Stadtgeschichte

Ein fast vergessener Schulfachmann mit Genthiner Wurzeln

Der Lehrer und Ministerialbeamte Otto Karstädt war in der Weimarer Republik ein reformorientierter Pädagoge und bekannter Schultheroretiker

05.07.2021, 17:00
Otto Karstädt (1876 - 1947) war Schultheoretiker und Ministerialrat, der seine Jugend in Genthin verlebt hat.
Otto Karstädt (1876 - 1947) war Schultheoretiker und Ministerialrat, der seine Jugend in Genthin verlebt hat. Foto: Günter Heine

Mike Fleske

Einst gehörte er zu den wichtigsten Schultheoretikern seiner Zeit, förderte die Reformpädagogik in der Weimarer Republik und ist heute doch nur einem kleinen Kreis von Interessierten und Wissenschaftlern ein Begriff: Otto Karstädt.

Am 7. August 1876 kommt er in Wust als Sohn eines Landwirts zur Welt. In der Altmark und in Genthin verbringt er seine Jugendzeit. Früh schlug er den Weg zum Pädagogen ein, besuchte zwischen 1891 und 1894 die Präparandenanstalt in Genthin und danach bis 1897 das evangelische Lehrerseminar in Osterburg. Danach ist er bis 1908 als Lehrer in der Altmark und Magdeburg tätig.

Plattdeutsche Gedichte und schultheoretische Abhandlungen

In dieser Zeit erscheinen auch einige Bücher in niederdeutschen Sprache, etwa „Gedichte in niederdeutscher Mundart“ oder „Drollige Koltur- un ändre plattdütsche Geschichten un Gedichten.“ Nach seiner Mittelschullehrer- und Rektorenprüfung in Magdeburg ist er Volksschulrektor in Bad Schmiedeberg und in Nordhausen.

Mitten im Ersten Weltkrieg promoviert Karstädt 1915 in Jena. 1919 wird er Geheimer Regierungsrat und als Ministerialrat im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in Berlin tätig. Er ist Mitglied der SPD und der Deutschen Liga für Menschenrechte. In den 20er Jahren beschäftigt ihn die Reformpädagogik seiner Zeit, so schreibt er etwa über die Hamburger Versuchsschulen, dass diese sich „stark entwickelt und ihre Stellung gefestigt“ hätten.

Die Versuchsschulen der Hansestadt nehmen zu dieser Zeit Schüler aus allen Stadtteilen auf und verzichten auf die Prügelstrafe, zu Beginn der 20er Jahre auch auf das Sitzenbleiben. Zudem sollten alle an der Schule beteiligten, also Lehrer, Schüler und Eltern zu einer Gemeinschaft zusammengeführt werden.

Professur an der hochmodernen Akademie Hannover

Politisch wird das Konzept stark kritisiert. Dem Wort des Schultheoretikers Karstädt kommt in dieser Debatte daher besonderes Gewicht zu. Überhaupt sind von ihm viele schultheoretische Schriften überliefert, etwa Vorlagen für Diktate, mit Unterrichtsinhalten, oder auch Hinweise für das Hochschulschulstudium von Volksschullehrern.

Von 1929 bis 1932 hat Karstädt eine Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaften und Unterrichtswissenschaften an der Pädagogischen Akademie Hannover inne. Damals eine hochmoderne Einrichtung, die aber nur kurz Bestand hat.

Letzte Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg

Bereits 1931 stellt die preußische Regierung die Bauarbeiten am „neuartigen Bildungszentrum“ wieder ein. Ursachen waren die Weltwirtschaftskrise, Sparzwänge der Regierung und ein Lehrerüberschuss. Die Akademie wird mit dem Wintersemester 1931/32 geschlossen. Karstädt wird in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Doch der Endfünfziger ist weit davon entfernt, sich zur Ruhe setzen zu wollen. Er kehrt nach Berlin zurück und wird in den 30er und 40er Jahren Mitarbeiter bei zwei Schulfachzeitschriften, zudem ist er im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin tätig.

So kommt er durch den Zweiten Weltkrieg. 1946 erhält der nunmehr 70-Jährige einen Lehrauftrag für Methodik des Deutschunterrichts an der Universität Berlin und beteiligt sich an der Neufassung der Volksschulmethodik in der Sowjetischen Besatzungszone. Er stirbt am 7. August 1947 in Berlin.