Halberstadt l Die Experten vom USBV-Team des Landeskriminalamtes (LKA) haben schon einiges erlebt und könnten zweifelsohne zig Geschichten erzählen. Seit Dienstag ist ihr Fundus, in dem sie die skurrilsten und ungewöhnlichsten Fälle zu verewigen pflegen, um eine Episode mit den Attributen einmalig und unvergesslich reicher: In Halberstadt „entschärften“ die Profis für „Unbekannte Spreng- und Brandvorrichtungen“, kurz USBV, am Abend einen Sprengsatz, den es so wohl noch nie gegeben hat: Ein Stimulanzium für intime Stunden.

Am Ende konnten sich selbst die Polizeibeamten ein Lächeln nicht verkneifen. Dabei war ihnen Stunden zuvor nicht zum Lachen zumute. Punkt 16.08 Uhr hatte eine 38 Jahre alte Mitarbeiterin einer Spielothek in der Straße des 20. Juli Alarm geschlagen.

Geräusch im Herren-WC

Das Mitarbeiter-Team war von Kunden auf ein merkwürdiges Geräusch in der Herrentoilette aufmerksam gemacht worden, berichtete eine Angestellte später vor Ort. Die Quelle jenes „irgendwie komisch knatternden“ Geräuschs ließ sich zwar näher eingrenzen – der Mülleimer im stillen Örtchen der Herren. Allerdings: Die genaue Ursache des unheimlichen Tons habe dann doch niemand genauer ergründen wollen – weder vom Spielotheken-Personal noch von der Kundschaft.

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Also auf Nummer sicher gehen. Also doch lieber die Polizei, den Freund und Helfer für jede Lebenslage, alarmieren. Nach dem Eingang des Notrufs mit der Vermutung, dass womöglich ein Sprengsatz im Spielothek-Mülleimer deponiert sein könnte, lief der große Polizeiapparat an. Peter Wöde, im Harzer Polizeirevier gerade Leitender Einsatzbeamter vom Dienst, sprang in seinen Funkwagen und übernahm vor Ort das Zepter.

Auch er nahm das komische, undefinierbare Geräusch aus dem Mülleimer wahr. Vorsorglich wurde die Straße des 20. Juli zeitweilig gesperrt und Mitarbeiter von angrenzenden Betrieben und Geschäften evakuiert. 80 Mitarbeiter von Primed mussten ebenso die Firma verlassen wie zehn Beschäftigte einer Fleischerei und eine Mitarbeiterin einer Bäckerei.

Auf Nummer sicher gehen

„Wir gehen in solchen Fällen grundsätzlich immer auf Nummer sicher“, so der Hauptkommissar. Dazu gehörte auch die Alarmierung der LKA-Experten der Abteilung für „Unbekannte Spreng- und Brandvorrichtungen“. Früher habe man mitunter noch selbst nachgeschaut – heute, nach zahlreichen Sprengstoffanschlägen in aller Welt , mache das niemand mehr, hieß es vor Ort.

Also Warten auf die USBV-Profis, die von Magdeburg anrücken mussten. Um Punkt 18.43 Uhr fuhren sie mit ihrem Transporter vor der Spielothek vor. Nach der kurzen Einweisung durch Wöde näherten sich die Experten dem Fundort in der Herrentoilette.

Fünf Minuten später hatten sie das Corpus Delicti nicht nur gefunden, sondern auch fachgerecht „entschärft“: Unter dem Papiermüll zauberten sie einen batteriebetriebenen Penisvibrator hervor. Dem Teilchen – Kostenpunkt bei Internetanbietern nicht einmal vier Euro – war zwischenzeitlich zwar die Puste ausgegangen. Zumindest aber fand sich so eine plausible Erklärung für das ominöse Geräusch. Mittels Batterie wird der Silikonring in Schwingungen versetzt – die dünne Plastikfolie des im Eimer platzierten Müllbeutels dürfte den Ton zusätzlich verfremdet haben.

Wie auch immer. Hauptkommissar Peter Wöde konnte nach der Entwarnung nur noch mit dem Kopf schütteln. „So etwas habe ich in 36 Jahren bei der Polizei noch nicht erlebt – das toppt einfach alles.“ Wobei den Spielotheken-Mitarbeitern absolut kein Vorwurf zu machen sei, betonte er. „Sie haben absolut richtig gehandelt – in Zweifelsfällen sind nun einmal wir als Polizei gefragt.“