Einkaufen auf dem Land

Viel mehr als „nur“ ein Dorfladen - Den Konsum-Einkaufsmarkt in Tucheim gibt es jetzt seit 50 Jahren

Als der Tucheimer Konsum seine Pforten öffnete, war das Sortiment von der DDR-Mangelwirtschaft geprägt. Heute sichert die Konsumgenossenschaft das Überleben der kleineren Dorf-Märkte mit einem Franchise-Geschäft.

Von Von Susanne Christmann
Marktleiterin Petra Blume, Martina Jechow und Kirsten Bärmann vom Vorstand der Konsumgenossenschaft Burg, Genthin, Zerbst (v. l.)  im K-Kauf in Tucheim.
Marktleiterin Petra Blume, Martina Jechow und Kirsten Bärmann vom Vorstand der Konsumgenossenschaft Burg, Genthin, Zerbst (v. l.) im K-Kauf in Tucheim. Foto: Susanne Christmann

Tucheim - „Sie müssen keine Angst haben, unsere Ware ist nicht aus Ostzeiten“. Das entgegnet Marktleiterin Petra Blume manchmal Leuten, die den Konsum-Einkaufsmarkt in Tucheim für ein DDR-Relikt und damit für nicht mehr zeitgemäß halten. Dabei liegen die Wurzeln der heutigen Konsumgenossenschaft Burg, Genthin, Zerbst, zu der der K-Kauf genannte Markt in Tucheim gehört, weit vor der DDR. Der „Konsumverein zu Burg“ wurde bereits am 24. März 1866 gegründet.

Die Genossenschaftsform hat sich also als robust gegenüber grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen beziehungsweise als recht anpassungsfähig an diese erwiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich die Konsumgenossenschaft Burg neu, und als in den schwierigen Jahren nach der Wende viele Konsum-Genossenschaften in Insolvenz gehen mussten, fusionierte die Burger mit der Genthiner und Zerbster Genossenschaft. „Das hat sich als eine sehr gute Entscheidung erwiesen“, sagt Vorstandsmitglied Kirsten Bärmann bei einem Vor-Ort-Termin mit der Volksstimme im Tucheimer Konsum. Letzterer kann in diesem Jahr auf sein 50-jähriges Bestehen zurückblicken.

Kunden kommen auch aus umliegenden Dörfern nach Tucheim

Zwar konnte coronabedingt keine große Feier stattfinden, aber: „Wir haben mit den Kunden gefeiert“, umschreiben Kirsten Bärmann und Petra Blume die extra Rabatt-Aktionen aus diesem Anlass. „Die Kunden“ sind für Petra Blume und ihre Mitarbeiterinnen keine anonyme Masse. Auch wenn die Marktleiterin Klatsch und Tratsch überhaupt nicht schätzt - sie kennt ihre Kunden. Hat den sonst kaum ein Wort verlierenden Jungen, der eines Tages stolz zu ihr sagte „Ich habe heute eine Eins in der Schule bekommen“, ebenso in ihr Herz geschlossen wie die Paplitzer, Ziesaer, Magdeburgerforther, Karower, Gladauer und Dretzeler, die regelmäßig zum Einkaufen extra nach Tucheim kommen.

Die Produkt-Auswahl auf den 200 Quadratmetern Verkaufsfläche kann sicher nicht mit jedem Discounter oder Supermarkt mithalten, aber Petra Blume, die seit 1988 mit einer kleinen Unterbrechung dabei ist, hat ein feines Gespür dafür, was die Kunden wann kaufen möchten. Nicht selten bestellt sie einen Artikel auch mal auf Wunsch und hat dabei immer Blick, dass die Ware nie lange liegenbleiben darf und sich verkaufen muss. Das Netzwerk der Konsumgenossenschaft im Allgemeinen und das Wissen von Petra Blume, was wer wann und vor allem wie schnell liefern kann im Besonderen schätzt auch so manche Gaststätte. Und ist heilfroh, wenn die Marktleiterin auf die Frage „Habt Ihr noch Leber?“ für eine kurzfristig angenommene größere Gesellschaft mit „Ja“ antworten kann. Denn oft kann sie noch besorgen, was andere Lieferanten zeitnah nicht mehr schaffen.

Glücksgriff: Übernahme von 15 NP-Märkten

Trotzdem machen die schwierigen Bedingungen für kleinere Einkaufsmärkte in den Dörfern auch vor der Konsumgenossenschaft nicht halt. Der K-Kauf in Krüssau konnte nicht gehalten werden, er musste seine Türen im Dezember vergangenen Jahres schließen. Marina Jechow, die dort in Lohn und Brot stand, kümmert sich heute in Tucheim mit um Laden und Kunden. „Von den sieben kleineren K-Kauf-Märkten allein“, sagt Kirsten Bärmann, „könnte die Konsumgenossenschaft auch nicht wirtschaftlich überleben“. Deshalb habe sich die Übernahme von 15 NP-Märkten aus einer Insolvenzmasse als Glücksgriff erwiesen. Diese Märkte führt die Genossenschaft als Franchise-Nehmer von Edeka Minden-Hannover nun weiter und kann mit den damit erwirtschafteten Gewinnen in ihrem Bereich ein weiteres Dorfladen-Sterben größtenteils verhindern.

Das schätzt eine Tucheimerin, die ihren Namen nicht nennen möchte, sehr. „Wir können froh sein, dass wir den Konsum in unserem Ort noch haben“, sagt sie der Volksstimme. „Nicht nur die Älteren, die nicht mehr so mobil sind, lieben die nahe Einkaufsmöglichkeit.“ Es gebe hier fast alles, was zum Leben gebraucht werde. Wenn mal nicht, dann könne man bestellen. Vor allem die gut sortierte Fleischtheke hat einen legendären Ruf. Das Gehackte von hier sei der Renner, sagt sie.

Es erinnere die Kunden heute nichts mehr daran, wie schwer es in DDR-Zeiten für die Konsum-Angestellten gewesen sei. Hannelore Neumann, heute 86, war von 1971 bis 1990 als stellvertretende Leiterin. Auf Zuteilung sei die Ware gekommen und gereicht hat sie fast nie. Daran erinnert sich auch Petra Blume noch. „Wenn mal Pfirsiche kamen, gingen die im Sommer zuerst an diejenigen, die in der Landwirtschaft mit der Ernte beschäftigt waren“. Und wenn es Halberstädter Würstchen im Glas gegeben habe, so Hannelore Neumann, dann erfand so mancher Verwandte, für die er unbedingt ein Glas mitzubringen habe.

So sah das Konsum-Einkaufszentrum in Tucheim vor 50 Jahren aus. Das Konsum-Logo ziert bis heute die Fassade.
So sah das Konsum-Einkaufszentrum in Tucheim vor 50 Jahren aus. Das Konsum-Logo ziert bis heute die Fassade.
Foto: Konsum-Archiv
Von außen sieht der Konsum-Einkaufsmarkt in Tucheim immer noch fast so aus wie vor 50 Jahren.
Von außen sieht der Konsum-Einkaufsmarkt in Tucheim immer noch fast so aus wie vor 50 Jahren.
Foto: Susanne Chrismann