Genthin/Burg l „Ich wünschte, ich hätte ein anderes Andenken“, sagt Jimmy aus Al-Raqqa in Syrien in dem vor drei Jahren gedrehten Dokumentationsfilm, in dem er seine Fluchtgeschichte erzählt. Aber es ist ihm nur dieser eine Stein geblieben. Wenn man die Erinnerungen nicht dazu zählt, die der heute 32-jährige IT-Ingenieur an die Folterungen hat, die er bei Verhaftungen erlitt, weil er 2011 am Volksaufstand beteiligt war und dann im syrischen Bürgerkrieg zu den Organisatoren des Widerstandes gegen die herrschenden IS-Kräfte gehörte. 2014 gelang ihm die Flucht aus Syrien und er kam nach Deutschland. Jetzt lebt er in Genthin.

Jimmy erzählte seine Geschichte anhand des Dokumentationsfilms am gestrigen Sonntag beim Eröffnungsgottesdienst der Interkulturellen Woche im Jerichower Land in der Genthiner St.-Trinitatis-Kirche auch deshalb wieder, weil er allen sagen möchte, dass er nicht aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen sei. Es sei ihm bis zum Bürgerkrieg gut gegangen in Ar-Raqqa, er hatte ein Haus und gute Arbeit. Nur die politischen Verfolgungen haben ihn von dort vertrieben.

Motto: Zusammen leben, zusammen wachsen

„Migrantenkinder sind wir alle“, erinnerte Pfarrerin Beate Eisert am Sonntag in ihren Worten zum Eröffnungsgottesdienst. Wir bräuchten nur in unserer jeweiligen Familiengeschichte weit genug zurückgehen. Eiserts Großeltern waren zum Beispiel Flüchtlinge, die einerseits aus Ostpreußen, andererseits aus Österreich nach Berlin kamen. Sie selbst hatte in Berlin als kleines Kind noch ein Papier, das sie als Ausländerin auswies. Eisert, die vor fünf Jahren nach Genthin kam, erinnerte an die Zeit, als die Gastarbeiter nach Deutschland kamen und an die Bibel, die voller Migrantengeschichten sei. „Migration gehört zur DNA unseres Landes“ und „wir alle sind ausgesetzt auf diesen Planeten“. Weshalb das Motto der Interkulturellen Woche „Zusammen leben, zusammen wachsen“ für jeden ein Bedürfnis sein sollte.

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2015 sind nach Angaben von Thomas Barz (CDU), Beigeordneter des Landrates, insgesamt 963 Syrer in das Jerichower Land gekommen. Ende Juli dieses Jahres sind es 434 Syrer mit Schutzstatus, die im Landkreis eine Heimat haben, 121 davon in Genthin. Zu denen Jimmy gehört, der nach Jahren der Arbeit für eine Nichtregierungsorganisation (NGO) in Berlin wieder nach Genthin gekommen ist. Er hat den Antrag gestellt, seine Frau - eine gebürtige Armenierin - nach Deutschland holen zu dürfen.

Inder, Italiener, Russlanddeutsche und mehr

Dass es nicht nur Syrer sind, die im Jerichower Land heimisch geworden sind, deren Kulturen, Religionen und Lebensweisen wir kennenlernen können, darauf verweist gegenüber der Volksstimme Elke Förste, Koordinatorin von der Fachstelle für Integration beim Landesvorstand Sachsen-Anhalt der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie zeichnet mit ihrem Netzwerk für die Organisation der Interkulturellen Woche verantwortlich. „Unter uns leben auch Inder, Pakistani, Thailänder, Italiener, Russlanddeutsche, Südafrikaner...“ Manche von ihnen schon so lange gut integriert, dass für diese selbst und ihre deutschen Nachbarn ihr Migrationshintergrund heute kaum noch eine Rolle spiele. Sie alle seien angesprochen, mit der Teilnahme an der Interkulturellen Woche gemeinsam mit uns Räume für Begegnungen zu schaffen, dass Menschen mit und ohne Migrationshintergrund andere Kulturen, Religionen und Lebensweisen kennenzulernen können, um so einen Beitrag für ein gut funktionierendes Miteinander zu leisten, um Sig- nale für eine gelebte Gesellschaft und ein Miteinander in Respekt und Gerechtigkeit zu setzen.

In Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren finden vom 20. bis 27. September in Burg, Genthin und Umgebung über 20 Veranstaltungen statt. Auf dem Programm stehen Bildvorträge, Schulworkshops, Theateraufführungen, Ausstellungen, Radtouren, Online-Workshops sowie Begegnungsprojekte.

Das Programm im Netz unter https://www.awo-sachsenanhalt.de/landesverband/informationen/aktuelles/nachrichten-detail/interkulturelle-woche-im-jerichower-land-vom-20-bis-27-september.html