Halberstadt l Die Meldung kommt um 16.14 Uhr. Die Stadtverwaltung Halberstadt hat am Montag (7. Dezember) sowohl die Kita „Waldblick II“ als auch die Grundschule „Anne Frank“ geschlossen. Coronabedingt, wie Stadtsprecherin Ute Huch mitteilt. Während für die Kita eine Teilöffnung ab dem 14. Dezember geplant ist, bleibe die Anne-Frank-Schule samt Hort bis 16. Dezember zu. Und in der Grundschule „Miriam Lundner“ befindet sich seit Montag eine weitere erste Klasse in Quarantäne.

Sind Schulen doch ein stärkerer Infektionstreiber als bislang gedacht? „Die Erfahrungen mit Schulen sind different“, heißt es dazu aus dem Gesundheitsamt des Harzkreises. Mitunter bleibe es bei einem oder wenigen Fällen. In anderen Einrichtungen treten dann doch mehrere Folgefälle auf. Häufiger komme es auch zu Folgefällen in den Familien betroffener Schüler. Die Annahme, dass Kinder die Infektion „überhaupt nicht“ weiter geben, sei also nicht richtig.

Sorge um Menschenleben

Was tun? Die Schulen schließen? Eine Überlegung, die Landrat Thomas Balcerowski (CDU) durchaus in Erwägung zieht, wie er auf Volksstimme-Nachfrage sagte. „Ich werde diese Frage in den nächsten Tagen mit meinen Kollegen erörtern. Im Zweifel müssen wir eigene Entscheidungen für den Kreis treffen.“ Einen früheren Start in die Weihnachtsferien sehe das Land laut Balcerowski als schwierig an, vielleicht werden die Ferien über den 11. Januar hinaus verlängert. Das helfe wenig in der aktuellen Lage. „Denn die Menschen, die jetzt als Neuinfektion registriert werden, haben sich ja vor rund 14 Tagen angesteckt.“ Man müsse die Entwicklung sorgsam beobachten, so der Landrat. „Ich mache mir da schon auch Sorgen, ich hoffe nicht, dass wir noch mehr Menschen verlieren.“

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Das betreffe ebenfalls die Situation in den Altenpflegeeinrichtungen. Denn auch hier würden regelmäßig Neuinfektionen registriert. Wie von Amtsärztin Dr. Heike Christiansen zu erfahren war, wurden in der in der ersten Dezemberwoche in fünf Alten-, Pflege- beziehungsweise Senioreneinrichtungen im Landkreis Harz positive Befunde bei Bewohnern und Mitarbeitern festgestellt. „In der Regel sind die Einrichtungen mit Maßnahmeplänen gut vorbereitet, um mit dieser Situation umzugehen. Allerdings ist dies stets eine große Anstrengung für die Mitarbeiter, weil das Leben mit den notwendigen Kontaktbeschränkungen auch innerhalb der Einrichtung organisiert werden muss“, so die Amtsärztin.

Schnelltests in Heimen

Die Frage, welche Einrichtungen Schnelltests vornehmen, könne sie nicht beantworten, das sei dem Gesundheitsamt nicht im Einzelnen bekannt. „Hierfür gibt es keine Meldepflicht. Die Mehrzahl der Einrichtungen hat zumindest Konzepte vorgelegt, die dokumentieren, dass Tests vorgesehen sind.“

„In Heimen Schnelltests bei den Mitarbeitern nicht zu machen“, sagt Landrat Balcerowski, „ist grob fahrlässig. Das gefährdet die Gesundheit der Bewohner. Wir überlegen, hier eine härtete Gangart einzulegen und mehr zu kontrollieren. Aber wir können nicht alles kontrollieren, wir müssen auf die Vernunft der Menschen setzen.“

Kontakte vermeiden hilft

Ein Fakt, den Amtsärztin Christiansen unterstreicht. Mit Blick auf die enorm gestiegenen Fälle appelliert sie: „Verhalten Sie sich vernünftig, der Situation, die uns alle belastet, angemessen. Bitte vermeiden Sie wirklich Kontakte.“ Immer wieder träten in Familien oder Freundeskreisen Fälle auf, nachdem dann doch ein Beisammensein stattgefunden habe. Auch unter Arbeitskollegen träten immer wieder Häufungen bei Ansteckungen auf. „Und selbst wenn man sich nicht angesteckt hat – als enge Kontaktperson für 14 Tage in Quarantäne zu müssen, trifft die Mehrzahl der Familien hart. Schließlich bedeutet es nicht nur, nicht aus dem Haus gehen zu dürfen, vielmehr muss sich die Kontaktperson, will sie nicht weitere Familienmitglieder gefährden, vom Rest der Familie räumlich trennen“, so die Amtsärztin. Das bedeute keine gemeinsamen Mahlzeiten, sich nicht im gleichen Zimmer aufzuhalten und so weiter – und das für 14 Tage. „Jeder sollte für sich selbst prüfen, ob der gemeinsame Weihnachtsschmaus mit der Familie dies alles aufwiegt“, gibt die Amtsärztin zu bedenken.

106 Mitarbeiter sind aktuell für die Tätigkeit im Corona-Team der Kreisverwaltung registriert. Davon helfen 34 nur gelegentlich oder an den Wochenenden. Zusätzlich gebe es in der Kreisverwaltung Mitarbeiter, die Aufgaben zur Pandemiebewältigung wahrnehmen, ohne als Teammitarbeiter geführt zu werden, erklärt Heike Christiansen.

Sieben Tage in zwei Schichten

Fest im Ermittlerteam seien 22 Mitarbeiter tätig, als gelegentliche Helfer – zum Beispiel an den Wochenenden – stünden 33 Mitarbeiter zur Verfügung. Gearbeitet wird an sieben Tagen in der Woche in zwei Schichten. Trotzdem sei die Nachverfolgung der Kontakte nicht mehr zeitnah möglich. „Aber nach wie vor besteht das Anliegen, alle Fälle – wenn auch leider mit Zeitverzug – zu bearbeiten“, so die Chefin des Gesundheitsamtes. Das muss auch die Briefe an die Betroffenen zur Quarantäne oder Isolierung verschicken, 17 feste Mitarbeiter arbeiten inzwischen allein im Team zur Erstellung der Briefe.

In der Quarantänebetreuung sind laut Kreisverwaltung zwölf Mitarbeiter im Einsatz. Sie rufen die Menschen an, die sich isolieren müssen, also unter Quarantäne stehen, beantworten Fragen, führen ein Gespräch zur Entlassung aus der Quarantäne beziehungsweise Isolierung, nehmen aber auch Kontrollen zur Einhaltung der Anordnungen vor, Hausbesuche eingeschlossen.

Angespannte Situation

Von solchen Quarantäne-Anordnungen betroffen sind auch Mitarbeiter der Krankenhäuser. Im Harzklinikum sei die Personalsituation bei den Pflegekräften angespannt, sagt Kliniksprecher Tom Koch auf Anfrage, weil etliche Mitarbeitende krank oder als Kontaktperson von infizierten Patienten in Quarantäne seien. Darauf werde reagiert. Aktuell ist eine wenig belegte Station in Quedlinburg geschlossen worden, teilweise sind kurzfristige Aufnahmestopps auf einzelnen Stationen notwendig. „Die medizinische Versorgung der Patienten insgesamt ist aber gesichert“, betont der Kliniksprecher.

So sei die nach einigen Covid-Fällen geschlossene Geriatrie-Station am Standort Queldinburg wieder geöffnet. Aktuell würden dort zwölf Menschen behandelt. Von den 42 Intensivbetten im Harzklinikum seien derzeit 27 belegt. Im Corona-Isolierbereich seien es 18 der 30 Betten.

95 Fälle in einer Woche

Ein ähnliches Bild gibt es im Ameos-Krankenhaus Halberstadt. Wie vom Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Klaus Begall zu erfahren war, gibt es in den zwei eingerichteten Isolierstationen 28 Betten. „Manchmal sind bis zu 25 belegt. Aktuell haben wir aber nur sechs Patienten mit Covid-19 im Krankenhaus, einer davon muss intensivmedizinisch behandelt werden.“ Allerdings sei bei den massiv gestiegenen Infektionszahlen rund um Halberstadt auch mit einem Anstieg der zu isolierenden Patienten zu rechnen. Bislang hielten alle Handlungsstränge im Haus, sowohl Personal als auch Patienten zögen gut mit. Das Halberstädter Krankenhaus hat ebenfalls Mitarbeiter, die in Quarantäne seien, dies allerdings zumeist wegen Kontakt zu Infizierten im privaten Umfeld. Man nutze die Möglichkeit, beim Gesundheitsamt Anträge auf verkürzte Quarantänezeiten für negativ getestete Mitarbeiter zu stellen. Mitarbeiter, die aus der Quarantäne kommen, werden zudem einem Schnelltest unterzogen, um sicher zu sein, dass kein Infektionsrisiko vorliegt. Warum es gerade in Halberstadt so viele neue Fälle gibt, könne er nicht sagen.

Das kann auch das Gesundheitsheitsamt nicht. Es sei zu bedenken, dass zu Halberstadt etliche andere Orte gehören. Die Fälle beträfen nicht nur die Kernstadt, heißt es aus dem Amt. „In der ersten Dezemberwoche gab es von Montag bis Sonntag insgesamt 95 Neuinfektionen, davon 77 in der Kernstadt und 18 in den Ortsteilen“, so Amtsärztin Christiansen. Und fügt an: „In Halberstadt sind mehrere Einrichtungen betroffen, so eine Kita, fünf Schulen und eine Pflegeeinrichtung. In einigen davon sind inzwischen mehrere Fälle aufgetreten, was sich schnell summiert.“

Eine Erfahrung, die auch Osterwiecks Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) mehrfach machen musste, ebenso wie Thomas Krüger, Bürgermeister (CDU) der Einheitsgemeinde Huy. „In der vergangenen Woche hatten wir sieben neue Fälle. Im ganzen Frühjahr war es nur einer. Es täuscht, wenn man meint, sich im ländlichen Raum nicht anstecken zu können. Wir müssen alle achtsam sein“, so Krüger.