Halberstadt l Der Kampf gegen das Dickicht hat sich gelohnt. So sehr, dass es ein Nachfolgeprojekt gibt mit den European Heritage Volunteers. „Wir stehen in Kontakt mit Bert Ludwig“, sagt Jutta Dick. Die Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt freut sich, dass der Geschäftsführer der in Weimar ansässigen Organisation ebenso begeistert war von den Ergebnissen des Halberstädter Arbeitseinsatzes im vergangenen Sommer. Nun wird es also ein zweites, und wie es aussieht auch ein drittes Projekt mit den European Heritage Volunteers geben, und alle sollen sich den jüdischen Friedhöfen Halberstadts widmen.

Immerhin drei sind es, die vom Leben der Juden in Halberstadt berichten – und vom abrupten Ende der gemeinsamen Geschichte von Christen und Juden in dieser Stadt. Dass der älteste der drei Friedhöfe in großen Teilen leergeräumt ist, ist eine Folge der unter der Nazidiktatur von vielen Menschen unterstützten gezielten Ausgrenzung der Juden und letztlich ihrer Vernichtung. Man hatte die Grabsteine zum Abstützen von Splitterschutzgräben genutzt. Und auf dem dritten Friedhof, der sich auf dem Areal des Städtischen Friedhofs erstreckt, erzählt ebenfalls Leere die Geschichte, denn 1942 enden die Bestattungen auf diesem großzügigen Areal, dass die jüdische Gemeinde 1985 erworben hatte, nachdem auch der zweite Friedhof mit seinen rund 800 Grabstellen zu klein wurde. Anders als bei den christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft waren und sind jüdische Friedhöfe stets als Orte für die Ewigkeit angelegt.

Grabsteine freigelegt

Auf diesen nun werden im Sommer wieder junge Erwachsene, die ihr Studium und ihre Ausbildung abgeschlossen haben, arbeiten. Sie werden noch einmal auf dem ältesten Friedhof und auf dem nur wenige Meter davon entfernten zweiten Friedhof arbeiten. Gestrüpp beseitigen und vor allem die Dokumentation der Grabsteine fortsetzen.

Im vergangenen Jahr waren durch den Einsatz der 14 Freiwilligen, die die Unterkunft und die Tagesverpflegung gestellt bekamen, ihre Anreise aus Serbien, Spanien, Hongkong, Ägypten, Japan, Deutschland und der Türkei aber selbst zahlten, zahlreiche Grabsteine freigelegt worden, von deren Existenz man nicht mehr wusste. Einst gab es 2000 Grabstellen auf dem Areal am Roten Strumpf, rund 400 Grabsteine sind noch vorhanden. „Beeindruckend war auch, wie rasch es gelang, eine Dokumentation der vorhandenen Steine zu schaffen“, sagt Jutta Dick. Die kann nun für weitere Forschungsarbeiten genutzt werden.

EU-Förderung

Unterstützt wird die Organisation auch mit Geld von der Europäischen Union. Ein Fakt, über den sich der sachsen-anhaltische Europaabgeordnete Arne Lietz (SPD) besonders freut. „Es ist wichtig, dass wir uns unserer Wurzeln bewusst sind“, sagt er bei einem Besuch in Halberstadt am Wochenende.

Europa sei ein großes Friedensprojekt, so Lietz, das gerade in Gefahr gerate. Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit und rechtsextremistische Formulierungen und Forderungen würden aktuell wieder hoffähig. Auch manche europäischen Regierungen bereiteten mit populistischem Getöse dafür den Boden. Gerade die gemeinsam europäisch-jüdische Geschichte aber zeige, wohin Ausgrenzung und die Suche nach Sündenböcken führen kann. „Leider sind offenbar wieder einfache Antworten gefragt“, sagt Lietz, was angesichts komplexer Probleme und Entwicklungen aber eine bedenkliche Tendenz sei. „Da müssen wir gegensteuern und noch können wir es, weil wir frei unsere Meinung sagen, den politischen Diskurs führen können. In Ländern wie Ungarn ist das schon kaum noch möglich.“

Lernort

Die Moses-Mendelssohn-Akademie sei mit ihrer Arbeit ein wichtiger Mosaikstein, um Geschichte zu vermitteln und gerade die jüdische Geschichte mit ihrer europäischen Dimension. Die zeige sich auch in der täglichen Arbeit der Einrichtung. „Für viele Schulen in der Region sind wir ein selbstverständlicher Lernort geworden, das freut uns sehr“, berichtet Jutta Dick. Während Projekte von Schulen außerhalb Halberstadts oft noch von Mitarbeitern der Akademie begleitet werden, nutzten die Halberstädter Lehrer Akademie und Berend-Lehmann-Museum ganz selbstverständlich als authentische Unterrichtsorte.

Unterrichtsort für Erwachsene ist die Akademie gleichermaßen, so werden wieder zeitgleich zu den Freiwilligen des Heritage Projektes die Teilnehmer der Summerschool stoßen, die sich mit der Geschichte und Sprache der sefardischen Juden befassen. „Wir werden diesmal gemeinsame Abendveranstaltungen organisieren, so entsteht ein noch engerer Austausch unter den beiden Gruppen“, berichtet Jutta Dick.