Auf der Spur von Dedelebens Türmen

Dass der Ort Dedeleben mit einer Reihe von Türmen verbunden ist, erschließt sich auf den ersten Blick nicht unbedingt, denn heute steht hier kein einziger Turm. Und doch ziert ein solcher das Ortswappen.

Von Ramona Adelsberger
Roland Dunker, ehemaliger Bürger von Dedeleben, hat das Modell des Turms von Dedeleben nachgebaut und es nun dem Heimatmuseum übergeben. Als Vorbild diente das Ortswappen, das den Turm des Rittergutes zeigt.
Roland Dunker, ehemaliger Bürger von Dedeleben, hat das Modell des Turms von Dedeleben nachgebaut und es nun dem Heimatmuseum übergeben. Als Vorbild diente das Ortswappen, das den Turm des Rittergutes zeigt. Fotos (2): Uwe Krebs

Dedeleben - Die Tatsache, dass es in und um Dedeleben nicht nur einen, sondern gleich vier Türme gegeben hat, ist im Ort weitestgehend unbekannt. Denn von diesen Türmen steht heute nicht einer mehr. Dabei zeigt sogar das Wappen von Dedeleben, das in Vorbereitung der 900-Jahrfeier 1957 entstanden ist, einen steinernen Turm.

Inspiriert von dieser Abbildung im Wappen hat Roland Dunker, ein ehemaliger Bürger aus Dedeleben, der heute in Dessau lebt, den Turm nachgebaut und an das Heimatmuseum Dedeleben übergeben. Die Ankunft dieses Modell des Wappenturms ist Anlass für die Heimatforscher Uwe Krebs und Norbert Beck, in die Geschichte der Dedelebener Türme zu blicken.

Turm gehörte zum Rittergut

„Bei dem Turm im Wappen handelt es sich um den Turm, der in alten Unterlagen zum Rittergut gehörig beschrieben wird“, erklärt Norbert Beck. Denn das Rittergut war einst eine Wasserburg, deren genaue Zeit der Entstehung jedoch im Dunkeln liegt. Zwei Wasserburgen hat es in der Ortslage von Dedeleben gegeben, In alten Unterlagen wird das spätere Rittergut als Edelhof und als „der Hof, auf welchem der stynerne thorm uffsteht“, beschrieben.

In einer Zeichnung, die sich im Landesmuseum Halle befindet, sind die Lage der Gebäude der einstigen Wasserburg, der Verlauf der Burgmauern und der Gräben, die durch den Marienbach gespeist wurden sowie die Lage des steineren Turms eingezeichnet. Im Heimatmuseum findet sich ein Foto von 1937 mit der hofseitigene Ansicht des Gutshauses, das von einem Turm überragt wird.

„Der Turm war baufällig und wurde Anfang der 1960er Jahre zurückgebaut“, sagt Ortschronist Uwe Krebs und erklärt, dass die Abrisssteine für andere Bauvorhaben wiederverwendet worden sind, beispielsweise für die „Neubauten“ an der Klintstraße.

Norbert Beck erklärt, dass der Fuß des Burgturms direkt mit dem heutigen Gebäude verbunden und immer noch vorhanden sei, quasi im Haus stehe. Das allerdings sei im Inneren des Gebäudes heute mehr zu erahnen, als wirklich zu sehen. Kurt Germer, ein Dedelebener Heimatdichter, hat dem Rittergut mit dem steinernen Turm sogar ein Denkmal gesetzt und um 1960 ein Gedicht dazu geschrieben.

Steinturm als Teil des Wartensystems

Ein weiterer Turm, an den einige Dedelebener beim Betrachten des Modells zunächst gedacht haben könnten, ist der steinerne Wehrturm, der sich zwischen Dedeleben und Pabstorf befunden hat. „Dieser Turm war die nördlichste Warte des Bistums Halberstadt und eine von drei Warten rund um Dedeleben“, erklärt Uwe Krebs. Denn neben den drei bekannten Warten Sargstedter, Heiketal- und Paulskopfwarte gehörten auch die Dedelebener Warten zu einem geschlossenen Beobachtungssystem zum Schutz der Gegend und der nach Halberstadt führenden Straßen.

Doch anders als die bekannten Warten, die bis auf die Pauskopfruine heute immer noch stehen und sogar begehbar sind, war der Wehrturm bei Dedeleben mit dem Ende des Krieges zwar zunächst ein strategisch wichtiger Bau, später jedoch dem Untergang geweiht, weil er direkt an der Staatsgrenze stand. „Zuerst haben die Russen den Turm als Beobachtungsposten genutzt, von hier konnte der Grenzverlauf gut eingesehen werden“, erklärt Norbert Beck.

Steine liegen alle noch da

Dann aber habe eine neue Devise gegolten: „Anfang der 60iger haben die Grenzer 'Freie Sicht und freies Schussfeld' geschaffen.“ Eines Tages sei der Turm einfach verschwunden gewesen. Er war zusammengefallen. Beck vermutet, dass beim Einsturz der steinernen Warte nachgeholfen worden sei. „Zwar könnte sich der Turm gesenkt haben, weil in unmittelbarer Nähe Kies abgebaut wurde, aber einfach so auseinandergebrochen?“ Nun aber hatten die Grenzer ihre freie Sicht, für ihre Beobachtungen wurde im nahen Wäldchen ein Bunker gebaut, auch der steht noch heute.

Fakt sei jedoch, dass man den alten Wehrturm wieder aufbauen könnte, weil die behauenen Feldsteine alle noch vorhanden sind, sagt Norbert Beck. „Der Turm liegt in seinem Viereck und ist kaum mehr zu sehen, weil er komplett zugewachsen ist.“ Die anderen beiden Warten, die bei Dedeleben standen, waren übrigens aus Holz und sind längst verwittert.

Für Hobbyhistoriker Beck ist die Lage der Dedelebener Warttürme noch aus anderer Sicht interessant. „Die Warten liegen auf gleicher Höhe, in der Moorbrücken über das Bruch führten.“ Und es gäbe sogar Spekulationen, dass diese Brücken einst von den Römern gebaut worden sein könnten.

Das Wappen von Dedeleben zeigt einen steinernen Turm.
Das Wappen von Dedeleben zeigt einen steinernen Turm.
Adelsberger