Genthin l Als Sebastian Witte am Wochenende auf dem elterlichen Grundstück in Genthin lässig in Shorts, T-Shirt und Flippflopps chillt, erinnert fast nichts mehr an den strahlenen Silbermedaillen-Gewinner der Internationalen Chemieolympiade von Paris, der in Schlips und Kragen für ein offizielles Foto in die Kamera lächelt. Zumindest auf den ersten Blick. Während die Silbermedaille daheim in Genthin längst ihren Ehrenplatz gefunden hat, bleibt dem Abiturienten die Freude über seinen olympischen Erfolg in seinen Gesichtszügen selbst im Schlabberlook erhalten.

Fünfstündiges Laborpraktikum

Bei seinem Abschneiden mit dem 57. Platz unter 578 Teilnehmern aus 80 Ländern legte er im Vergleich zum Vorjahr noch eine Schippe drauf: In Bratislava verpasste er eine Silbermedaille nur haarscharf um einen einzigen Platz und musste sich mit Bronze begnügen. Es habe in diesem Jahr „voll geklappt“, das gesamte Team sei einfach gut drauf gewesen, meint er nach Paris. Vielleicht, deutet er nur vorsichtig an, habe er anderen gegenüber den Vorteil gehabt, dass er durch seine erste Teilnahme an einer solchen Olympiade wusste, wie das Ganze ablaufen und was auf ihn zukommen würde.

Neben einer anspruchsvollen, fünfstündigen Klausur, die auch fortgeschrittenen Chemiestudenten großes Kopfzerbrechen bereiten würde, mussten die Teilnehmenden ebenfalls in einem fünfstündigen Laborpraktikum brillieren, berichtet Jan Bandemer, der als Pressesprecher des Schülerwettbewerbes „Chemie – die stimmt!“ den Weg des Genthiners mittlerweile seit einigen Jahren verfolgt.

Kein Freund von Superlativen

Sebastian Witte, der auch noch nach einer guten Woche detaillreich und mit sichtbarer Begeisterung die Lösungsschritte sowohl der theoretischen, als auch der praktischen Aufgaben aus dem Hut zaubert, meidet Superlative, wenn er von der Olympiade berichtet. Sein Urteil über den Schwierigkeitsgrad, der in Paris zu meistern war, fällt fast nüchtern aus: Es seien interessante Aufgaben gewesen, eben echte Herausforderungen, die seinen Ehrgeiz geweckt hätten. Das Chemie-Abi sei dagegen ziemlich leicht gewesen. Für ihn jedenfalls. Die Aufgaben der Olympiade werde er in den nächsten Tagen sicherlich mit Frederik Laurin Walter, einem Genthiner, der das Werner-von-Siemens-Gymnasium Magdeburg besucht, besprechen. Er hatte es in der finalen Qualifikationsrunde zur Olympiade zu einem respektablen siebenten Platz gebracht.

Dass Sebastian im vierköpfigen deutschen Nationalmannschafts-Team das beste Ergebnis erreichte, versucht er, nicht all zu hoch zu hängen. Es gebe deshalb keinen Grund zum Übermut, gibt er zu verstehen. Denn über die Platzierungen hätten mitunter nur hauchdünne Abstände von „0 und irgendwas“ entschieden. Insgesamt holte das deutsche Team jeweils zweimal Silber und Bronze. Gold gab es bis Platz 37, Silber bis Platz 101.

Studium in Leipzig

Olympia ist für den 19-Jährigen inzwischen abgehakt. Bevor er am 1. Oktober an der Uni Leipzig mit seinem Chemie-Studium anfängt, tut er es vielen Abiturienten seines Jahrgangs gleich Ein bisschen Ostsee, ein bisschen Motorrad, ein bisschen Fotografie ... „Ich gehe es in den nächsten Wochen bis zur Immatrikulation ruhig an“, scherzt er. Doch ein bisschen Chemie müsse trotzdem sein, schiebt er schnell nach.

Einstieg mit einem Schülerwettbewerb

Sebastian begann seine Karriere als Chemie-Olympionik vor vier Jahren beim bundesweiten Schülerwettbewerbes „Chemie – die stimmt!“. Dort errang der Gymnasiast zunächst einen Landessieg und konnte in den nachfolgenden Wettbewerbsjahren sogar den Titel als erster „Chemie - die stimmt!“-Bundessieger holen. Die Aufgaben für die Saison 2019/20, darauf macht Jan Bandemer aufmerksam, sind bereits online: www.chemie-die-stimmt.de

Um sich für das Nationalteam zu qualifizieren, mussten die Chemiefreaks im Vorfeld vier Stufen eines aufwändigen Auswahlverfahrens bestehen und sich dabei gegenüber zirka 2000 Mitbewerberinnen- und bewerbern durchsetzen.

In der letzten Stufe kommen die besten 15 Teilnehmenden für einen ganze Woche in Kiel zusammen, wo ähnliche Prüfungen wie bei der eigentlichen Internationalen Chemieolympiade zu absolvieren sind.