Halberstadt l Die Einladung ins Schloss Bellevue kam überraschend. Erst wollte sie ablehnen, aber dann, nach mehreren Tagen reiflicher Überlegung, sagte Bettina Oelmann doch zu. Immerhin bekommt man nicht jeden Tag einen Bundesverdienstorden verliehen. Noch immer scheint es ihr fast ein bisschen peinlich zu sein, dass sie diese Ehrung erhalten hat.

Aber natürlich mache es sie auch stolz, sagt die Halberstädterin, die viele Jahre als Schulleiterin in der Domstadt tätig war. Und die Auszeichnungsveranstaltung selbst war schon ein besonderes Erlebnis. „Ich war soo aufgeregt“, sagt sie und berichtet vom Besichtigungstermin am Tag vor der Ordensverleihung, von den Begegnungen mit den anderen 23 zu Ehrenden, der hervorragenden Organisation seitens des Bundespräsidialamtes. Trotz der Erklärungen am Vortag, die Aufregung blieb, bis sie aus den Händen von Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz entgegennahm. Erst dann konnte sie den Tag wirklich genießen, die Gespräche mit ihrem Tischnachbarn, dem berühmten Basketballer Dirk Nowitzki. Begeistert berichtet sie von dessen Projekten zur Unterstützung benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Letztlich, so ihr Fazit, sei dieser Tag „aufregend schön“ gewesen. Und, ja, natürlich fühlt sie sich sehr geehrt.

Viele Akteure

Dass auch sie in diese Reihe von Menschen gehört, die sich viele Jahre um die Bildung und Erziehung von Kindern kümmern, und zwar in einem besonderen Maße, fällt Bettina Oelmann trotzdem offenkundig immer noch schwer zu begreifen. Ausgezeichnet wurde die Halberstädterin für ihren andauernden „bedeutenden Beitrag gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit und für Verständigung und Toleranz. Darüber hinaus organisiert Bettina Oelmann bis heute Begegnungen mit Nachkommen ehemaliger Halberstädter jüdischen Glaubens. Mit ihrem Engagement leistet sie in Halberstadt einen bedeutenden Beitrag gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit und für Verständigung und Toleranz“, wie es in der Laudatio heißt, die der Bundespräsident hielt. Er zeichnete an diesem Tag Bundesbürger aus, deren Ehrung unter dem Motto „Engagement bildet“ stand und eine Anerkennung für herausragenden Einsatz in unterschiedlichen Bereichen der Bildung war.

Die 67-Jährige betont immer wieder, dass sie den Orden nicht alleine besitze. Weshalb sie nach der Auszeichnung auch einige ihrer Mitstreiter einlud, den Orden auf den Tisch legte und jedem Anwesenden erklärte, warum ihm ein Stück des „Verdienstkreuzes am Bande der Bundesrepublik Deutschland“ gehöre. „Ich kann den gar nicht alleine haben, es waren immer viele an den entscheidenden Schritten beteiligt“, sagt sie.

Bettina Oelmann leitete bis 2017 die Grundschule „Miriam Lundner“. Dass diese Schule nach dem jüngsten Kind der 1942 deportierten Familie des letzten jüdischen Direktors Halberstadts benannt ist, ist nur ein sichtbares Zeichen ihres Engagements, für das es nun den Orden gab, dazu Glückwünsche von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU) und Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke), auch Landtagsabgeordneter Daniel Szarata (CDU) sandte ein Glückwunschschreiben.

Berufswunsch lange klar

Dass sie einmal eine Schule leiten wird, das war nicht unbedingt ihre Wunschvorstellung, Kinder zu unterrichten hingegen schon. „Ich habe schon im Kindergarten Lehrerin gespielt, meine Puppen waren meine Schüler“, erzählt sie lächelnd. Dass sie tatsächlich diesen Weg ging, habe sie aber auch ihrer eigenen Grundschullehrerin zu verdanken, die damals Unterstufenlehrerinnen hießen. Die Frau, die ihr Vorbild wurde, habe damals zu ihren Eltern gesagt: „Bettina muss Lehrerin werden“.

Und das wurde sie. Nach der Ausbildung zur Unterstufenlehrerin in Staßfurt nahm sie später ein postgraduales Studium auf, wechselte an die Pädagogische Hochschule nach Erfurt. „Es ging damals darum, Institute für Lehrerbildung aufzubauen“, erinnert sie sich. Sie schrieb ihre Doktorarbeit zum Thema Werte-Erziehung, damals nannte sich das moralische Erziehung.

Mit ihrer Familie ging es für die Halberstädterin nach Magdeburg, ans dortige Institut für Lehrerbildung. 1988 kehrte die inzwischen vierköpfige Familie wieder nach Halberstadt zurück.

Der Grund klingt aus heutiger Sicht vielleicht lapidar – aber die Familie baute ein Eigenheim. „Wir besaßen das Grundstück hier schon länger, bekamen aber keinen Wasseranschluss, weil es den für ein Erholungsgrundstück nicht gab.“ Also entschlossen sich ihr Mann und sie zu bauen. Viel wurde in Eigenleistung gemacht, anders wäre es gar nicht gegangen zu DDR-Zeiten. Nach fast sechs Jahren dann der Umzug.

Ein Glücksfall in ihrer beruflichen Biografie, ein Jahr später kam die Wende, die Institute wurden bald darauf aufgelöst. Da unterrichtete Bettina Oelmann bereits Kinder in der „Grundschule An der Plantage“. Kurze Zeit später begaben sich Kollegium und Elternschaft auf Namenssuche, stiftet ein Schulname doch auch Identität.

Wichtiger Wertekanon

Im Eingangsflur hing eine große Tafel, auf der sammelten sich viele Vorschläge. Weil die Schule, als sie noch Teil der POS „Carl Friedrich Gauß“ war, im Gebäude der einstigen jüdischen Schule Halberstadts untergebracht war, entwickelte sich eine weitere Idee. In Gesprächen mit Pfarrer Martin Gabriel tauchte der Name Lundner auf. Werner Hartmann und Sabine Klamroth trugen weitere Mosaiksteinchen bei, ebenso der Verein zur Bewahrung des jüdischen Erbes in Halberstadt. Dann gab es Kontakt zu Beate Pappenheim, viele Briefe und Telefonate später stimmte die einzige Überlebende der Familie Lundner zu, dass die Schule den Namen Miriams tragen dürfe. „Sie schrieb schon 2001, dass man aufpassen soll auf die Kinder, wo doch die rechte Szene in Deutschland wieder erstarke“, erinnert sich Bettina Oelmann und fügt leise an: „Und sie hatte Recht.“

Lehrer, Eltern, Stadt trugen die Idee mit. „Es gab keine Widerstände in dieser Frage“, sagt Bettina Oelmann. Ebenso wenig wie bei den Bemühungen, den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu bekommen. Als erste Grundschule im Land bekam die Miriam-Lundner-Schule diesen Titel 2009 verliehen. Er ist Ausdruck nach außen, welche Werte im Inneren wichtig sind: Zu helfen, wenn jemand in Not ist, tolerant zu sein anderen gegenüber, zu lernen, ohne Fäuste zu streiten. Aber auch, Courage zu zeigen, wenn andere ausgegrenzt, diffamiert werden. Gerade Courage zu haben, sei wichtig. „Das Schweigen ist ein großer Fehler, ein ganz großer“, sagt Bettina Oelmann.

Dass dieser Wertekanon weiter hochgehalten wird, ist Verdienst der Lehrer und des Fördervereins, betont Oelmann, die sich freut, dass ihr Nachfolger sich diesem Erbe ebenfalls verpflichtet fühle. Denn es bleibe wichtig, an solchen Werten zu arbeiten, die Geschichte der Juden von Halberstadt im Unterricht zu vermitteln und auch die Erinnerung an die Deportationen wach zu halten.

Deshalb ist sie viel unterwegs, führt ehrenamtlich für die Moses-Mendelssohn-Akademie Kindergruppen durch das jüdische Halberstadt. Kinder, sagt Bettina Oelmann, seien neugierig und offen, anders als bei Führungen mit Erwachsenen spüre sie hier selten Distanziertheit zu diesem Thema.