Genthin l SS-Runen auf der Jacke, T-Shirts mit Wehrmachtsaufdruck - die Symbolik der extrem Rechten ist deutlich, manchmal aber auch hintergründig, etwa durch bestimmte Zahlenkombinationen. Bekannt ist etwa die „18“, für den 1. und 8. Buchstaben des lateinischen Alphabets als Synonym für die Initialen Adolf Hitlers. Über solche Symbole referierte in dieser Woche Georg Schütze vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt in einem Online-Vortrag, der seitens der Koordinierungsstelle des Bundesprogrammes „Demokratie leben!“ in Genthin angeregt worden war.

Offenes Angebot

„Wir haben diesen Vortrag als offenes Angebot für alle Interessierte konzipiert, da es durchaus wichtig ist, bestimmte Symbole zu erkennen, wenn etwa Kinder und Jugendliche im eigenen Umfeld sie verwenden“, erläutert Elke Förste, Demokratie-leben-Koordinatorin in Genthin den Hintergrund. „Inhaltlich war es mir wichtig, sensibel für die teils sehr subtilen und versteckten, teils aber auch offen feindlichen Symbole von Neonazis und der extremen Rechten zu sein“, erklärt Georg Schütze.

Kritisch diskutieren

Er ruft dazu auf, solche Symbole kritisch zu diskutieren, wenn sie den Teilnehmern begegnen. „Unter den Zuhörern waren Mitarbeiter aus Einrichtungen für Jugendliche und junge Erwachsene, dort ist eine klare, wertebasierte Positionierung enorm wichtig. Diese Werte können die Menschenrechte, das Grundgesetz oder auch abstraktere Dinge wie Toleranz, Menschlichkeit, Antirassismus, Antifaschismus, Freiheit, Demokratie und noch viele mehr sein.“ Schütze machte aber auch deutlich: „Mit Verboten kommt man da oft nicht weit, wichtiger ist es, Fragen zu stellen, welche Funktion hat es für einen jungen Mann, sich Wehrmachts-T-Shirts, auf denen eine archaische Männlichkeit propagiert wird, anzuziehen oder was motiviert eine junge Frau, sich abwertend gegenüber Jüdinnen und Juden zu äußern?“

So sei es auch notwendig zu erörtern, welche Erfahrungen diesen jungen Leuten fehlten und wie Möglichkeiten für solche Erfahrungen mit Menschen aus anderen sozialen Gruppen gestaltet werden. Diese Diskussionen, auch die Beschäftigung mit bestimmten Symbolen, laufen in der Region bereits seit vielen Jahren. „Man muss darüber aber immer wieder informieren“, sagt Bernd Neumann, früherer Leiter des Genthiner Morus-Jugendhauses und heutiger Vorsitzender des Morus-Fördervereins.

Offene Szene existiert so nicht mehr

Vor Jahren habe es eine offene rechte Szene gegeben, die heute so nicht mehr existiere. Ob einschlägig bekannte Sportvereine oder bestimmte Treffpunkte, vieles gäbe es nicht mehr. „Vor 15 oder 20 Jahren waren diese Dinge tatsächlich wesentlich präsenter im Alltag, das bedeutet nicht, dass es sie nicht mehr gibt“, meint Neumann. In der Hochphase hätte es auch manche Diskussion im Jugendhaus gegeben.

Ein Ergebnis dieser Beschäftigung war vor rund zehn Jahren die vom Landeskriminalamt gestaltete Ausstellung „Auf leisen Sohlen in die Mitte der Gesellschaft“ gewesen, die mit Nazi-Klischees wie Glatzen und Bomberjacken aufräumte und zeigte, wie geschickt mit Bekleidung oder unscheinbaren Emblemen in die Gesellschaft eingedrungen werde. „Die Ausstellung wurde von Jugendlichen gut besucht und interessiert verfolgt, aber bei der zweiten Zielgruppe, den Erwachsenen, war die Resonanz leider viel spärlicher“, erinnert sich Neumann. Es sei daher gut, wenn immer wieder ein Bewusstsein geschaffen werde.

Ähnlich äußert sich die Genthinerin Ulrike Paul, die das Jugendhaus in Parey sowie Tanz- und Gesangsgruppen leitet.

Heute läuft es über Tatoos

Aus ihrem Umfeld kenne sie aktuell das Zurschaustellen einschlägiger Symbole nicht, allerdings habe es so etwas durchaus bereits gegeben. „Wir haben dann im Jugendhaus deutlich gemacht, dass wir Bekleidung bestimmter sogenannter rechter Marken nicht wollen und haben das Gespräch mit den Jugendlichen gesucht, die so bekleidet unser Haus besucht haben“, erinnert sich Paul. Sie meint, dass die Art seine Anschauung zu zeigen, abgenommen habe. „Häufig läuft heute der nonverbale Kontakt über Tattoos und die werden im Alltag verdeckt.“

Allerdings habe der Vortrag durchaus die Sinne geschärft: „Viele Symbole, viele Codes kannte ich vor dem Vortrag nicht“, sagt sie. Es sei eine Möglichkeit, genauer hinzuschauen. Für Referent Schütze ein gutes Ergebnis: „Aus dieser Sicht ist es das Beste, was nach so einem Vortrag passieren kann, dass eine Teilnehmerin noch motivierter ist, das eigene Umfeld kritisch und zivil couragiert zu gestalten und etwa klare Absagen an Symbole und Marken erteilt, die eine menschenverachtende Ideologie transportieren.“