Genthin l Mit einer so lebhaften Diskussion hatte der Schopsdorfer Ortsvorsteher Nils Rosenthal sicher nicht gerechnet, als er kürzlich in der Bürgerversammlung vorschlug, eine Mitfahrbank einzurichten und ein vereinsgetragenes Dorfauto anzuschaffen. Am Ende einigte sich die Runde auf eine Smartphone-Lösung, auf der Mitfahrangebote und Gesuche zusammengebracht werden sollen. Aber Rosenthal möchte die Vorschläge weiterverfolgen. „Ich denke, die Idee der Mitfahrbank ist sehr neu für einige, die Vorbehalte sind daher groß, aber man sollte diese einfach mal unter Einbeziehung der Nachbarorte aufbauen und schauen, wie sie sich entwickeln.“ Der Ortsvorsteher verweist auf das Beispiel Loitz in Mecklenburg-Vorpommern, wo diese Bänke sehr gut angenommen würden. Letztlich komme es bei der Mobilität auf dem Lande auf viele Komponenten an, etwa den Nahverkehr wie auch moderne Kommunikationsmöglichkeiten.

Acht Personen teilen sich Kosten einer Fahrt

Ähnlich äußerte sich auch der Berliner Architekt Philipp Oswalt in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Oswalt untersucht für das Bundesinnenministerium, wie autonomes Fahren die Mobilität auf dem Land verändern wird. Im Interview nennt er den bisherigen Linienverkehr auf dem Lande ein Auslaufmodell, da dieser für Nutzer unattraktiv und für die Kommunen unwirtschaftlich sei. Er zeigt stattdessen einige andere Möglichkeiten auf.

So biete der Kreis Offenbach, die Mitfahrt in Kleinbussen an. Nutzer könnten diese mit einer App oder auch telefonisch bestellen. Bis zu acht Personen teilten sich dann eine Fahrt, bei der es mehr Haltepunkte, als bei einer üblich Busstrecke gebe. Oswalt fordert sogar sogenannte „Mobilitäts-Hubs“ als neuen Dorfmittelpunkt. Dazu würde eine gut gestaltete Haltestelle für den öffentlichen Verkehr mit Wartebereich, sowie Parkplätze für Pendler und Fahrradständer mit Ladestationen für E-Bikes gehören. Vorschläge, die für die Ortsbürgermeister der Genthiner Dörfer gar nicht so abwegig sind.

Schwierigkeiten mit Technik bei Älteren

„Die Nutzung mit der App ist sicherlich eine gute Möglichkeit“, sagt etwa der Paplitzer Ortsbürgermeister Stefan Ohle. „Bei der App-Nutzung sehe ich jedoch bei den älteren Bürgern technische Defizite, nicht jeder hat ein Smartphone und kann sich somit gleichermaßen helfen.“

Für Ohle ist das autonome Fahren, das ebenfalls im Interview angesprochen wird, eines der größten Potenziale in den kommenden Jahren. „Die Technik wurde in den zurückliegenden Jahren extrem verbessert.“ Wobei Ohle auch die Bezahlbarkeit anführt. „Gerade zu Beginn wird diese Technologie sicherlich für den Bürger schwer finanzierbar sein, wenn aber öffentliche Verkehrsmittel damit ausgestattet wären, sehe ich hier eine große Chance, die Mobilität auf dem Land zu verbessern“, bringt er eine weitere Idee ins Spiel. Für Mützels Ortsbürgermeister Rüdiger Feuerherdt ist das Bestellen eines Busses via Smartphone-App auch in unserer Region denkbar. „Schon heute fahren Rufbusse auf einigen Strecken in unserer Region.“Allerdings sieht auch er künftig kleinere Busse in dieser Funktion, um das Angebot wirtschaftlich betreiben zu können. „Zusätzliche Abholpunkte sollten dann in den Ortschaften geschaffen werden, um die Attraktivität des Personennahverkehrs den neuen Möglichkeiten anzupassen.“Damit spricht Feuerherdt auch für all die Nutzer, die zwar durchaus den Bus nehmen würden, darauf aber verzichten, da die Haltestelle zu weit entfernt liegt, misslich etwa bei Einkäufen. In Schopsdorf war sogar bei der Bürgerversammlung geäußert worden, dass der Bus zeitweise im Nachbarort Magdeburgerforth ende – was einen zwei-Kilometer-Fußweg für die Fahrgäste bedeutet.

Haltestellen als dörflicher Treffpunkt

Gladaus Ortsbürgermeister Klaus Voth sieht im Spiegel-Gespräch, Möglichkeiten des Personentransports aufgezeigt, die teilweise schon in Städten erprobt werden. „Für die Zukunft könnten so Wege für die Optimierung des Nahverkehrs auf dem Lande eröffnet werden.“ Auch plädiert er der Wirtschaftlichkeit halber für kleinere Busse.

„Die alternative Nutzung einer App, um den Bus zu ordern, sehe ich heute eher bei jüngeren Leuten als bei den älteren Einwohnern, dieses könnte aber so zum Zukunftsmodell auf dem Lande werden.“

Bushaltestellen als Treffpunkte

Für ihn könnte sogar der Ausbau von Bushaltestellen zu Treffpunkten gelingen, „wenn das Modell von der Landbevölkerung angenommen und auch intensiv genutzt wird.“ Auf offene Ohren stoßen die Vorschläge auch bei Parchens Ortsbürgermeister Hubert Schwandt: „Das findet vollauf meine Zustimmung.“ Schwandt schlägt vor, dass ein flexibles App-Rufbussystem einfach mal ausprobiert wird.

Möglicherweise drei Tage in Parchen, drei in Gladau. „Dann kann man sich die Nutzung und die Kosten anschauen, denn das ist ein schwieriger Bereich, die Kommune hat wenig Möglichkeiten, das Land auch nicht.“ Daher müsse sehr genau auf einen wirtschaftlichen Betrieb geachtet werden. Eine Art Pilotprojekt könnte erste Erkenntnisse liefern.

Die Nahverkehrsgesellschaft Jerichower Land (NJL) sei für Anregungen immer offen, hatte Daniela Kramper von der NJL kürzlich im Volksstimme-Gespräch betont. Man wolle die Region auch künftig mit öffentlichen Verkehrsmitteln bedienen.