängers Ray Wilson. Dieser sei bereits vor Jahren der Liebe willen von Schottland nach Polen gezogen und habe nun die polnische Staatsbürgerschaft beantragt. „Eine deutsche Firma hat er schon vor vielen Jahren gegründet.“ Wilson, der im vergangenen Jahr unter anderem in Rathenow und Brandenburg/Havel aufgetreten ist, wird daher den deutschen Konzertbühnen erhalten bleiben.

Dirk Ballarin ist mit seinen Kontakten zu internationalen Künstlern fast ein Exot in der hiesigen Veranstalterszene. Denn in Burg hat man mit diesen Problemen noch nicht zu tun. „Der Fachbereich für Kultur und Tourismus der Stadt Burg hat in den vergangenen Jahren keine Künstler aus Großbritannien gebucht, weder für Auftritte in den Parks und Gärten, noch in der Stadthalle und hat auch in diesem Jahr keine Verträge mit englischen Bands in Verhandlung“, sagt die städtische Kulturmanagerin Maraike Schichold.

„Wir konzentrieren uns eher auf regionale oder überregionale Künstler, die größtenteils in Deutschland ansässig sind.“ Auch in Brandenburg ist man vom Brexit-Veranstalter-Dilemma noch verschont geblieben.

Zwar plant das Brandenburger Theater im Rahmen seines Sommerprogrammes ein Open-Air-Konzert mit der britischen 70er-Jahre-Rockband „The Sweet“, diese Veranstaltung bleibt aber von aktuellen Visaregelungen unberührt. Vielmehr sei es ein Vertrag, der schon für das Jahr 2020 geschlossen wurde und nun auf das Jahr 2021 umgelegt worden sei, heißt es aus der Pressestelle des Theaters. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses galten also noch die EU-Regularien.

Die Brexit-Problematik liegt bei vielen deutschen Veranstaltern noch in der Zukunft. Denn derzeit stagniert der Markt aufgrund der Corona-Beschränkungen. Das mache allen, die mit öffentlichen Veranstaltungen zu tun haben, das Leben schwer. Für Dirk Ballarin stehen derzeit 44 Konzerte infrage, die zum Teil aus dem vergangenen Jahr geschoben worden. Eigentlich hätte der Musiker David Knopfler ab dem Frühjahr eine größere Tournee antreten sollen. „Niemand kann sagen, was sein wird, wir werden das nun mit allen Veranstaltern besprechen.“ Im Raum stehe eine erneute Verschiebung. So wie dem Genthiner geht es vielen Konzertplanern. „Ich befürchte, dass sich alles verändern wird“, blickt Dirk Ballarin skeptisch in die Zukunft. Denn mittlerweile ist die ganze Branche in Bewegung. An einer Veranstaltung hinge nicht nur die unmittelbar ausführende Firma, hatte Ralf Ballerstein vom Genthiner Veranstaltungsservice (GVS) im vergangenen Jahr verdeutlicht: „Denken Sie auch an Caterer, Zulieferer und Dienstleister.“ Ballerstein beschrieb den Wandel seiner Branche bereits im vergangenen Sommer und merkte an, dass Größen der Kulturszene, von denen er es nicht erwartet hätte, aufgrund von ausbleibenden Auftritten in die Grundsicherung hätten gehen müssen.

So werden wohl beide Einflussgrößen, Brexitregularien und Corona-Beschränkungen, den britisch-europäischen Kulturbetrieb nachhaltig verändern. Die britische Musikervereinigung ISM hat vor geraumer Zeit mitgeteilt, dass bereits im Vorfeld des Brexits deutlich weniger britische Musiker für Bühnenproduktionen wie Opern und Theaterstücken gebucht worden seien. Nun befürchtet der Verband ähnlich wie der Genthiner Tourmanager, dass die Zahl noch weiter zurückgehen werde.