Genthin l Es ist Zufall, dass beide Männer, nicht nur ihr ungewisses Schicksal, sondern auch der Vorname eint. Für die eine Familie ist es Onkel Werner, für die andere Familie ist es Opa Werner. Als Angehörige der Wehrmacht gelten sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges als vermisst. Alle Versuche, auch über den DRK-Suchdienst, das Schicksal dieser beiden Männer aufzuklären, blieben ergebnislos.

Dies ändert nichts daran, dass trotz der vielen Jahre, die seither vergangen sind, die beiden Vermissten ihren nachfolgenden Generationen in Erinnerung geblieben sind, obwohl sie sich nie begegnet sind.

Werner, der Großvater von Marita Flade aus Genthin, kam nicht aus Stalingrad zurück. Marita Flade weiß wenig darüber, wann genau ihr Großvater mit welcher Einheit an die Ostfront und dann nach Stalingrad kam und an welchen Kämpfen er beteiligt war. Alles Militärische an ihrem Großvater ist ihr fremd, für sie ist er Teil der Familie, der Opa, der sie nie streicheln oder liebkosen konnte. Zugang zu ihrem unbekannten Großvater fand sie über die Briefe, die er an seine Frau Bertha schrieb, die er mit vier Kindern in einem kleinen Dorf bei Havelberg zurückließ, als er in den Krieg ziehen musste. Sein fünftes Kind, einen Jungen, hat er nie kennengelernt. An die 20 durchnummerierte Briefe schickte der Familienvater und gelernte Maurer allein aus Stalingrad in Richtung Heimat. In den letzten berichtet er davon, jetzt im Kessel festzusitzen, davon, dass es sehr kalt sei, und davon, dass es wenig Verpflegung gebe.

Briefe über Jahre aufbewahrt

Die Briefe hat Marita Flades Großmutter, die erst bei der Beantragung ihrer Rente bereit war, ihren Mann für tot zu erklären, sorgsam über Jahre aufbewahrt, ohne ihnen einen einzigen Knick oder Fleck zuzufügen. Erst nachdem auch sie verstorben war, wurden die Briefe von ihren Kindern entdeckt. Heute sind diese Briefe, die letzten Lebenszeichen des Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, so etwas wie ein identitätsstiftendes Bindeglied in einer inzwischen sehr großen Familie.

Alle zwei Jahre gibt es seit dem Tod der Großmutter Familientreffen, bei denen aus den Briefen des in Stalingrad vermissten Großvaters gelesen wird. Die Briefe befinden sich heute im Besitz eines Onkels von Marita Flade. „Es sind sehr zu Herzen gehende Briefe“, erzählt die Genthinerin, eines von insgesamt 15 Enkelkindern des Paares. Der Mann, dem mit seinen von harter Arbeit gezeichneten Hände das Schreiben sicherlich schwer fiel, schrieb liebevolle Zeilen, offensichtlich auch in der Absicht, seine schwangere Frau und seine Kinder nicht zu sehr zu ängstigen. „Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen“, sagt seine Genthiner Enkelin. Es würde sie zutiefst berühren, wenn ihr Großvater in seinen Briefen von „meinem lieben Berthachen“ spricht, die in den Nachkriegsjahren auf sich gestellt fünf Kinder allein groß zog. „Wir Nachgeborenen fühlen uns unserem Großvater mit seinen Briefen aus Stalingrad immer noch sehr nahe“, sagt die Genthinerin.

Auch 75 Jahre nach Kriegsende sollte es 2020 im April ein Familientreffen, diesmal wählte die Familie das Thema „Orte“, im Geburtsort des Großvaters in Kyritz geben. Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Marita Flade ist sicher, dass dafür ein neuer Termin gefunden wird. Ein Vergessen gibt es in der Familie von Marita Flade nicht.

Anders als Großvater Werner hinterließ Onkel Werner, mit vollständigem Namen Werner Ziegeler, ein junger, lediger Mann von Anfang 20 aus Bergzow im ehemaligen Landkreis Jerichow II, weder Frau noch Kinder. Er schrieb im Frühjahr 1945 aus Italien an seine Eltern, dass der Krieg jetzt aus sei und er endlich die Heimreise antreten könne. Doch er kam nie in Bergzow an, alle Versuche, seinen Verbleib und Umstände seines Todes zu klären, blieben erfolglos. „Wir gehen davon aus, dass er durch Partisanen den Tod gefunden hat“, sagt seine Nichte Siegrid. Daheim in Bergzow blieb Werner über Jahrzehnte in der guten Stube des Bauernhofes seiner Eltern mit einem großen Porträt an der Wand präsent. Damit wuchs auch Siegrid Behrens, seine Nichte und Tochter seines Bruders Fritz, auf, der das Anwesen seiner Eltern in den 1950er Jahren übernahm. Siegrid Behrens ist mit dem Schmerz der Familie über das ungeklärte Schicksal Werners groß geworden. Sie spricht heute von ihrem vermissten Verwandten von „Onkel Werni“, ein Indiz dafür, dass der Verschollene auch Jahre nach seinem Tod immer noch gegenwärtig ist, obwohl seine Eltern und sogar sein älterer Bruder Fritz längst verstorben sind.

Schicksal nicht aufgeklärt

Siegrid Behrens und Marita Flade haben inzwischen die Suche nach ihren vermissten Angehörigen aufgegeben. Auch nachdem die Mauer fiel und die russischen Militärarchive für die Suchdienste direkt zugänglich gemacht wurden, konnte das Schicksal von Marita Flades Großvater nicht geklärt werden. Einen neuen Anlauf für die Suche nach den beiden Vermissten können sich sowohl Marita Flade als auch Siegrid Behrens nach etlichen Misserfolgen nur schwer vorstellen.

Anders als jene insgesamt 10.091 Angehörigen, die noch im vergangenen Jahr beim DRK-Suchdienst Anfragen nach Auskünften über den Verbleib und die Schicksale von Kriegsvermissten stellten. Davon konnte der DRK-Suchdienst knapp 7300 Anfragen, wie es offiziell heißt, „abschließend bearbeiten“. Bei zirka 20 Prozent der Anfragen konnte nach über sieben Jahrzehnten eine sogenannte schicksalsklärende Auskunft erteilt werden.

Es sei tatsächlich so, dass mittlerweile viele aus der Enkel-Generation, oft auch im Auftrag der Großeltern, einen Suchantrag stellen, antwortete Dr. Dieter Schütz, DRK-Pressesprecher aus Berlin, auf Anfrage der Volksstimme. Nach Aussage des Pressesprechers gebe es aber auch viele Kinder aus der Kriegsgeneration, die inzwischen über 80 Jahre alt seien und zum Ende ihres Lebens nochmal Klarheit haben wollen. Dass das Interesse am Schicksal der Kriegsverschollenen noch groß ist, haben den DRK-Suchdienst und das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) veranlasst, die Suche nach Vermissten voraussichtlich noch bis zum Ende des Jahres 2025 zu verlängern.

Ursprünglich sollte die Arbeit des DRK-Suchdienstes zu Verschollenen des Zweiten Weltkrieges Ende 2023 auslaufen. Deshalb hatte das DRK in Absprache mit dem Ministerium bereits die Bevölkerung dazu aufgerufen, Anfragen zu im Krieg vermissten Angehörigen möglichst bald, spätestens bis Ende Dezember 2021, zu stellen.

Die Suche nach Vermissten geht nach Jahrzehnten in die Verlängerung. Eine Chance für Menschen, für die die Geschichten von Marita Flade und Siegrid Behrens beispielhaft haft stehen.