Genthin l „Das Buch „Zuckerbude“, Zuckerfabrik Genthin 1901-1991 ist im Druck“, teilte Berndt Franke gestern der Redaktion mit. „Ich bin gespannt, wie es aussehen wird“, fügt Franke hinzu. Das Werk ist Ergebnis einer umfänglichen Recherche zur Geschichte der ehemaligen Zuckerfabrik, an der viele Menschen aus dem Jerichower Land mitgeholfen haben.

„Viele Recherchen bei ehemaligen Kollegen haben die „Volksstimme“ und der „Generalanzeiger“ mit ihren Veröffentlichungen bewirkt“, beschreibt er. So seien unzählige Fotos, Unterlagen, Zahlen zum bestehenden Material hinzugekommen und ein Buch von 184 Seiten entstanden. Knapp 30 davon sind aus Material der Bevölkerung. Zum Preis von 22 Euro werden die Exemplare abgegeben. „Mit dem Preis werde ich keinen Gewinn machen, sondern in erster Linie meine Unkosten decken“, so Franke. Die mögliche Gewinnspanne sei zudem zu niedrig, um einen Vertrieb im Buchhandel zu ermöglichen.

Buch-Premiere auf dem Kartoffelfest

Das Buch wird daher erstmals zum Kartoffelfest erhältlich sein und sozusagen „manuell“ vertrieben. Am Stand des Fördervereins Genthiner Stadtgeschichte wird Franke am 17. September das Buch im Volkspark anbieten. Danach ist es beim Bibliotheksförderverein „Jerichower Land“ in der Stadt- und Kreisbibliothek zu bekommen. Auch ein Versand ist gegen Gebühr möglich. 250 Exemplare werden gedruckt. „30 davon sind Freiexemplare, die beispielsweise an die Lektoren oder einige Mitwirkende gehen.“ Auch wird ein Buch an die Nationalbibliothek gegeben.

Bilder

Das Interesse an der Publikation war von Anfang an groß. Zuhörerplätze für einen Vortrag Frankes zur Zuckerfabrik in der Genthiner Bibliothek waren schnell belegt. „Wir haben sehr frühzeitig einen weiteren Termin vereinbart“, berichtete Bibliotheksleiterin Gabriele Herrmann. Vor den Veranstaltungen rechnete man in der Bibliothek mit 20 bis 30 Interessenten. Am Ende kamen 75. Viele brachten zu den Terminen bereits Unterlagen und historische Fotos mit.

Rege wurde während der Veranstaltungen das in einer PowerPoint gesehene Material diskutiert. Jüngere Aufnahmen vom betriebseigenen Blasorchester, von Treffen auf der Kegelbahn oder vom Betriebsgelände – in Frankes Präsentation erkannten sich viele wieder. Wenn er als Referent nach Namen oder Fakten rang, sprangen ihm Zuhörer zur Seite. „Der Traktor hatte vier Zylinder, nicht fünf.“ „Können Sie mir sagen, was in diesem Gebäude untergebracht war? Aha, ein Arzt.“

So gestaltete sich nach und nach die Geschichte der Zuckerfabrik, die von 1901 bis 1990 einer der größten Arbeitgeber in der Region war und das Leben vieler Genthiner maßgeblich geprägt hat. Das Buch gibt einen anschaulichen und sehr umfänglichen Einblick in die bewegte Historie der Produktionsstätte. Dazu zählen die Auseinandersetzungen des Standortes mit dem damals herrschenden Zuckerkartell in den Jahren nach der Gründung sowie die Zuckerproduktion während der Kriege. Aber auch die Enteignung 1946 und die Übernahme als VEB Zuckerfabrik nach Gründung der DDR. In den 1970er-Jahren wurden in Genthin täglich etwa 1600 Tonnen, in den 80er Jahren 2000 Tonnen Zuckerrüben verarbeitet.

Einzigartige Beziehung zur Produktionsstätte

1990 wurde die Fabrik endgültig geschlossen. Berndt Franke, seit 1978 als Ingenieur, Teil des Betriebes, musste sich, wie viele andere auch, beruflich neu orientieren. Als er als Rentner damit begann, Fotos und Archivtexte für ein mögliches Buch zusammenzutragen, sei nicht daran zu denken gewesen, welche Wogen es einmal schlagen könnte. Man habe gespürt, dass viele Menschen eine einzigartige Beziehung zu der Produktionsstätte haben. „Deshalb ließ sich die geplante Auflage von 100 Exemplaren am Ende verdoppeln“, so der Autor. Er selbst habe auch dazugelernt. „Es gab schon einige Details und Ergänzungen, die auch mir neu waren.“ Auf einem historischen Bild ist eine Lokomotive zu sehen aus der ein Mann heraus schaut.

„Ich war mir sicher, den Mann zu kennen und ihn benennen zu können“, erläutert Franke. Doch ein älterer Herr konnte beim Blick auf das Foto korrigieren: „Das ist doch nicht der Lokführer, sondern ein Schlosser.“ Fehlende Namen wurden hier und da auch aus der Ferne zugeliefert. Ein ehemaliger Fabrikmitarbeiter, heute in Bielefeld lebend, konnte diesbezüglich aushelfen. Auch aus der Region wurde Material zur Verfügung gestellt.

„Im Grunde war die Zuckerfabrik ein Arbeitgeber, der auf den gesamten Altkreis Genthin ausstrahlte“, sagt Franke. So wundert es nicht, wenn auch aus Güsen, Parey oder Hohenseeden Informationen beigesteuert wurden. Selbst die Firma Nordzucker, die den Betrieb nach der Wende übernahm und letztlich dessen Schließung umsetzte, unterstützte das Projekt. Aufgrund des großen Interesses gibt es bereits einen Termin für eine Lesung. Am 5. Oktober ab 18 Uhr wird Berndt Franke aus dem Buch vortragen. Auch hier empfiehlt sich eine Voranmeldung für eine Platzreservierung. Diese ist unter der Telefonnummer 0 39 33 / 80 56 27 möglich.