Immobilien

Preisschilder für Genthiner Häuser

Eine neue Internetseite verspricht, Immobilien schnell und übersichtlich zu bewerten, und drängt eifrig auf den Markt.

Von Mike Fleske

Genthin l Wie teuer ist die Gründerzeitvilla in der Genthiner Innenstadt? Was kostet das Eigenheim in Genthin-Süd, welchen Betrag muss man für ein Häuschen in Altenplathow anlegen? Informationen über diese Beträge gibt seit geraumer Zeit das Internet-Immobilienportal „Scoperty“. Ein Start-Up-Unternehmen aus München, das die Immobilienbewertung mittels Algorithmus vornimmt. Dahinter verbirgt sich ein elektronischer Prozess, der automatisch die Preise bestimmt.

Auf einer Landkarte sind quasi die Eigenheime in Genthin und den Ortschaften mit einem Preisschild versehen. Und wenn in der Genthiner Straße der Opfer des Faschismus eine Reihe von Häusern mit weit unter 100.000 Euro bewertet werden, darf es in der Brandenburger Ecke Mützelstraße schon ein wenig mehr sein. Zwischen 200.000 bis knapp unter 500.000 Euro sollen die Immobilen dort wert sein. Direkt preiswert wohnt man auch auf dem Dorf nicht. Wer in der Florian-Geyer-Straße in Mützel ein Haus kaufen möchte, kommt nicht unter 100.000 Euro davon und in der Tucheimer Schulstraße kommt man mit einer halben Million Euro bei einigen Immobilien nicht aus.

Was für viele klingt wie eine technische Internetspielerei, kommt bei Experten nicht ganz so gut an. „Ich denke, dass die Informationen solcher Plattformen eher irreführend sind. Das kann eigentlich nur ein Gutachter, noch besser ein Makler beurteilen“, findet etwa Frank Müller, Inhaber der Genthiner FM Immobilien. „Ein Gutachter stützt sich bei der Wertfindung hauptsächlich auf vorgeschriebene Kriterien, der Makler kennt den tatsächlichen Marktwert, bestimmt durch Angebot und Nachfrage.“ Größtes Manko für Müller ist aber, dass die deutschlandweit agierende Plattformen keine Mitarbeiter vor Ort haben und nicht im ländlichen Raum präsent sind. „Wir haben das mit verschiedenen Plattformen schon ausprobiert, die gehen hauptsächlich in Ballungsgebieten auf Kundenfang. Das ist dann so wie mit den rumänischen Dachdeckertruppen, die für den halben Preis eines ansässigen Handwerkers das Dach decken wollen und nach der ersten Abschlagszahlung verschwunden sind“, zieht er ein deutliches Fazit. Mit seiner Kritik steht Müller nicht allein da. Fred Nindel, Betreiber einer Zerbster Immobilienfirma äußerte sich gegenüber der Zerbster Volksstimme kürzlich so: „In meinen Augen sind diese Angaben irreführend. Die Zahlen und Werte sind oftmals realitätsfern.“ Und Bärbel Michael, Geschäftsführerin der Wohnungsbaugesellschaft Burg erklärt: „Wir arbeiten mit dieser Internetseite nicht und führen eigene Marktanalysen durch.“

Der Geschäftsführer und Gründer des Münchener Internetportals Scoperty, Michael Kasch, trat gegenüber der Volksstimme diesen Bedenken vor Kurzem entgegen: „Viele Eigentümer von Wohnungen oder Häusern wollen insgeheim verkaufen, haben aber Angst, sich zu schnell festzulegen und sich etwa in vertragliche Abhängigkeit von einem Makler zu begeben. Über Scoperty können sie unverbindlich eine erste Orientierung zum Wert und zur Attraktivität ihrer Immobilie erhalten.“

Dass seine Seite als einzige Quelle für Immobilieninteressenten sein soll, sieht auch der Gründer nicht: „Wir ermutigen Kaufinteressenten und Eigentümer zudem, den Scoperty-Schätzwert durch weitere Maßnahmen zu erhärten, wie zum Beispiel, die Immobilie selbst zu besichtigen, einen Immobiliengutachter heranzuziehen oder eine Marktwerteinschätzung, zum Beispiel durch einen Immobilienmakler, einzuholen.“ Aber natürlich möchte das Unternehmen gegebenenfalls auch mitverdienen. Wenn ein Interessent beim Verkauf einer Immobilie Unterstützung durch einen Makler wünscht, wird er von Scoperty zu einem Immobilienmakler weitergeleitet, der Partner von Scoperty ist. Auch in Fragen der Finanzierung wird das Unternehmen aktiv und vermittelt den Kontakt zu einem Baufinanzierer. Dafür erhalten die Münchener eine Vergütung.

Wie Nutzer mit den Informationen der Plattform umgehen, bleibt ihnen überlassen. Einen ersten allgemeinen Eindruck der Immobilienlage einer Region liefert die Seite, auch weil durch zusätzliche Funktionen Einrichtungen im Umfeld der gewählten Immobilien eingeblendet werden können. Ob jeder Hausbesitzer glücklich damit ist, dass sein Eigenheim auf diese Weise bewertet wird, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings lässt sich gegenüber den Anbietern auch Widerspruch einlegen.