Jerichow l „Lassen Sie uns doch hier ein Modell-Projekt entwickeln und die Region zum Vorreiter in der Infrastruktur und dem Betrieb des autonomen Fahrens werden“, appellierte Jürgen Dietz, Leiter des Gittermastherstellers „WIEGEL Parey GmbH & Co KG“ an Staatssekretärin des Ministeriums für Bildung, Eva Feußner (CDU). Diese Idee entwickelte Dietz aus einer Gesprächsrunde, gemeinsam mit Vertretern des Redekiner Traditionsbetriebes, dem Gemeinde-Bürgermeister Harald Bothe und dem Ortsbürgermeister von Jerichow, Andreas Dertz.

Auszubildende wollen nach Burg

Anlass der Gespräche waren die bei einer Betriebsführung mit Wirtschaftsminister Prof. Dr. Armin Willingmann (SPD) im Juli angesprochenen Probleme im Gewinnen von Auszubildenden. Hier lehnen, laut Aussage von Birgit Postrach, kaufmännische Leiterin im Personalwesen in der Redekiner Firma, die eventuell in Frage kommenden Auszubildenden den Abschluss eines Lehrvertrages ab, „wenn sie erfahren, dass sie zur Berufsschule nicht nach Burg, sondern nach Magdeburg oder Haldensleben müssen.“ Voraussichtlich wird eine Berufsschul-Klasse in Burg für die Ausbildung zum Industriekaufmann nicht eröffnet – aus Mangel an Auszubildenden.

Das führe dazu, dass die Frauen und Männer in den sauren Apfel beißen müssten und die längeren Anfahrtswege zur Berufsschule in Haldensleben oder Magdeburg in Kauf nehmen. „Das ist vielen einfach zu weit“, so Postrach und zeigt dafür Verständnis. Die Entscheidung aus dem Bildungsministerium über die Weiterführung der Berufsschulausbildung zum Industriekaufmann an der Berufsbildende Schule „Conrad Tack“ in Burg, wird bis Ende des Monats September 2019 erwartet.

Kleine Ausbildungsklassen gefordert

An die Adresse von Staatssekretärin Feußner richtet die Personal-Chefin mehrere Bitten: Erstens, zu prüfen, ob doch kleinere Klassen möglich seien, und als zweites, eventuell Ausbildungsklassen zusammenzulegen und drittens, die Ausbildung so zu gestalten, dass eine Blockausbildung möglich sei. „Dann könnten die Auszubildende für diese Zeit in Pensionen untergebracht werden und brauchen nicht täglich fahren.“

Denn die Bewerber möchten hier in der Heimat, bei ihren Freunden und der Familie bleiben, doch dazu müssen die Bedingungen vor Ort attraktiv sein, weiß der Redekiner Betriebsleiter Mario Holländer. „Dazu zähle auch ein Nahverkehr, der nicht an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeiplane.“ Die Einführung des sogenannten Azubi-Tickets sei ein erster Schritt. Über die Finanzierung des werde derzeit in den Ministerien gestritten.

Nahverkehr nicht ausreichend

Wann es eingeführt werde, dazu kann sich Staatssekretärin Feußner nicht äußern. Obwohl im letzten Herbst vom Landtag beschlossen, sei die Finanzierung nicht geklärt, doch Feußner geht davon aus, dass es noch in dieser Legislaturperiode geschieht. „Doch was nützt uns ein Azubi-Ticket“, nimmt Geschäftsführer Jürgen Dietz den Gedanken auf, „wenn sich hier der Nahverkehr immer mehr aus der Fläche zurückziehe.“ Solche Zuschüsse seien praktikabel für die Stadt, jedoch unzweckmäßig für den ländlichen Raum.

Harald Bothe und Andreas Dertz könnten sich vorstellen, einen Unternehmer vor Ort mit dem Transport der Auszubildenden als auch der Mitarbeiter zu beauftragen. Die Firma Wiegel würde sich daran beteiligen, „wichtig ist, dass wir unsere Auszubildenden und Fachkräfte hier etwas bieten können und in der Region halten.“ An einer weiteren Urbanisierung, also Verstädterung ist weder der Politik noch der Wirtschaft gelegen-

Testnetz für autonomes Fahren gefordert

Doch wie gegensteuern? Entscheidend sei die Mobilität und damit das schnelle, verzugslose Erreichen von Arzt, Einkaufs- und Freizeiteinrichtungen und natürlich des Arbeitsplatzes. Hier komme der Mobilfunkstandart 5 G ins Spiel, so Dietz. Die Region nördlich von Genthin biete sich dafür an, ein Testnetz für das autonome Fahren einzurichten, so der Diplomingenieur und schildert, dass die technischen Voraussetzungen bereits so weit seien.

„Es gehe in den Diskussionen um das autonome Fahren jetzt um rechtliche und ethische Fragen.“ Mit einem Modellprojekt zum vernetzten und automatisierten Fahren würde das nördliche Jerichower Land zu einem technologischen Leuchtturm erwachsen, von dem alle profitieren würden, so Dietz, Jerichows Ortschef Dertz regte in der Runde ein regelmäßiges wirtschaftspolitisches Forum an, bei dem Partner aus der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens Meinungen austauschen und Ideen entwickeln können.

Mittlerweile sind 140 Mitarbeiter am Standort Redekin beschäftigt, darunter zehn Auszubildende, unter ihnen Industriekaufleute und Konstruktionsmechaniker. Am früheren Standort Parey, wo sich nach wie vor das Logistikzentrum befindet, werden 20 Mitarbeiter beschäftigt. Dort ist Wiegel seit 1958 tätig. Die Wiegel-Gruppe hat über 1800 Mitarbeiter an 37 Standorten in Europa.