Halberstadt l Aids, Sex, Verhütung – Yvonne Flister hat keine Scham, über diese Themen zu sprechen. Im Gegenteil, es ist ihr Job. Die 28-Jährige arbeitet bei der Aidshilfe in Halberstadt, der einzigen ihrer Art im Landkreis Harz.

Dabei ist der Aufklärungsbedarf durchaus hoch. 11.400 Menschen in Deutschland sind mit HIV infiziert, ohne es zu wissen – mehr, als Ilsenburg Einwohner zählt. Unter ihnen sind Frauen, Kinder, Menschen, die seit Jahrzehnten in einer vermeintlich monogamen Beziehung leben – und überhaupt nicht damit rechnen, sich angesteckt haben zu können. „HIV wird immer noch als ‚Schwulenkrankheit‘ bezeichnet, gerade von der älteren Generation“, sagt Yvonne Flister. „Das Stigma ist noch das gleiche wie vor 20 Jahren.“

Laut Robert-Koch-Institut leben rund 1000 Personen in Sachsen-Anhalt mit dem Virus. „Nicht alle sind schwul oder Ausländer, es gibt kein typisches Alter“, betont Yvonne Flister. Sie und ihre Kollegen von der Aids-Hilfe Sachsen-Anhalt Nord, zu der die Halberstädter Beratungstelle gehört, betreuen 161 HIV-Betroffene und deren Angehörige. Sie gehen mit zum Arzt, helfen beim Hartz-IV-Antrag oder der Suche nach einem Kindergartenplatz.

Viel Zeit für Prävention in Schulen

Die meiste Arbeitszeit investieren die Berater jedoch in die Prävention. Sie geben telefonisch Ratschläge und gehen in Schulen, um – ohne Lehrer und Eltern im Raum – offen mit den Mädchen und Jungen über Sexualität, Geschlechtskrankheiten und HIV zu sprechen.

Klischees, Unwissenheit und Berührungsängste begegnen Yvonne Flister dabei sehr häufig. „Es fängt schon damit an, dass viele HIV und Aids für das Gleiche halten. Beide Begriffe sind den meisten geläufig, aber nicht ihre Bedeutung“, berichtet die Halberstädterin. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass selbst Ärzte Vorurteile hegen. „Das Thema nimmt bei medizinischen Ausbildungen zu wenig Raum ein, nur zwei Stunden Theorie.“

So wundert es nicht, dass noch immer viele nicht genau wissen, wie HIV überhaupt übertragen wird. „Kann man sich an einem Blutstropfen auf einem Geldschein anstecken, mit einem benutzten Pflaster, weil man beim Friseur geschnitten wurde oder an einer Scherbe verletzt hat?“ – Solche Fragen werden häufig am Telefon der Halberstädter Aidsberatung gestellt. „Absolut unmöglich“, betont Yvonne Flister. Anders sieht es da bei einer anderen recht häufigen Nachfrage aus, die mit „Ich war da bei einem Junggesellenabschied ... irgendwann sind wir im Bordell gelandet ...“ beginnt.

Gefahr der Ausgrenzung von Infizierten

Wer glaubt, sich angesteckt haben zu können, muss Geduld aufbringen. „Tests funktionieren erst sechs bis zwölf Wochen nach einer möglichen Ansteckung“, informiert die Beraterin. Sie rät dazu, erst einmal nicht zu Hausärzten zu gehen, sondern zu Medizinern außerhalb des Wohnortes. „Egal, wie das Ergebnis ausfällt, steht in der Akte, dass ein Test gemacht wurde. Das kann einem irgendwann auf die Füße fallen.“ Auf dem Dorf oder in der Kleinstadt sei die Gefahr höher, dass sich das herumspricht und die betreffende Person ausgegrenzt wird.

Völlig anonym sind dagegen Selbstests für zu Hause. Diese können seit wenigen Monaten online oder telefonisch bei der Aidshilfe bestellt werden. Ein kleiner Blutstropfen genügt, und nach 20 Minuten zeigen sie das Ergebnis an, berichtet Yvonne Flister.

Und was ist, wenn man zu den 70 Personen in Sachsen-Anhalt gehört, die sich mit HIV angesteckt haben (Schätzung des Robert-Koch-Instituts für 2017)? „HIV ist kein Todesurteil mehr. Die Lebenserwartung beträgt heute 57 Jahre nach der Ansteckung“, sagt Yvonne Flister. Vorausgesetzt, die Ansteckung wurde früh erkannt. Das Heimtückische: Spezifische Symptome gibt es nicht und bis sie einsetzen, können Jahre vergehen.

Eine Pille genügt für Leben mit HIV

Wenn bei Infizierten frühzeitig mit einer Therapie begonnen wird, können sie ein relativ normales Leben führen, ohne an Aids zu erkranken. Waren es früher Dutzende Tabletten und Pillen, die der Patient täglich nach einem strengen Zeitplan einnehmen musste, genügt heute oft eine einzige Pille. Zwar können noch immer vereinzelt schwere Nebenwirkungen auftreten, aber seltener als noch vor zehn Jahren oder es bei anderen Erkrankungen der Fall ist. „Ich habe Diabetes. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich HIV vorziehen“, sagt Yvonne Flister. Das würde sie weniger einschränken, erläutert sie.

„Die Medikamente sind heute so wirkungsvoll, dass das HI-Virus nicht mehr nachweisbar ist. Patienten sind dann nicht mehr ansteckend.“ Weder beim ungeschützten Geschlechtsverkehr, noch bei der Geburt eines Kindes. Patienten, bei denen die Medikamente so gut wirken, seien deshalb nicht verpflichtet, ihrem Sexualpartner von der Ansteckung zu erzählen.

Auf Verhütung sollte trotz dieses medizinischen Fortschritts niemand verzichten, der seinen Partner noch nicht gut und lange kennt oder wer nicht monogam lebt. „Es gibt sexuelle Infektionen, die viel häufiger und schneller übertragbar sind als HIV“, warnt die Expertin.

Aufklärung zu sexueller Gewalt

Auch darüber klären sie und ihre Kollegen in Schulen auf. Altersgerecht und teils spielerisch wird den Mädchen und Jungen Sexualwissen vermittelt. Und dazu gehört nicht nur der Umgang mit Kondomen. Auch Themen wie das Verschicken von Nacktfotos und die daraus resultierenden Folgen. Es wird über Beleidigungen und Körpersprache gesprochen, über sexuelle Gewalt – nicht selten im häuslichen Umfeld. Wann fängt Belästigung an, wie können Grenzen gesetzt werden? „Da muss man sich sensibel herantasten und auf Zwischensequenzen achten“, sagt Yvonne Flister. Sie könne Betroffenen helfen, indem sie Kontakte vermittelt, die Jugendlichen darin bestärkt, mit Lehrern, Eltern oder der Polizei über das Erlebte zu sprechen. Leider seien solche Fälle nicht selten. „Das so etwas so oft vorkommt, habe ich nicht erwartet, bevor ich den Job angefangen habe“, berichtet die Beraterin.

Seit Juni 2017 ist sie alleinige Ansprechpartnerin in der Halberstädter Beratungsstelle. Bundesfreiwillige und Praktikanten, die sie bei der Arbeit unterstützen, seien willkommen. Auch Quereinsteiger.

Denn Yvonne Flister ist selbst einer. 2012 kam sie aus Brandenburg nach Halberstadt, hat hier ihre Ausbildung zur Restaurantfachfrau beendet. Nach der ersten Schwangerschaft schulte sie zur Steuerfachangestellten um. Sie engagierte sich ehrenamtlich in der Flüchtlingskrise. Nach der Geburt des zweiten Kindes entschied sie dann, in einem sozialen Bereich tätig zu sein und entdeckte die Ausschreibung der Aidshilfe.