Rübeland l Wer verstehen will, wie Tiere sich an extreme Lebensbedingungen anpassen, dem sagt ein Blick auf einen Grottenolm mehr als 1000 Worte. So umschreiben es die Projektpartner in ihrer Skizze für den Antrag an die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt.

Der Körper ist fast durchsichtig, weil Farbpigmente in vollkommender Dunkelheit sinnlos wären. Augen gibt es nicht. Grottenolme werden sehr alt, denn auch bei ihnen sind alle Lebenszyklen, wie typisch für echte Höhlentiere, verlangsamt – wohl eine Anpassung an den Wegfall von Feinddruck.

Lungen und Kiemen

Die Weibchen sind nur alle 12,5 bis 15 Jahre bereit, sich fortzupflanzen. Wesen, die als dauernde Larvenform existieren, ohne jemals spätere Entwicklungsstadien anderer Lurche zu erreichen. Dabei verfügen sie über eine Flexibilität, die ihresgleichen sucht. Sie atmen mit Kiemen, die büschelartig am Kopf sitzen, haben aber auch Lungen. Grottenolme können je nach Umweltbedingungen Eier ablegen oder lebende Junge gebären. Sie sind sogar in der Lage, ihr Geschlecht zu wechseln.

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So weit der kurze Steckbrief des Proteus anguinus, wie ihn die Wissenschaftler nennen. Anne Ipsen gehört dazu. Die promovierte Biologin ist Geschäftsführerin der Noctalis Welt der Fledermäuse in Bad Segeberg. Bereits vor gut einem Jahr konnte sie mit Hilfe von Kollegen einige der Geheimnisse lösen, die die im rund 20 Quadratmeter großen und maximal 85 Zentimeter tiefen Olmensee schlängelnden Mini-Drachen seit Jahrzehnten zu verbergen wussten.

Fünf Olme waren weiblich

An jenem 7. Januar 2015 wurde zum Beispiel die Auffassung widerlegt, bei den in der Hermannshöhle beheimateten Tieren handele es sich ausschließlich um Männchen. Olivier Guillaume, Leiter des Labors für experimentielle Ökologie am Center National for Research Scientific (CNRS) in Moulis (Frankreich), bestimmte die Geschlechter. Der Wissenschaftsingenieur und selbst Züchter der Spezies identifizierte fünf der neun Olme als Weibchen. Und sie trugen sogar Eier.

Warum es dennoch nie Nachwuchs gab im Olmen-Reich, dafür hat Anne Ipsen inzwischen eine simple Erklärung. Die Brut wurde einfach zur Beute. Auch Revierkämpfe dezimierten den Bestand. So wie bei der jüngsten Bestimmungsaktion selbst beobachtet. Sieben Tage währte das Ringen um das Überleben eines blessierten Männchens. Letztlich vergebens.

„Ich würde mir wünschen, dass der Population langfristig eine Perspektive geboten wird“, sagt die Biologin. Dies geht aber nur „wenn wir jüngere Tiere reinholen“, denn die Lurche jetzt sind bereits um die 60 Jahre alt. Anne Ipsen: „Wir müssen schauen, ob wir im europäischen Ausland Larven kriegen.“ Natürlicherweise lebt der Grottenolm nur in den unterirdischen kalten Gewässern im Karst des Dinarischen Gebirges an der Adriaküste von Triest über Slowenien und Kroatien bis hin nach Bosnien-Herzegowina und Montenegro.

Drei weitere Vorkommen

Außerhalb dieses Gebietes gibt es lediglich drei weitere Vorkommen. In Rübeland, Moulis in den französischen Pyrenäen und in Kranj im Labor Tular (Slowenien) wurden die Relikte der Urzeit von Menschen angesiedelt – und die beiden letztgenannten Populationen erfolgreich zur Fortpflanzung animiert.

Anne Ipsen ist guten Mutes, dass der Ansiedlungsplan hier gelingt. Zumal dank des jüngst ergangenen Zuwendungsbescheides durch die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt an die gemeinnützige Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz auch Geld dafür geflossen ist. Die 12 000 Euro decken fast die Hälfte des Gesamtbudgets ab. Die fehlende Summe wird durch die anderen am Projekt beteiligten Partner aufgebracht.

Neben dem wissenschaftlichen gibt es noch einen nicht weniger gewichtigen touristischen Aspekt. Deshalb heißt es im Titel „faszinierende Höhlenbewohner ans Licht bringen“. Zwei Tablets sollen am Olmensee installiert werden, auf denen eine Dia-Show läuft. Die Expertin: „Wir haben schon Filmaufnahmen im Kasten. Ich schätze so sechs bis sieben Minuten. Gutes Material.“ Auch außerhalb des felsigen Domizils sollen den Besuchern Informationen zu den Lurchen angeboten werden. Ebenso vorstellbar sind spezielle Führungen und sogar eine Postkarte.

Bis zu Himmelfahrt 2016 könnten einige Bausteine des auf zwei Jahre angelegten Vorhabens bereits Realität geworden sein. Dann wird vom 5. bis zum 8. Mai der 150. Jahrestag der Entdeckung der Hermannshöhle gewürdigt. Zeitgleich treffen sich die Mitglieder des Verbands der deutschen Höhlen- und Karstforscher zu ihrer 56. Jahrestagung in Rübeland. „Wir rechnen mit etwa 250 Teilnehmern“, sagt deren Schriftleiter Friedhart Knolle. Der Sprecher der Nationalpark-Verwaltung ist von Hause aus Geologe und selbst regelmäßig unter Tage im Einsatz. Dass die Olme eine Zukunft erhalten sollen, freut ihn deshalb sehr. Knolle: „Ich bin heilfroh, dass wir das gemerkt haben. Sonst wäre die Population vielleicht ausgestorben.“