Halberstadt l Die wenigsten Fahrgäste in einem Zug machen sich Gedanken darüber, wie Signale und Weichen auf dem Weg zu ihrem Zielbahnhof gestellt und gelegt werden. Ihnen ist wichtig, sicher und pünktlich von A nach B zu kommen. Genau dafür sorgen die Fahrdienstleister, deren Arbeit im weitesten Sinne mit der von Fluglotsen vergleichbar ist.

Begegnen kann man ihnen eher selten, denn sie arbeiten im Verborgenen. Selbst Eisenbahner, die beim Verkehrsbetrieb Deutsche Bahn (DB) arbeiten, kommen normalerweise nicht zu den Kollegen ins Stellwerk.

Viele Neugierige

Da es aber viele Neugierige gibt und die DB selbst daran interessiert ist, dass Bahnreisende erfahren, was hinter den Kulissen geschieht, wurde erneut zu einem Tag des offenen Stellwerks am Halberstädter Hauptbahnhof eingeladen. „Wir möchten Eisenbahninteressierten Einblicke in die Abläufe und in den beruflichen Alltag eines Fahrdienstleiters, des Instandhaltungspersonals der Fachbereiche Leit- und Sicherungstechnik sowie der Fahrbahn geben“, sagte Jürgen Helling, Leiter des Regionalnetzes Elbe-Saale des DB Netz AG Südost, bei der Begrüßung der 30 Besucher, darunter etliche ehemalige Eisenbahner.

„Die Bahn ist eines der sichersten Verkehrsmittel. Täglich sind auf dem über 33 000 Kilometer langen deutschen Schienennetz gut fünfeinhalb Millionen Fahrgäste unterwegs. Gesteuert wird der Zugverkehr durch rund 2800 Stellwerke“, sagte er, „die Weichen und Signale werden von bundesweit mehr als 13 000 Fahrdienstleistern gestellt. Zahlreiche technische Systeme und qualifizierte Mitarbeiter sichern flächendeckend rund um die Uhr den Bahnbetrieb in Deutschland.“

In Halberstadt wolle man die Besucher beim Rundgang durch das Elektronische Stellwerk (ESTW) mit der Arbeit der Fahrdienstleiter im Bedienraum und der Leit- und Sicherungstechnik in unmittelbarer Nachbarschaft sowie mit dem Bereich Gleisaufbereitung/Fahrbahn vertraut machen. Gern hätte er sich mehr jüngere Leute gewünscht, um bei ihnen das Interesse an einem Beruf bei der Bahn zu wecken, so Helling, denn diese benötige immer Nachwuchs, biete gute berufliche Perspektiven und auch eine gute Entlohnung.

Drei Stationen

Je zehn Personen begaben sich mit dem jeweiligen Bereichsleiter an die drei Stationen. In der Betriebszentrale sorgen je vier Fahrdienstleiter pro Schicht rund um die Uhr für einen sicheren, pünktlichen, reibungslosen und wirtschaftlichen Ablauf des Personen- und Gütertransports im Schienenverkehr auf den Streckenabschnitten der Bahnhöfe Halberstadt, Güsten, Wernigerode/Ilsenburg und Oschersleben. Ihnen obliegt eigenverantwortlich die Zulassung der Zugfahrten. Ohne ihre Zustimmung darf kein Lokführer losfahren.

Auf den sieben Bildschirmen vor Thomas Vesely flackern Meldungen, blinken Grafiken und laufen Funksprüche auf. Auf vier Monitoren sind die Gleispläne seines Verantwortungsbereiches zu erkennen. Per Mausklick erledigt er alle wichtigen Bedienungen: Fahrstraßen einstellen, Weichen und Signale stellen, Gleise und Weichen sperren. „Ein Fahrdienstleiter muss nicht nur die hochmoderne Technik beherrschen, sondern auch die Vorstellung haben, was draußen passiert“, sagte er, der über Erfahrungen aus 38 Berufsjahren, davon 11 in Halberstadt, verfügt.

„Hier ist Können, Konzentration und Erfahrung gefragt“, bestätigt Bereichsleiter Jörg Köbke, „es ist kein Routinejob, hier müssen sich die Mitarbeiter schnell auf eine neue Situation einstellen und Entscheidungen treffen. Bei Störungen und kleinen Ausfällen sorgen sie für die Aufrechterhaltung des Zugbetriebes.“ Er erwähnte auch, dass mit der Inbetriebnahme des ESTW zahlreiche mechanische Stellwerke überflüssig wurden. Mussten früher sechs bis acht Mitarbeiter Signale und Weichen über Hebel und Drahtzüge per Hand stellen, steuert und überwacht heute ein Mitarbeiter mit Computertechnik per Mausklick größere regionale Bereiche.

80 Signale und 40 Weichen

Im benachbarten elektrischen Betriebsraum präsentierte Reiner Hinze, Bereichsleiter Leit- und Sicherungstechnik sowie Elektromechanik, die im Hintergrund arbeitenden Steuerungskomponenten und -systeme, wie der Zentralrechner sowie die Bereichsstellrechner und die einzelnen Stellteile der Signale und Weichen. Von Halberstadt aus werden 80 Signale und über 40 Weichen gesteuert, hier liegt auch die Verantwortung für rund 60 Bahnübergänge zwischen Halberstadt und Ilsenburg bzw. Giersleben kurz vor Schönebeck. In dem Technikraum werden die Befehle, die vom Arbeitsplatz des Fahrdienstleiters erteilt werden, vom Zentralrechner auf ihre Korrektheit überprüft, ausgeführt und an die dezentralen Stellrechner und Stellteile der Außenanlagen verteilt.

Thomas Hildebrandt, Bereichsleiter Gleisaufbereitung/Fahrbahn, fuhr mit Interessenten auf die Nordseite des Bahnhofsgeländes. Dort wurde erklärt, welche Werkzeuge unter anderem für Instandhaltungsarbeiten oder das Wechseln von Verschleißteilen benutzt werden oder und mit welchen Fahrzeugen die Mitarbeiter zu Baustellen fahren oder Material anliefern. Bei einer Mitfahrt auf einem Gleisarbeitsfahrzeug GAF 100 konnten Besucher an wenigen Überbleibseln erkennen, welches Ausmaß das Schienennetz von Rangier- und Güterbahnhof bis zum Umbau des gesamten Bahnhofsbereiches hatte. „Alle Strecken werden in festen Zeitabständen mit Gleismessfahrzeugen befahren, die die Gleisgeometrie prüfen“, so Hildebrandt, „zusätzlich sind wir selbst unterwegs und kontrollieren zum Beispiel Bahnübergänge, Signale, Schienen, Gleisbett sowie den Baumbewuchs an den Strecken und erledigen kleinere Reparaturen.“

„Das große Interesse in Halberstadt könnte Anlass sein, wieder ins Elektronische Stellwerk einzuladen. Außerdem wäre ein Besuch von Schülern eine gute Möglichkeit, junge Leute zu interessieren und mit der Berufsausbildung bei der DB vertraut zu machen“, so Jürgen Helling nach fast drei Stunden Führung durch das Objekt.