Gelbe Karte für Geschäftsführung

Protestaktion von Mitarbeitern und Gewerkschaftern im Tarifkonflikt mit der inprotec AG

Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit, Kürzungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld und Entlohnung unter Tarif bewegen Mitarbeiter der inprotec AG in Genthin und Gewerkschafter zum Tarifkampf. Vor der Verhandlungsrunde am Donnerstag unterstreichen sie mit einer Protestaktion ihre Forderungen.

Von Susanne Christmann 20.07.2021, 16:02
In ihrer Freizeit senden die Inprotec-Mitarbeiter gemeinsam mit Gewerkschaftsvertretern der Firmengeschäftsführung das Signal: "Wir wollen alle fair entlohnt werden."
In ihrer Freizeit senden die Inprotec-Mitarbeiter gemeinsam mit Gewerkschaftsvertretern der Firmengeschäftsführung das Signal: "Wir wollen alle fair entlohnt werden." Foto: Susanne Christmann

Genthin - Mit einer Protestaktion unterstreichen Mitarbeiter der inprotec AG am Standort Genthin und zeitgleich auch am Standort Heitersheim am Dienstag in ihrer Freizeit gemeinsam mit Gewerkschaftern der IG Bau, Chemie, Energie ihre Forderungen im Tarifkonflikt mit der Geschäftsführung der im Chemiepark ansässigen Firma.

„Das ist kein Streik“, sagt Jan Melzer, zuständiger Gewerkschaftssekretär der Industriegewerkschaft Bau, Chemie, Energie, der Volksstimme. Vielmehr handele es sich um eine Protestaktion, an der sich etwa 80 Prozent der 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Genthin beteiligen, ihre Freizeit vor oder nach der Schicht und in den Pausen dafür nutzen. So wollen sie der Geschäftsführung vor der nächsten Verhandlungsrunde am Donnerstag die gelbe Karte zeigen. Dieser werde, wenn sich am Donnerstag nichts bewege, die rote Karte folgen und dann werde gestreikt - während der Arbeitszeit.

Beträchtliche Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit

Im März seien, so Melzer, Arbeitnehmervertreter, Betriebsrat und er als Verhandlungsführer in Tarifverhandlungen mit der inprotec-Geschäftsführung eingetreten. Hauptforderung: die Zahlung nach Flächentarif-Ost für alle inprotec-Mitarbeiter. Denn in Genthin würde nicht nur nicht nach Tarif gezahlt, sondern es gäbe auch bei so manchen der Mitarbeiter beträchtliche Lohnunterschiede, obwohl sie die gleiche Arbeit verrichteten. Auch Kürzungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld wollen sie nicht mehr hinnehmen. Denn die Firma, einer der europaweit größten Hersteller von Granulaten unter anderem für die Waschmittelindustrie, mache beträchtliche Gewinne.

Nur sähen die Mitarbeitenden davon nichts. Denn bis auf den letzten Cent würden diese laut Bilanzbericht an die Beteiligungsgesellschaft Paragon Partners aus München fließen, die im Sommer 2018 die Mehrheitsanteile der inprotec AG übernommen hatte. Laut Melzer würden solche Finanzinvestoren Firmen aufkaufen, sie als „Braut“ innerhalb von ein paar Jahren „hübsch“, also zum Beispiel durch Kostensenkungen beim Personal attraktiv für mögliche Käufer machen und sie dann gewinnbringend weiterveräußern. Nach vielen Verzichtsrunden und immer wieder neuen Eigentümern , so Melzer, wollten das die Mitarbeiter nicht mehr mitmachen.

Geringere Margen als Lohndienstleister

„Uns ist bewusst, dass im Unternehmen selbst und im Abgleich mit der Chemiebranche sichtbare Unterschiede in der Bezahlung existieren“, sagt inprotec-Personalchefin Martina Ortlieb. Diese seien aber nicht Ausdruck einer ungerechten oder unfairen Entgeltpolitik, sondern würden sich allein aus der Unternehmenshistorie und dem Unternehmenswachstum in den vergangenen Jahren begründen. Der inprotec AG sei es als Lohn-Dienstleister für große, international agierende Chemiefirmen nicht möglich, mit der Bezahlung nach Flächentarif „einen derartigen wirtschaftlichen Kraftakt auch nur annähernd zu erbringen“. Inprotec als eher am Ende der Lieferkette operierendes Unternehmen produziere mit deutlich niedrigeren Margen als das Endunternehmen, weshalb es auch nicht möglich sei, dieselben Umsätze und Gewinne zu erzielen, wie man es von namhaften Chemieriesen kenne, welche dem Flächentarif der Chemieindustrie unterliegen.

Das sehen die inprotec-Mitarbeiter in Genthin anders. Christian Anhut, seit elf Jahren als Anlagenfahrer bei inprotec in Genthin, sagt im Gespräch mit der Volksstimme: „Wir verlangen nichts weiter als faire Bezahlung. Nach dem niedrigeren Flächentarif Ost, nicht West.“ Inprotec Genthin produziere für große und zahlungskräftige Kunden. Da sei es nur recht und billig, wenn die, die für Umsätze und Gewinne sorgen, so bezahlt würden wie alle anderen in der Branche. Bei Solvay oder Sinarmas Cepsa, die ebenfalls im Chemiepark ansässig seien, werde ja auch nach Tarif bezahlt.

Gerechtere Löhne und Gehälter stehen bei den Verhandlungen am Donnerstag an erster Stelle, bekräftigt inprotec-Genthin-Betriebsrat Thilo Jahnke. Mit Streik rechnen sie hier aber alle. Auch David Schliesing, Direktkandidat der Linken des Jerichower Landes für die Bundestagswahl. Er solidarisiert sich mit den Protestlern und spricht sich nicht nur für die Bezahlung nach Flächentarif Ost aus, sondern für gleiche Löhne in Ost und West.

Gewerkschaftssekretär Jan Melzer von der IG Bau, Chemie, Energie ist Verhandlungsführer auf Seiten der Arbeitnehmer im Tarifkonflikt mit der Inprotec.
Gewerkschaftssekretär Jan Melzer von der IG Bau, Chemie, Energie ist Verhandlungsführer auf Seiten der Arbeitnehmer im Tarifkonflikt mit der Inprotec.
Foto: Susanne Christmann