Genthin l Gewöhnlich sind Pressemittteilungen der Genthiner Feuerwehr sachlich, kurz und knapp gefasst. Anders Ende vergangener Woche, als Michael Voth, Pressesprecher der Genthiner Feuerwehr, über die Beseitigung einer Ölspur entlang der Jerichower Straße informierte. Von Beleidigungen und Pöbeleien war da die Rede – Vorkommnisse, die im beschaulichen Genthin bisher eine Seltenheit waren, weil sie kaum öffentlich gemacht wurden.

Anders in Oschersleben, wo ehrenamtlichen Feuerwehrleuten vor einigen Wochen bei einem Gashavarie-Einsatz, in dessen Verlauf Absperrungen und Evakuierungen vorgenommen werden mussten, Schläge von Passanten angeboten bekamen. Oder in Bad Kösen (Burgenlandkreis). Dort ist es der Feuerwehr mit solchen und ähnlichen Ärgernissen längst zu viel. Ihre Fahrzeuge fahren zu den Einsätzen mit Aufklebern an die Adresse die Stänker gerichtet. „Gewalt geht gar nicht. Deine Feuerwehr“, steht darauf.

So dramatisch ist die Situation in Genthin glücklicherweise nicht. Pöbeleien und Beleidigungen, wie sie sich in der vergangenen Woche in Genthin zugetragen haben, kämen über das ganze Jahr betrachtet, eigentlich selten vor, räumt Michael Voth ein.

Einen Grund, dies zu verharmlosen, sieht der Feuerwehrmann trotzdem nicht. Gerade bei der Beseitigung von Ölspuren oder auslaufenden Flüssigkeiten nach Unfällen, wenn für die Arbeit der Feuerwehr die Straße teilweise oder komplett gesperrt werden muss, seien Beleidigungen leider fast schon die Regel, berichtet er. Da werde gehupt, der Vogel oder Mittelfinger gezeigt. Manche Verkehrsteilnehmer wollten nicht verstehen, warum sie in ihrer persönlichen Freiheit, mit ihrem Auto zu jeder Zeit überall hinzufahren, plötzlich durch die Feuerwehr eingeschränkt werden.

Fast über den Fuß gefahren

Besonders in Erinnerung geblieben ist Michael Voth ein Einsatz, bei dem beginnend ab der Kreuzung Gröblerstraße, eine größere Ölspur auf der Umgehungsstraße zu beseitigen war und dafür die Straße voll gesperrt werden musste.

Hier sei es zu Diskussionen und Beschimpfungen gekommen. Ein Autofahrer habe sämtliche Absperrungen ignoriert und wäre beinahe einem Feuerwehrmann über den Fuß gefahren. Nachrichten über Pöbeleien gibt es mittlerweile nahezu wöchentlich aus dem gesamten Bundesgebiet und schon lange nicht mehr nur aus Großstädten. Aus der Sicht der Genthiner Feuerwehr glaubt Michael Voth mittlerweile in der Kanalstadt von „einer leicht steigenden Tendenz“ solcher Vorkommnisse sprechen zu können. Sein Urteil fällt nachdenklich aus: „Der Ton auf der Straße ist rauer geworden, das merkt man sowohl privat im Straßenverkehr als auch als Einsatzkraft. Es herrscht immer weniger Respekt gegenüber den Einsatzkräften von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr.“

Offizielle Reaktionen auf den konkreten Vorfall Ende vergangener Woche in Genthin gibt es bisher wenige. Thomas Barz (CDU), als Beigeordneter zuständig für den Bereich Brand- und Katastrophenschutz, sagte der Volksstimme, dass es im Jerichower Land bisher nur sehr vereinzelt solche Vorkommnisse gegeben habe. „Bei dem Einsatz in Genthin haben einige Verkehrsteilnehmer Moral und Anstand vermissen lassen“. Der Landkreis arbeite intern daran, die Einsatzkräfte auf solche Situationen vorzubereiten beziehungsweise zu schulen.

Feuerwehr setzt auf Deeskalation

Kreisbrandmeister Walter Metscher war kurzfristig über den Vorfall in Genthin informiert worden. „Es ist leider so, dass dies kein Einzelfall mehr ist, so etwas häuft sich mitt-lerweile“,bestätigte er die Erfahrungen der Feuerwehrleute. Der Egoismus greife unter den Verkehrsteilnehmern immer mehr um sich, die Leute ließen sich nichts mehr sagen. Metscher verwies darauf, dass Deeskalierung ein wichtiger Teil der Ausbildung für Feuerwehrleute sei. Wenn die Feuerwehrleute genauso reagierten wie die aufgebrachten Verkehrsteilnehmer, wäre das kaum vorstellbar.