Halberstadt l Ein wunderbarer Garten, mehr als 215 Gäste, außerordentliche Kunst und das Ganze bei italienischer Sommerabendstimmung. Was will man mehr für eine Ausstellungseröffnung im Freien? Die Monat_Kunst_Halberstadt Biennale ist am Wochenende in die zweite Runde gegangen und hat für die Eröffnung der Ausstellung zeitgenössischer Kunst einen historischen Ort ausgewählt: Das St. Burchardikloster, in deren Kapelle aus dem 11. Jahrhundert seit 2001 das Orgelstück von John Cage Organ2/ASLSP erklingt. Dieses an die Vergangenheit anknüpfende, in der Gegenwart agierende und in die Zukunft weisende Kunstprojekt gab die Inspiration für das Thema der zweiten Kunstbiennale in Halberstadt, welche Fragen nach der Zukunft stellt und den Titel „Was wird sein - von jetzt an?“ trägt.

Gezeigt werden Arbeiten sehr unterschiedlich agierender Künstler, die in dieser Ausstellung eines verbindet: Die Auseinandersetzung mit Zeit, Zukunft, Gegenwart, Raum und Verantwortung. Die zwölf Künstlerinnen und Künstler kommen aus Bulgarien, Belgien, Österreich und Deutschland – John Cage kann man als 13. Künstler gedanklich durchaus dazuzählen. Fast alle Künstler waren am Abend der Ausstellungseröffnung anwesend, was den Gästen die Möglichkeit zu Gesprächen gab.

Die im Klostergarten präsente Holzskulptur von Peter Pilz (Österreich/Berlin) „cage/ungage“, in deren Kontrapunkt sich die Skulptur von Silvia Lorenz (Deutschland) „tumbleweed“ befindet, wirft Fragen auf beim Betrachter. Ebenso die mit Arc I und Arc II benannten Stahlskulpturen der in Berlin lebenden Lisa Tiemann, deren leicht hin und her schwingende Bögen die Form der romanischen Fenster der Klosterkirche aufnehmen.

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Und das ist auch so gewollt. Denn, „in diesem Moment des Nichtverstehens beginnt auch die aktive Beteiligung der Besucherinnen und Besucher. „Oft teilt sich Kunst erst mit, wenn nach Sinn und Bedeutung, nach Schönheit, Gesellschaft und Politik gefragt wird“, sagt Kurator Dr. Peter Funken (Berlin). Und er hofft, dass „die künstlerischen Arbeiten dazu anregen, in neue Gedanken zu verfallen“.

Der Kurator, der ein absoluter Fan des John-Cage-Orgel-Kunstprojektes ist, dankt der Cage-Stiftung und ihrem Kuratorium außerordentlich dafür, dass sie ihr Haus für die II. MKH Biennale zur Verfügung gestellt haben. Als „wunderbare Fügung“ bezeichnet Rainer O. Neugebauer vom Kuratorium der John-Cage-Orgel-Stiftung die gegenwärtige Situation, dass beide Projekte an diesem Ort zusammenkommen und dass „die Biennale an das Cage-Projekt andockt“. Am und bereits auch Tage vor dem Eröffnungsabend bildeten Künstler der Biennale und junge Musiker des Meisterkurses Interpretation zeitgenössischer Musik eine Art Prozessmontage im Herrenhaus. Die Biennale-Teilnehmer bauten ihre Kunstwerke auf. Und die musizierenden Solisten und Trios bereiteten sich auf den Wettbewerb für die Vergabe des 4. John-Cage-Preises am 28. August vor. Darüber hinaus wird am 4. September der 104. Geburtstag von John Cage in Halberstadt gefeiert.

Peter Funken, der bereits 2007 eine Ausstellung in Halberstadt kuratiert hat – „Hannah Arendt Denkraum“ ist begeistert von Halberstadt als Ort für zeitgenössische Kunst. Er ist davon überzeugt: „Eine Stadt mit einer so spannenden Geschichte, mit einem so außergewöhnlichen Projekt wie das John-Cage-Orgel-Kunstprojekt und mit einer so komplizierten Gegenwart hat großes Potenzial.“ Für Künstler sei diese Stadt eine absolute Herausforderung. Umso mehr freut er sich, dass der MKH-Verein ihm das Vertrauen für die II. MKH-Biennale entgegenbrachte.

Dieser Herausforderung hat sich neben Peter Pilz, Silvia Lorenz und Lisa Tiemann ebenso Erich Reusch mit seiner Installation „Viel Dunkelheit Viel Licht“ in der Klaussynagoge der Moses Mendelssohn Akademie gestellt. Der 1925 in Lutherstadt-Wittenberg geborene Reusch arbeitete als Künstler, Architekt und Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Juliane Duda (Deutschland) präsentiert ihre Videoinstallation „public viewing“ in den Ausstellungsräumen des Herrenhauses, auch Roland Eckelt (Deutschland), der dort seinen Videofilm „Best in Show“ zeigt und Mariana Vassileva (Bulgarien). Ihre Skulpturen, Objekte und Fotos begegnen im Musikzimmer Arbeiten zu und von John Cage. Tobias Hauser (Deutschland) hat sich entschieden, seine Aluminium­skulptur „Cette terre est libre“ („Dieses Land ist frei“) auf der Terrasse – also halb draußen und halb drin – aufzustellen. Georg Zey (Deutschland) stellt im Herrenhaus eine Gruppe von Skulpturen aus, die auf weichen, gelben Schaumstoffsockeln präsentiert werden. Auf diesen Unterbauten stehen die Arbeiten auf schwankendem Grund. Und auch eine nicht endende Linie auf Zeys großer Druckgrafik „Elbsandstein“ kann keinen wirklichen Halt für den Blick und das Auge geben.

Peter Puype (Belgien) hat im öffentlichen Raum Halberstadts eine Plakataktion initiiert und Gerd Rohlings (Deutschland) Arbeiten sind am korrespondierenden Ausstellungsort in der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg zu sehen.

Der 1932 in Halberstadt geborene Alexander Kluge zeigt im Wasserturm an der Wernigeröder Straße seinen neunstündigen Film „Nachrichten aus der ideologischen Antike – Marx – Eisenstein – Das Kapital“ Das neunstündige Werk entstand 2008, hat aber an Bedeutung für eine Debatte um Zukunft nichts an Aktualität eingebüßt.

Am Eröffnungswochenende der MKH-Biennale ist es gelungen, eine direkte Telefonschaltung aus dem Wasserturm zu Alexander Kluge am Chiemsee zu schaffen: „Ich bin stolz auf meine Heimatstadt Halberstadt, dass es dort diese MKH Biennale gibt. Und ich bin sehr stolz darauf, dass mein Film in dem imposanten Bauwerk des alten Wasserturms läuft“, sagt Kluge am Telefon, das für alle Ausstellungsbesucher im Wasserturm zum Mithören laut gestellt wurde. Er wünsche dem Biennale-Verein Glück und hoffe, dass es viele weitere Wiederholungen gibt, an denen er sich gern beteiligen werde.

Darüber freute sich natürlich die MKH-Vereinsvorsitzende Ilka Leukefeld, selbst Künstlerin und Ideengeberin der Biennale. Sie ist in Halberstadt groß geworden und lebt heute in London. Ilka Leukefeld wuchs in einer Künstlerfamilie, von Kunst und anderen Künstlern umgeben, auf. In ihrer Erinnerung an diese Zeit und an die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in der Martinikirche in den 1980er Jahren und hier insbesondere an den Metallgestalter Johann-Peter Hinz war es ihr Wunsch und Ziel, mit der von ihr initiierten Biennale an diese Tradition anzuknüpfen. Glück, Begeisterung und Erleichterung war ihr am Eröffnungsabend ins Gesicht geschrieben. Sie freut sich, in diese zweite Runde der Biennale eingetreten zu sein, denn von jetzt an könne man dieses Kunstprojekt tatsächlich Biennale nennen. Was daraus wird, was sein wird, das weiß niemand. Aber die Hoffnung auf eine Fortsetzung ist groß. Schirmherr Oberbürgermeister Andreas Henke: „Die auch für eine Stadt existenzielle Frage „Was wird sein – von jetzt an?“ bekommt durch die Biennale neue großartige Impulse für einen gesellschaftlichen Diskurs zum Nach- und Umdenken, zu Auseinandersetzungen und zum Voranbringen.“

Die Ausstellungsorte in Halberstadt sind geöffnet Donnerstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr. Die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg ist Mittwoch bis Montag 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Führungen nach Absprache, Telefon 0171/1143756; weitere Informationen unter www.mkh-biennale.de