Genthin/Burg l Hinter Uwe Jürgens, Vorsteher des hiesigen Finanzamtes, liegen 18 Jahre auf dem Chefsessel der Genthiner Behörde. Ab Dezember wird der Jurist, der bisher zwischen Berlin, Magdeburg und Genthin pendelte, eine neue berufliche Herausforderung bei der Investitionsbank Sachsen-Anhalt übernehmen.

Jürgens musste zum Abschluss seiner Zeit im Jerichower Land die Behörde durch unruhige Corona-Fahrwasser schiffen. Das ließ ihm keinen öffentlichen Raum für Abschiedsstimmung. Eher für Aufbruch und Management in schwierigen Zeiten.

200 Stundungen zum Jahresende

Ein vom Bund geschnürtes Paket steuerlicher Hilfen für Unternehmen, um ihre Zahlungsfähigkeit zu verbessern, hat zwangsläufig auch den Arbeitsalltag des Genthiner Finanzamtes mit seinen 118 Mitarbeitern und sieben Auszubildenden vor große logistische Herausforderungen gestellt. „Wir haben Stundungen gewährt wie nie zuvor“, belegt Uwe Jürgens. Aktuell liefen zum Jahresende 200 dieser Stundungen aus. Betroffen davon seien kleine und mittlere Unternehmen. Auf Antrag kann der Steuerpflichtige die Zahlung der Einkommen- und Körperschaftsteuer sowie der Umsatzsteuer zeitlich verschieben.

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Die Gewährung solcher Hilfen wie die Stundungen hätten die Arbeitsstruktur des Genthiner Finanzamtes „grundlegend auf den Kopf gestellt“, blickt Jürgens auf das Corona-Management der vergangenen Monate zurück. Denn: Das Finanzamt steht vor der Aufgabe, solche Verfahren und Bearbeitungen aus eigener Kraft mit eigenem und damit ohne zusätzlichen Personal zu stemmen. „Wir haben deshalb den Außendienst eingeschränkt und alle uns möglichen personellen Ressourcen freigesetzt“, erklärt der scheidende Vorsteher.

Arbeitsstruktur auf den Kopf gestellt

Konkrete Angaben darüber, in welchem Maße kleinere Unternehmen bisher von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, Steuervorauszahlungen für 2020 und bereits gezahlte Steuern für 2019 sich zurückerstatten zu lassen, wären, so Jürgens, rein spekulativ. Denn die Anzahl der betreffenden Steuerpflichtigen werde technisch nicht erfasst und könne deshalb nicht ermittelt werden. Am Anfang der Pandemie sei Jürgens zufolge die Unsicherheit über die eigenen Gewinnprognosen bei den Steuerpflichtigen generell größer gewesen und damit auch die Tendenz, die Vorauszahlungen herabsetzen zu lassen. Mittlerweile merkten viele, dass das unter Umständen zu einer größeren Nachzahlung im nächsten Jahr führe und behielten die ursprünglichen Vorauszahlungen bei.

Der scheidende Vorsteher schließt sich nicht Prognosen aus Wirtschaft und Politik darüber an, wie sich die Zahl der Insolvenzen bedingt durch die Corona-Krise entwickeln könnte. Er bleibt bei der nüchternen Feststellung, dass es vielen Unternehmen im Jerichower Land je nach Größe trotz staatlicher Corona-Überbrückungshilfen an Liquidität fehlen werde. „Wir müssen deshalb versuchen, so gut es geht, die Unternehmen liquide zu halten.“ Er betont dies besonders vor dem Hintergrund der deutlich eingebrochenen Steuereinnahmen auch im Zuständigkeitsbereichs des Finanzamtes Genthin.

Millionen Euro weniger Steuern

Bis Ende Oktober 2020 beliefen sich die Steuereinnahmen auf zirka 194 Millionen Euro, damit fallen die Einnahmen um zirka 3,3 Millionen Euro geringer aus als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Rückläufige Einnahmen träfen allerdings nicht alle Branchen gleichermaßen. „Ganz arm“, sagt Jürgens, sei da die Freizeitbranche dran.

Umsatzsteuer gesenkt

Kleinere Einbußen habe das Finanzamt bei den Umsatzsteuereinnahmen zu verzeichnen. Sie sanken seit Jahresmitte im Vergleich zum Vorjahr um mehr als drei Millionen Euro. Ein Teil dieser Mindereinnahmen gehe auf die Mehrwertsteuersenkung zurück, ein anderer Teil auf schwindende Umsätze, erklärt Jürgens.

Bei der Mehrwertsteuersenkung, sie ist zum 1. Juli in Kraft getreten, sank der reguläre Satz von 19 auf 16 Prozent, der ermäßigte von sieben auf fünf. Von der Umsatzsteuersenkung profitieren die Verbraucher.

Zirka 10.000 gewerblich Steuerpflichtige fallen in den Zuständigkeitsbereich des Genthiner Finanzamtes. Die Behörde registrierte für das vergangene Jahr ein Steueraufkommen in Höhe von 247 Millionen Euro.