Halberstadt l „Dass von meiner Typisierung bis zur Stammzellenspende nur ein knappes halbes Jahr vergeht, das hat mich dann doch überrascht“, gesteht Marvin Mikulla. Der Halberstädter ist Auszubildender im dritten Lehrjahr zum Industriemechaniker in Salzgitter und spendet an der dortigen Berufsschule viermal im Jahr Blut. „Beim Termin im Mai fragte man mich, ob ich mich typisieren lassen würde“, erinnert sich der 20-Jährige. Er hat nicht lange überlegt und eine Blutprobe dafür abgegeben.

Bereits vier Monate später bekam er Nachricht, dass es einen Empfänger gibt, bei dem die Gewebemerkmale mit den seinen 1:1 übereinstimmen. Um möglichst schnell helfen zu können, entnahm der Hausarzt eine weitere Blutprobe zur Untersuchung, die den bisherigen Befund bestätigte. Nach einem umfangreichen und gründlichen Gesundheitscheck und der Aufklärung durch einen Arzt stand der Stammzellspende nichts mehr im Wege.

Genetischer Zwilling aus Belgien

„Ich habe mein Einverständnis zur Spende noch einmal bekräftigt. Und das nicht nur, weil ich inzwischen erfahren hatte, dass mein genetischer Zwilling ein erst neun Monate altes Kind in Belgien ist“, so Marvin Mikulla. Über mehr Informationen verfügt er nicht, denn ein Grundsatz für die Stammzellenspende ist die Anonymität.

Da ihm wie bei 80 Prozent der Spender die Stammzellen über die sogenannte „periphere Stammzellspende“ der Blutbahn entnommen werden sollten, musste er sich fünf Tage vor der Transplantation zweimal täglich Wachstumshormone spritzen. Damit sollten sich die Stammzellen, die sich sonst nur in minimaler Menge im Blut befinden, lösen und ins Blut geschwemmt werden.

„Alles nicht schlimm“, schaut der junge Mann zurück. Den Dezembertag im Institut Dessau des DRK-Blutspendedienstes NSTOB, als ihm zwei venöse Zugänge gelegt wurden, schließt er dabei ein. Aus dem am rechten Arm angeschlossenen Schlauch trat das Blut aus und wurde in eine Zellseparator-Maschine geleitet, welche die Blut-Vorläuferzellen herausfiltert. Über den Zugang am linken Arm floss das Blut wieder in den Körper zurück. Nach eineinhalb Stunden war die Prozedur beendet.

Stammzellen retten Leben

„Viele scheuen sich vor einer Typisierung, weil sie denken, dass eine spätere Spende mit einer OP verbunden ist und Risiken bestehen“, sagt der Halberstädter. Er rät nicht nur dazu, sich besser zu informieren, sondern auch darüber nachzudenken, dass Stammzellen Leben retten können.

Denn alle 45 Minuten erkrankt allein in Deutschland ein Mensch an Leukämie (Blutkrebs). Je mehr sich typisieren lassen, desto mehr wachsen die Chancen, dass einem Menschen geholfen werden kann. Und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Für einen Kollegen von Marvin Mikulla , der sich ebenfalls hatte typisieren lassen, war ein Empfänger in Australien gefunden worden. Leider starb dieser, bevor ihn die Spende erreicht hatte.

Einen passenden Spender zu finden, vergleicht er mit der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Denn nur einem Drittel der Patienten könne durch Geschwister geholfen werden, doch schon die Stammzellen von Eltern und anderen Verwandten seien sehr viel seltener geeignet. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewebemerkmale zweier fremder Menschen zu 100 Prozent übereinstimmen, liege im besten Fall bei 1:20 000 und im schlechtesten bei 1 zu mehreren Millionen.

Recht auf gesundes Leben

„So wie ich regelmäßig Blut spende, war es für mich eine Selbstverständlichkeit, mich typisieren zu lassen und meine Stammzellen zur Verfügung zu stellen“, sagt Marvin Mikulla und ist überzeugt: „Ich habe so wenig gegeben und ein anderer hat so viel dafür bekommen.“ Jeder habe ein Recht auf ein gesundes, langes und glückliches Leben. Das möge auch das Kind in Belgien haben.

Er möchte gern erfahren, was die Übertragung seiner Stammzellen bewirkt hat und hat deshalb vor, über die Deutsche Stammzellspenderdatei (DSD) Kontakt zu den Eltern des Kindes aufzunehmen. Ist es in Deutschland zunächst anonym, für wen die nicht verwandte Blutstammzellspende bestimmt ist, können die Spender nach zwei Jahren ihren Empfänger treffen, falls dieser einwilligt. Leider seien die Gesetze in Belgien anders. „Ich werde aber nichts unversucht lassen.“

Via Facebook hat der Halberstädter ein Video verbreitet, weil er möglichst viele Menschen erreichen und motivieren möchte, es ihm gleich zu tun. Das Feedback fiel sehr stark aus. Über 3500 Mal wurde seine Botschaft aufgerufen, die DSD hat sie sogar auf ihre offizielle Website übernommen. Doch nicht nur Fremde äußerten sich positiv, Anerkennung gab es auch von Familie, Bekannten und Freunden sowie im Ausbildungsbetrieb.

„Es tut nicht weh und man kann so viel bewirken“, fasst er zusammen und dann fällt ihm noch etwas ein. Die vielen Untersuchungen im Vorfeld seien auch eine Art Selbstkontrolle. Man bekomme sehr detaillierte Informationen über den eigenen Gesundheitszustand. Auch das sei die Sache wert.