Halberstadt l „Ich befinde mich in guter Gesellschaft“, sagte Alexander Kluge am Donnerstagabend im Halberstädter Ratssaal, nachdem ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen worden war. „Und zwar in Gesellschaft der wunderbaren Schwester Ursel und von Werner Hartmann“, erinnerte Kluge unter dem Applaus der Anwesenden. Hartmann, den Kluge als Weggefährten bezeichnet, sei ein Chronist und Autor, dem er sehr viel zu verdanken habe. „Ohne seine Forschung hätte ich mein Buch nicht schreiben können“, so Alexander Kluge.

Kontakt nach Halberstadt nie abgerissen

Als er 1977 das Buch „Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945“ veröffentlicht hatte, war Kluge bereits als Künstler hochangesehen, hatte silberne und goldene Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig gewonnen, die Bewegung des Neuen Deutschen Films wesentlich mitgeprägt und angestoßen. Wobei es mit der Hochachtung seines Vaters vor seinen Leistungen eher „begrenzt“ war, wie Kluge während eines Pressegespräches vor dem Festakt berichtete. Sein Vater Ernst Kluge war Frauenarzt und Geburtshelfer, als Arzt für das Halberstädter Theater tätig und legte eine wesentliche Basis für vieles, mit dem sich Kluge später befasste.

Kluge, der als 13-Jähriger mit seiner Mutter nach Berlin zog und im Westteil der Stadt lebte, hat den Kontakt zu Halberstadt nie ganz verloren. „Ich habe Freunde, die mir regelmäßig berichten, ich war zu Besuch hier. Vor allem meine Schwester ist sehr oft hier gewesen. Sie war ein echter Patriot und ich bin ein Patriot meiner Schwester“, sagte er.

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Tipp für den Maler Anselm Kiefer

Halberstadt ist seine Vaterstadt, er hat den Namen der Stadt auf internationaler Bühne bekannt gemacht. „Mir liegt an dieser Stadt sehr, sehr viel“, sagte er im Ratssaal. Wenn er die Stadt propagieren könne in der Welt, dann werde er das tun. „Anselm Kiefer kann Halberstadt schon auswendig sagen“, sagte ein schmunzelnder Kluge vor dem Festakt. Der renommierte Maler Anselm Kiefer sollte sich unbedingt den Domschatz ansehen. „Der würde ihn garantiert inspirieren, dann könnte er ein Bild davon malen. Und Kiefer malt großflächig, da ist rasch eine Wand voll“, so Kluge im Pressegespräch.

Besuch im Domschatz

Doch so ganz in Ruhe hatte er offenbar den Domschatz noch nie gesehen, weshalb der Besuch am Donnerstagvormittag in ihm eine große Begeisterung weckte. „Der Domschatz ist ein hinreißendes Gebilde, so reich an Geschichten“, sagte Kluge. „Halberstadt war ein Ort des Ausgleichs und der Aufklärung, hier gab es eine Frühaufklärung. Man hat sich im Domkapitel nicht sofort für eine Seite entschieden nach Martin Luthers Thesenanschlag. Man hat es lange nebeneinander ausgehalten. So etwas wäre für ganz Deutschland gut gewesen, möglicherweise wäre man dann auch mit dem Bauernkrieg anders umgegangen.“

Dass der Domschatz „uns mit dem 10. Jahrhundert verwurzelt“, betonte Kluge auch in seinen Dankesworten nach der festlichen Auszeichnung, „aber es ist die Gegenwart, die diese Stadt ausmacht“. Er spüre neuen Schwung, von oben und von unten.

Diese beiden Pole, die Bewegung von oben und die von unten, bestimmten seine Arbeit, sagte Dr. Anna Fricke in ihrer Laudatio. Fricke hat die aktuelle Ausstellung über Kluge kuratiert, die unter dem Titrel „Pluriversum“ zurzeit im Folkwang-Museum Essen zu sehen ist. Gerade die Bewegung von unten beschäftigt Kluge, die Aktion der Ohnmächtigen, der Ausgegrenzten. „Künstler“, sagte Kluge, „sind Anwälte des Ausgegrenzten, das wieder eingebracht werden muss in die Gesellschaft. Und das ist nicht in einem Raster der Aktualität zu fassen.“ Einbeziehung gelinge nur, wenn man Identität schaffe, wenn die Menschen stolz auf etwas sein könnten.