Halberstadt l Nein, es waren weder das Konsulardiptychon aus dem Jahr 416 noch die byzantinische Weihbrotschale aus dem 11. Jahrhundert oder die Wirkteppiche aus dem 12. Jahrhundert, anhand derer Patricia Strohmaier die singuläre Bedeutung des Domschatzes in Halberstadt nachgewiesen hat.

Referentin hat über Domschatz promoviert

Strohmaier hat 2016 über spätmittelalterliche Schatz- und Ausstattungsobjekte des Halberstädter Doms an der Universität Leipzig promoviert und ist aufgrund diverser Projekte seit Jahren mit dem Domschatz verbunden. Für ihren Festvortrag im Rahmen der „Nacht im Domschatz“ wählte die Kunsthistorikerin Kostbarkeiten aus der „zweiten Reihe“ aus, in denen sich die lange Geschichte des Halberstädter Domschatzes eindrucksvoll spiegelt. Die Wissenschaftlerin zeichnete ein überaus lebendiges und vor allem facettenreiches Bild einer bereits globalisierten Welt vom neunten bis zum 16. Jahrhundert, in der Kunst, Theologie und Liturgie zu einer besonderen Einheit verschmolzen.

Einer Welt, in der die sakralen Kunstwerke jedoch nicht allein nur liturgische Funktionen hatten. Die Halberstädter Bischöfe nutzten bewusst ihre Strahlkraft, um Ansehen, Einfluss und Ruhm ihres Bischofssitzes im Kontext der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ihrer Zeit zu stärken und zu bewahren.

Eintauchen in bunte Welt des Mittelalters

Feinsinnig ging Patricia Strohmaier bei den vorgestellten Schätzen auf das Material, seine Verarbeitung, die Auswahl der Motive, deren Interpretationsmöglichkeiten und schließlich die Schmuckelemente ein. Vor diesem Hintergrund hatten die Zuhörer in dem bis auf den allerletzten Platz besetzten Hörsaal der Hochschule Harz vielfache Gelegenheit, am Beispiel des Domschatzes in die bunte Welt des Mittelalters, seiner hohen Kunstfertigkeit und auch seiner Konflikte einzutauchen.

Für ihren visuell unterlegten Vortrag hatte die Referentin fünf Objekte ausgewählt, um ihren Abriss der Geschichte von Dom und Domschatz zu illustrieren und dabei auch mit Legenden aufzuräumen.

Klare Fakten contra Legenden

Beispielsweise damit, dass der sogenannte Schachstein der Nachweis sei, dass das Halberstädter Bistum von Kaiser Karl dem Großen gegründet wurde. Der Bergkristall aus dem zehnten Jahrhundert sollte aus einem Schachspiel Karls des Großen stammen. Eine politisch überaus opportune Legende, an die, so die Referentin, die Halberstädter Bischöfe auch fest geglaubt hätten – „visuelle Präsenz schafft Fakten“. Tatsächlich sei der Kristall eine abbasidische Arbeit und habe mit dem Schachspiel des Kaisers nichts zu tun.

Im nächsten Punkt widmete sich die Referentin detailliert den Beziehungen Halberstadts zu Byzanz. Auch vor dem Hintergrund, dass kein anderer deutscher Kirchenschatz so viele byzantinische Werke aufweise wie der Halberstädter. Vorwiegend handelt es sich um Schenkungen von Bischof Konrad von Krosigk, der an den Kreuzzügen (1203/1204) und der Eroberung Konstantinopels (1204) teilgenommen hatte. Sicherlich habe die Heirat der byzantinischen Prinzessin Theophano mit Otto II. auch zu diesem Reichtum beigetragen.

Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter erläuterte die Rednerin am Beispiel einer byzantinischen Stoffverkleidung für ein hölzernes Truhenreliquiar und anhand eines der berühmten Armreliquiare aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Diese aus alten Altären freigesetzten Reliquien nahmen im konkreten Fall einen Teil der Gebeine des Heiligen Nikolaus auf. Letztere dienten auch als Hinweis auf die 250 Jahre währende Bauzeit des gotischen Domes nach dem Vorbild französischer Kathedralen.

Seidenstickerei markiert Superlativ

Eine goldene Monstranz, die im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts in Deutschland gefertigt worden ist, leitete zu einem weiteren Themenpunkt unter dem Motto „Der Leib Christi“ über. Er wurde durch die erläuternde Darstellung der gestickten „Verhüllungstücher“ byzantinischen Ursprungs abgeschlossen. Auch sie sind ein weiterer künstlerischer Superlativ des Halberstädter Domschatzes als älteste bekannte und erhaltene Seidenstickerei ihrer Art.

Abschließend würdigte Patricia Strohmaier das Bestehen eines gemischt-konfessionellen Domkapitels (1591-1810) als ein Ergebnis der behutsamen offiziellen Einführung der Reformation in Halberstadt durch Bischof Heinrich Julius. Dank dieser frühen Form der Ökumene konnte der heute aus mehr als 650 Objekten bestehende Halberstädter Domschatz über die Zeitläufte bewahrt werden.

Das Resümee des 45-minütigen Vortrages – viele Besucher hätten sich ganz offensichtlich gern etwas mehr Zeit gewünscht – von Patricia Strohmaier: ein köstlicher Vorgeschmack auf die intellektuellen Genüsse der „Nacht im Domschatz“.