Osterwieck l Ein Chemieexperiment ist an der Schule aus dem Ruder gelaufen, zwei Chemikalien wurden aus Versehen vertauscht. Es entstehen giftige Gase. Im Chemieraum und im Treppenhaus gibt es 23 Verletzte. So ist die Ausgangslage der Übung.

Als erstes müssen Feuerwehrleute ins Gebäude. Nur sie verfügen über die notwendige Atemschutztechnik. Die vier Einsatzkräfte der Ortsfeuerwehr Osterwieck unter der Atemmaske müssen Schwerstarbeit leisten. Panisch kommt ihnen eine Frau entgegen. Überall Schreie, Hilferufe, aber auch Bewusstlose.

Wen zuerst retten? „Genau das ist das Problem“, sagt Eckhard Schulz vom DRK Wernigerode, der die Vorgehensweise der Feuerwehrleute beobachtet. Zuerst müssten die Bewusstlosen aus dem Gebäude geholt werden.

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„Da läuft der Schweiß“, sagt Feuerwehrmann Tim Mönnekemayer später. Etliche Verletzte müssen herausgetragen werden, einige sind nicht gerade Leichtgewichte. Teils geht es Treppen hinunter.

Für René Schwarzbach ist es der allererste Einsatz unter Atemschutz. Bisher hatte er nur die nicht einfache Ausbildung mit der dazugehörigen Übungsstrecke absolviert. „Das hier ist noch ein bisschen härter“, stellt er fest. Die insgesamt elf Feuerwehrleute sind die ersten am Unglücksort gewesen.

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23 Opfer, das bedeutet in der Rettersprache einen „Massenanfall von verletzten Personen“ in einer höheren Kategorie. So dass die Katastrophenschützer ausrücken. Hier der ehrenamtlich Sanitäts- und der Betreuungsdienst des DRK. Aus Quedlinburg, Wernigerode, Halberstadt und Osterwieck kommen die Rot-Kreuzler ans Fallstein-Gymnasium.

Eine in der Realität vorkommende Komponente wird bei der Übung indes nicht berücksichtigt. Das sind die panisch reagierenden Eltern der Kinder vor der Schule. Dann würden es die Sanitäter noch schwerer haben, die Übersicht zu behalten.

Auch Hauptamtliche sind in die Übung eingebunden. Falk Tschorn ist Notfallsanitäter beim Rettungsdienst in Halberstadt. Er übernimmt die Verletzten von der Feuerwehr, notiert sich Namen und hängt jedem eine „Verteilungsanhängekarte“ um den Hals. In rot für Schwerverletzte, in gelb und grün für mittlere und leichtere Fälle.

Tschorn hebt am Rande hervor, wie wichtig die Ehrenamtler für den Katastrophenschutz sind. „Ich ziehe den Hut vor ihnen.“ Als Übungsort wertet er die Fläche vor dem Gymnasium als ideal. Genügend Platz für die Zelte und für die Fahrzeuge.

In den Bergen des Harzes wäre das schwieriger. Aber auch dort könnte es Großschadensfälle geben. Um für solche Situationen im umwegsamen Gelände gewappnet zu sein, ist derzeit der Fachdienst Bergrettung im Aufbau, berichtet Holger Müller. Mit vier seiner Kollegen der DRK-Bergwacht Wernigerode nimmt er in Osterwieck erstmals an einer Übung im Rahmen des Katastrophenschutzes teil.

Verlegungen

Hier werden die Verletzten näher begutachtet, hier wird entschieden, wohin sie danach verbracht werden. Patienten mit Atemwegsreizungen in Fachkliniken nach Ballenstedt, Lostau oder Lenglern bei Göttingen. Leichter Verletzte in umliegende Krankenhäuser.

Dieses Ineinandergreifen der Kräfte hat aufmerksame Beobachter aus Fachkreisen. Kerstin Koch vom Brand- und Katastrophenschutz des Landkreises ist sehr zufrieden, dass die Zeltstrecke binnen einer Dreiviertelstunde aufgebaut ist. „Die Zusammenarbeit der Fachdienste läuft super. Auch die klaren Anweisungen der Sanitäter sind top.“

Lob für die Übung und die Ausführung kommt auch von Dennis Olschewski, dem leitenden Notarzt beim Harzer Rettungsdienst. „Die Übung ist nah an der Realität. Die Kräfte arbeiten sehr strukturiert. Das funktioniert sehr gut.“

Genau beobachtet ebenso Ronny Leseberg, Organisatorischer Leiter Rettungsdienst, die Übung. „Sicherlich gibt es Kleinigkeiten, an denen man noch feilen kann, aber wirklich nur sehr wenige“, sagt er. „Aber dafür ist eine Übung da. Besser hier als bei einem Schadensfall.“ Ein Katastrophenschutzeinsatz mit so vielen Verletzten sei sicher eher selten, erklärt er. Doch bei Busunfällen zum Beispiel oder Bränden in Hotel oder Pension gab es auch in der Region schon solchen „Massenanfall von verletzten Personen“, wozu ehrenamtliche Sanitäter angefordert wurden.

Der Osterwiecker Frank Hachmann ist Verbandsführer der beiden beteiligten DRK-Fachdienste und hat die Übung federführend organisiert. „Wir wollen natürlich auch zeigen, dass wir in Osterwieck eine starke Bereitschaft haben und ein bisschen für uns werben“, sagt er. „Denn das DRK braucht Unterstützung durch weitere Ehrenamtliche.“