Schierke/Neuwerk/Braunlage l Zu einem besonders schweren Unfall ist es laut der Bergwacht Sankt Andreasberg am Braunlager Wurmberg gekommen. Dort sind am Sonnabend verbotenerweise vier Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren mit ihren Schlitten auf der Skipiste unterwegs gewesen und so schwer verunglückt, dass zwei Mädchen mit Wirbelsäulenverletzungen in Kliniken gebracht werden mussten. Die beiden anderen Jugendlichen kamen mit Schnitt- und Gelenkverletzungen in Kliniken, berichtet Einsatzleiter Martin Asselmeyer.

Der schwere Rodelunfall markierte am Wochenende den tragischen Höhepunkt der Unfälle im Alpinzentrum am Wurmberg. Hinzu kamen zahlreiche Stürze beim Skifahren, bei denen Bergwacht und Skilehrer Hand in Hand als Retter fungierten und die Verunglückten von der Piste holten. „Das war für uns aber eigentlich normales Prozedere – es war eben richtig viel los am Berg“, so Asselmeyer.

Retter nonstop gefordert

Auch darüber hinaus forderte das Winterwetter, das zuhauf Sportler und Wanderer in den Oberharz lockte, die Bergwacht-Gruppen nonstop. Die Thalenser mussten in der Nähe des Rübeländer Ortsteils Neuwerk sogar durch die eiskalte Bode waten, um einen verletzten Wanderer auf kürzestem Weg zum Rettungswagen zu bringen.

Bilder

Der 61-Jährige war am Sonntagmittag auf dem Harzer Hexenstieg schwer gestürzt. „Das Problem für Feuerwehr und Rettungsdienst war, dass die Unglücksstelle aufgrund zahlreicher umgestürzter Bäume nach Orkan Friederike nur zu Fuß und auch nur sehr schwer erreichbar war“, berichtet Uwe George von der Bergwacht-Landesleitung in Sachsen-Anhalt. Daher hätten die Rettungskräfte am liebsten sofort einen Hubschrauber mit Seilwinde heranbeordert.

Weil dieser in der Region nicht verfügbar ist, sprangen die Bergwachtler, die gerade vom Training in Sankt Andreasberg Richtung Thale heimwärts unterwegs waren, kurz entschlossen ein. „Wir haben uns zusammen mit unserer Bereitschaftstruppe aus Thale vor Ort getroffen und sind dann an der anderen Bodeseite mit unserem Jeep bis auf Höhe der Unglücksstelle herangefahren“, so George.

Kräftezehrende Alternative

Die Alternative wäre ex-trem zeitaufwändig und obendrein kräftezehrend gewesen: „Da hätten entweder zuerst die Feuerwehrleute den Weg freisägen oder wir den Verletzten mühsam über die Bäume hieven müssen“, beschreibt Uwe George das Dilemma.

Deshalb „mutierten“ die Bergretter, die ihren Jeep vis-à-vis geparkt hatten, zu Wasserrettern und machten den Kollegen von der DLRG-Wasserwacht alle Ehre: Erst wurde ein Fix-Seil zur Sicherung quer über die Bode gespannt, dann wateten vier Retter samt Gebirgstrage durchs kalte Bodewasser. „Anschließend ging es mit dem von Notarzt und Sanitätern vor Ort bereits erstversorgtem Wanderer retour.“

Mann gerettet

Nur ein Retter hatte dabei das Glück, in eine Wathose der Feuerwehr zu springen – „es war zwar eisig kalt, weil das Wasser in unsere Stiefel gelaufen ist, aber wir haben den Mann gut und schnell rausbekommen. Und allein das zählt“, betont der 46-jährige George.

Wobei jener Einsatz nicht der einzige für die Thalenser Bergretter war. Schon am Mittag war eine 55 Jahre alte Frau auf dem vereisten Brunhildenweg zwischen Jugendherberge und Hexentanzplatz gestürzt. Auch hier waren die Profis vom Berg gefragt, um die Verletzte schnell zum Rettungsdienst zu bringen.

Jene Einsätze unter realen Alltagsbedingungen an einem traumhaften Wintertag im Oberharz markierten letztlich nur einmal mehr die Bedeutung der Bergwacht. Auch im Brockenbereich gab es nach Georges Worten mehrere Einsätze, darunter einen Herzinfarkt.

Weitere Einsätze

Und auch damit war das Wochendpensum längst noch nicht erfüllt. Nachdem die Bergwacht jüngst mit einem eigenständigen Zug dem Katastrophenschutz im Harz-Kreis zugeordnet worden ist und damit im Umkehrschluss grünes Licht für ihre Finanzierung und Technik-Investitionen möglich wurden, stand gleich am Samstagmorgen eine Übung auf dem Programm. Die Aufgabe: Im Areal zwischen Schierke und Drei Annen Hohne galt es, eine verirrte und verletzte Person zu finden.

Eine Aufgabe, die alles andere als einfach war, denn die winterlichen Rahmenbedingungen mit reichlich Schnee machten schon die Suche zur körperlichen Herausforderung. Insgesamt 19 Bergretter starteten – unter den kritischen Blicken von Vertretern der Kreisverwaltung und des Nationalparks – mit Tourenski, Schneeschuhen und Steigeisen, um das Opfer zu suchen.

Lücke im Digitalfunknetz

„Nach zweieinhalb Stunden war es geschafft und die verletzte Person unweit der Leistenklippen gefunden“, berichtet George. „Das war schneller als erwartet“, so seine positive Bilanz. Negativ dabei: Dort oben hätten sich Lücken im Digitalfunk bemerkbar gemacht. „Daher die Schlussfolgerung, dass wir beim nächsten Mal ein zweites Netz mit Mobilfunk ausrollen müssen, um mit der Einsatzleitung stets in Kontakt zu bleiben.“

Über ein absolutes Lob dürfen sich die Bergretter derweil von der Kreisverwaltung freuen: „Es war die erste Übung dieser Art überhaupt, die Übungsleitung konnte ein durchweg positives Fazit ziehen. Die Professionalität, mit der die Einsatzkräfte der Bergwacht bei der Suche nach einer vermissten Person vorgegangen sind, war beeindruckend“, so ein Sprecher der Kreisverwaltung.

Die Bergwachtler wollen nun weiter länderübergreifend trainieren und zusammenarbeiten. Am Wurmberg, erinnert Martin Asselmeyer, seien schon heute Retter aus dem ganzen Harz im Einsatz.