Halberstadt l Dieses Gefühl – eine Mischung aus Stolz, Abschiedsschmerz und der Vorfreude, wieder Zeit für sich zu haben – kennen wohl alle Eltern, wenn ihre Kinder langsam flügge werden. Genau das empfindet Florian Hartmann dieser Tage. Sein Ziehkind Joey wird erwachen, geht nach und nach langsam seiner eigenen Wege. Mit gerade einmal einem Jahr. Joey ist ein Bennett-Känguru, das Hartmann und seine Freundin Viktioria Stelter im Mai adoptiert haben. Mittlerweile geht das Junge mit seinen Artgenossen auf Tuchfühlung und erkundet das Gehege im Halberstädter Tiergarten.

In die Eltern-Rolle ist das junge Paar – beide noch in ihren 20ern – nicht ganz freiwillig gerutscht. „Am Herrentag hat Joeys Mutter ihn aus dem Beutel geworfen“, berichtet Florian Hartmann. Selbst noch recht jung, habe sie die Situation schlichtweg überfordert.

450-Gramm-Leichtgweicht aus Beutel geschubst

Mit vier Monaten, kaum Fell und 450 Gramm Gewicht wäre das eigentlich das Todesurteil für das Junge gewesen – wären nicht die beiden Tierpfleger als Ersatz-Eltern eingesprungen. Auch für sie eine große Herausforderung. Denn obwohl seit 1984 Kängurus im Halberstädter Tiergarten gibt, ist ihre Aufzucht per Menschenhand hier nicht üblich. Um dennoch alles richtig zu machen, haben sich die Tiergarten-Mitarbeiter bei Kollegen im Zoo Erfurt, die in der Hinsicht schon Erfahrung haben, und im Internet informiert.

Die Aufzucht eines Kängurus ist vor allem eins: ein Vollzeit-Job. Ob bei der Arbeit, in der Freizeit, selbst auf einer Tour auf dem Elbe-Radweg – Viktioria Stelter und Florian Hartmann hatten Joey immer dabei. Schnell habe das kleine Tier einen Fan-Club gewonnen, berichtet der „Vater“. Beim Einkaufen oder Essengehen habe das Junge mit den großen dunklen Kulleraugen immer für Aufmerksamkeit gesorgt.

Wärme, Liebe, Schutz

So niedlich das Herumtragen auch auf Außenstehende wirkte, gab es dafür einen triftigen Grund. Die Tragzeit, also „Schwangerschaft“, beträgt bei Kängurus nur 29 bis 30 Tage. Doch nach der Geburt sind die daumennagelgroßen, nackten Tiere nicht allein lebensfähig. Joeys - so werden in Australien alle Känguru-Jungen bezeichnet – entwickeln sich etwa 280 Tage lang im Beutel der Mutter weiter. Die Jungen brauchen viel Wärme und Nähe, eine geschützte Umgebung. Beides hat der Halberstädter Joey dank umfunktionierten Rucksäcken und Beuteln – ausgestattet mit einem weichen Handtuch und Wärmflasche – erfahren.

Die größte Herausforderung sei gewesen, das Tier zu füttern, berichtet Hartmann. Anfangs benötigte Joey alle zwei Stunden ein Fläschchen, auch nachts. Zunächst wurde das Junge mit Hundemilch aus der Flasche gesäugt – eine Notvariante. Wie Tiergarten-Chef David Neubert im vorigen Sommer erläuterte, ist es schwierig, spezielle Känguru-Milch zu besorgen. Zudem sei sie sehr kostspielig. Hilfsbereite Halberstädter sorgten jedoch in den vergangenen Monaten dafür, dass die Milch gekauft werden konnte. „Es wurden mehrere Tausend Euro gespendet“, sagt Neubert heute.

Dafür wird Spendengeld investiert

Milch steht nun nicht mehr auf Joeys Speiseplan. Er frisst Heu, Salat, getrockneten Löwenzahn und Möhren. Wie Florian Hartmann informiert, bringt das einstige Leichtgewicht mittlerweile stolze fünf Kilogramm auf die Waage. Ihm sind ein dichtes, weiches Fell sowie Krallen und Zähne gewachsen. Ebenso sein Tatendrang. „Mittlerweile ist es ihm im Beutel zu langweilig“, berichtet der „Ziehvater“.

Damit das Tier ausgiebig springen und erkunden kann, wird es deshalb langsam an das Känguru-Gehege gewöhnt. „Wir bringen ihn jeden Morgen her und holen ihn erst gegen 18.30, 19 Uhr wieder ab“, sagt Hartmann. Mit den erwachsenen Tieren, seiner Mutter und einem Männchen, verstehe er sich gut. Und das Jungtier könne sich durchsetzen. „Joey ist total verfressen und schiebt die großen vom Fressnapf weg“, berichtet der Tierpfleger lachend.

Kastration

Noch verbringt das Känguru seine Nächte bei Florian Hartmann und Viktioria Stelter. „Aber wir wollen ihn bald mal für eine Nacht im Tiergarten lassen.“ Immerhin soll das sein künftiges Zuhause werden.

Allerdings gibt es dabei einen kleinen Haken: Das Känguru-Junge muss vorher kastriert werden. „Um Inzucht mit der Mutter zu vermeiden“, wie David Neubert erklärt. Die Kosten dafür werden dank der Spenden, die für Joey eingegangen sind, finanziert, ergänzt er.

Gehege steht Besuchern künftig offen

Und auch für das Geld, das dann noch übrig sein sollte, gibt es schon Pläne. „Wir wollen das Gehege noch in diesem Jahr begehbar machen“, erläutert Neubert. Besucher sollen so den Kängurus ganz nah kommen, sie ohne Zaun beobachten können. Dass ein solches Gehege-Konzept funktioniert, kann zum Beispiel im Zoo in Leipzig beobachtet werden. Seit 2009 ist dessen Gehege für Bennett-Kängurus für Besucher zugänglich und bietet „einzigartige Beobachtungsmöglichkeiten“, wie auf der Zoo-Homepage geworben wird. Die Gäste werden zugleich darauf hingewiesen, dass Bennetts schreckhaft sind und deshalb Lärm sowie hektische Bewegungen vermieden werden sollten.

In Halberstadt sollen Bänke in dem Gehege aufgestellt werden, auf denen die Besucher in Ruhe darauf warten können, dass die Bennetts zu ihnen kommen. „Die Kängurus bekommen trotzdem die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn sie wollen“, versichert der Tiergartenchef. Denn während Joey an Menschen gewöhnt ist, sind seine beiden Artgenossen wesentlich scheuer. „Aber ich habe das Gefühl, dass Joeys Verhalten auf sie abfärbt“, sagt Florian Hartmann und schaut lächelnd auf sein Ziehkind.