Blankenburg/Halberstadt l Hassan Ali (Name geändert) ist in Deutschland angekommen. Noch vor zwei Monaten war es für ihn nur eine Zwischenstation gewesen, aber jetzt ist er sich sicher: Wenn es möglich ist, möchte er im Harz bleiben. Er wohnt seit Januar 2016 in Halberstadt. „Ich mag Halberstadt, ich hatte großes Glück, hier anzukommen“, berichtet er mit leuchtenden Augen. Er stammt ursprünglich aus Syrien. Dort habe der heute 41-Jährige als Journalist gearbeitet. Als Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats (IS) in seine Stadt einfielen, seien seine beiden Brüder getötet worden. „Daraufhin habe ich mich nach Deutschland durchgeschlagen“, erzählt er. Aus Angst vor dem IS will er seinen wahren Namen nicht nennen.

Freundliches Willkommen

„Er hat aber schon neuen Mut gefasst und seine anfängliche Scheu überwunden“, berichtet Constantin Schnee. Er ist Leiter der Bahnhofsmission, in der Hassan mittlerweile ein Praktikum absolviert. In der Einrichtung, die von Caritas und Diakonie getragen wird, hat er schnell Anschluss gefunden.

„Als ich ganz allein in Halberstadt ankam, wurde ich am Bahnhof freundlich empfangen“, erinnert sich Hassan Ali. Das Team aus Ehrenamtlichen, Freiwilligen und Ein-Euro-Jobbern habe sich sehr um ihn gekümmert. Mittlerweile habe er auch eine eigene Wohnung. Wenn Kollegen gerade keinen Dienst leisten, setzen sie sich mit ihm hin und üben die deutsche Sprache. Er will hier bleiben, denn er hat einen anerkannten Aufenthaltstitel als Asylberechtigter.

Vor Taliban geflohen

Auch Khaista Gull Haideri ist im Harzkreis angekommen. Sichtlich zufrieden sitzt er in einem Café in Blankenburg und atmet auf. Neben Milchshakes und Kaffee liebt er Energy-Drinks. Wenn er im Supermarkt einkauft und etwas nicht versteht, bittet er andere Kunden um Hilfe und freut sich über Unterstützung.

„Mein Deutsch ist noch nicht sehr gut“, erklärt Haideri schüchtern. Geboren sei er in einem Dorf in Afghanistan. „Ein Zentrum der Taliban“, ergänzt André Berei, Mitarbeiter in der Flüchtlingsunterkunft, in der Haideri lebt und arbeitet. „Als ich vier Jahre alt war, besetzten die Amerikaner die kleine Stadt“, sagt Haideri. Er habe die Bombardements miterlebt. Als er 18 Jahre alt war, hätten die Taliban in seinem Ort massiv rekrutiert. Zuvor habe er die Koranschule besuchen müssen. „Dort lernt man nur, den Koran zu lesen, wie die Taliban ihn verstehen, nichts anderes“, erklärt Haideri. Er habe nach der Schule Schweißer lernen wollen. Die Taliban hätten ihn lieber fürs Militär rekrutiert. Um diesem Schicksal zu entgehen, sei er zunächst nach Kabul geflohen.

Mehrere Sprachen

Über die Balkan-Route sei es weiter nach Deutschland gegangen. Von der Flucht erzählt er stockend: „Ich lief zu Fuß allein durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich.“ Nach vielen Zwischenstationen landete es schließlich in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (Zast) in Halberstadt. Von hier aus ging‘s in die Unterkunft des privaten Betreibers im Ferienpark Almsfeld, wo er heute lebt.

Khaista Gull Haideri spricht mehrere Sprachen. Eine Fähigkeit, die in der Flüchtlingsunterkunft geschätzt wird. „Dort arbeite ich mittlerweile im Restaurant.“

Leben im Untergrund sei zumutbar

Seine Zukunft in Deutschland ist dennoch ungewiss: Im Juli dieses Jahres erhielt Haideri den Bescheid, dass sein Antrag auf Asyl abgelehnt wurde. Gemeinsam mit André Berei kontaktierte er eine Anwältin. Nun hat er zunächst bis Ende Mai 2017 eine Arbeitserlaubnis.

Die Ablehnungsgründe kann der junge Afghane nicht verstehen: Es sei zumutbar, in Kabul zu leben. Die Stadt sei so groß, dass er dort auch anonym leben könnte. Er sei gesund und stark und könne sich den Unterhalt für seine Existenz verdienen.

So steht es im Ablehnungsbescheid. Daran glaubt Haideri allerdings nicht. „Die Taliban würden mich auch in Kabul finden“, ist er überzeugt. Auch André Berei sagt: „Das ist zynisch – man kann doch niemanden zwingen, im Untergrund zu leben.“

Das Potenzial nutzen

Der Syrer Hassan Ali hingegen hat zumindest mit dem Aufenthaltsstatus keine Probleme. Für Syrer, die vorm IS flohen, liegt in Deutschland in aller Regel ein Asylg-Grund vor. Er wartet nun auf den Integrationskurs, der auch den Deutschunterricht beinhaltet. Bis dahin helfen seine Kollegen von der Bahnhofsmission, wo sie können. „Er hat so viel Potenzial“, ist Constantin Schnee überzeugt. Schnee wünscht sich, wenigstens für die Zwischenzeit einen Pädagogen zu finden, der Ali beim Lernen der deutschen Sprache hilft. Denn die fehlende Sprachkenntnisse seien das allergrößte Hindernis bei der weiteren Integration. Das Ziel in der Bahnhofsmission ist klar: Ali könnte als Brückenbauer zwischen ankommenden Flüchtlingen und dem Team fungieren. „Er könnte, da er die Sprache und Kultur versteht, Missverständnisse vermeiden“, sagt Schnee.

Mit Sprachvielfalt kann auch Khaista Gull Haideri punkten. Er spricht Dari, Farsi und Hindi. Deshalb könne er mit Syrern, Afghanen und Indern sprechen und sprachlich vermitteln. „Dadurch werden viele Spannungen abgebaut, die es in anderen Unterkünften gibt“, erinnert Berei.

Eine eigene Wohnung

Haideri bekam zunächst über den Landkreis Harz einen Job für wöchentlich 15 Stunden im Ferienpark vermittelt. Dort fiel er so positiv auf, dass er zum 1. Oktober das Angebot einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle bekam.

Obendrein lebt er seit dem Sommer im Ferienpark, hat dort eine kleine Wohnung mit Fernseher. „Meine Mutter kann das gar nicht fassen, wenn ich ihr das erzähle“, sagt er. „Die Taliban verbieten Fernsehen.“ Außerdem gibt es in seinem Heimatdorf, wo seine sechs Brüder und drei Schwestern leben, keine Elektrizität und kein Licht. Er vermisse sie sehr. Jeden Abend könne er mit der Familie telefonieren. „Sie müssen dafür ins Haus gehen, denn Frauen ist Telefonieren verboten“, erzählt er.

Im Harz angekommen

In Deutschland muss der junge Afghane mit vielen Dingen erst noch richtig klarkommen. Das liege allerdings nicht an seiner Umgebung. „Die Leute sind alle sehr nett und hilfsbereit“, versichert er mehrfach. Der Chef des Ferienparks und André Berei reden ihm gut zu: „Du musst wegen des Bleiberechtes Vertrauen in uns haben“, betont Berei.

Hassan Ali ist derweil in Deutschland und der Bahnhofsmission angekommen. Er hat zu Constantin Schnee und seinen Kollegen volles Vertrauen. Vor zwei Monaten wurde in einem bundesweiten publizierten Magazin eine Reportage über Halberstadt und die Integration veröffentlicht. Schnee und Ali kamen auch dort als Protagonisten vor. Die positive Resonanz auf den Artikel hat Schnee überrascht: „Es freut mich, dass Halberstadt dort nicht pauschal als rechte Hochburg dargestellt wird. Es hat sich einiges getan im Harz im letzten Jahr.“

Das liege vor allem daran, dass sich die Harzer inzwischen an die Neuankömmlinge gewöhnt hätten. „Es war ein fataler Fehler, dass der Landkreis Harz nicht schon zuvor Flüchtlinge aufgenommen hat“, ist Schnee überzeugt. „Es ging jetzt in diesem Jahr doch erstaunlich schnell.“ Auch Hassan Ali bestätigt, dass er noch nichts Negatives in Halberstadt erlebt habe. Allerdings setze die Sprachbarriere leider Grenzen beim Kontakt zu Einheimischen.

Schutz ist wichtig

Während sich für Hassan Ali eine Perspektive abzeichnet, kann Haideri nur hoffen: „Seit Juli 2016 lebt er absolut in der Schwebe“, erklärt André Berei. „Warum haben all meine Freunde aus Afghanistan einen Pass bekommen und ich nicht“, fragt Haideri verzweifelt. Er erzählt stockend, ist unsicher. André Berei ermutigt seinen Schützling. Zwischen den beiden hat sich mittlerweile eine enge Freundschaft entwickelt.

Wenn Khaista nicht weiter weiß, ergänzt Berei. Schließlich kennt er die Lebensgeschichte längst. „Ich versuche alles Menschenmögliche, damit er bleiben kann.“ Sein Schützling ist völlig verzweifelt: „Wenn ich wirklich zurück nach Afghanistan muss, dann bring‘ ich mich um“, bringt Haideri heraus. Als er dies gegenüber der Anwältin androhte, habe die Kreisverwaltung Harz psychologische Hilfe angeboten. Berei sagt dazu: „Der Junge braucht keine psychologische Hilfe, sondern Sicherheit.“

Job schützt nicht vor Abschiebung

„Ich verstehe das einfach nicht“, sagt Berei. „Da spricht die Politik von Integration. Hier ist jemand, der arbeiten möchte, aber alle drei Monate seinen Aufenthaltsstatus verlängern muss.“ Er telefoniere viel mit Pro Asyl, einer Organisation, die sich für die Rechte geflüchteter Menschen einsetzt. Er weiß mittlerweile: Die vorletzte Entscheidung im Asylverfahren liegt bei der Härtefall-Kommission. Anschließend bleibt nur der Innenminister, der jedoch den Empfehlungen der Kommission praktisch immer folgt.

Das bestätigt im Kern auch Stefanie Mürbe vom Flüchtlingsrat des Landes Sachsen-Anhalt: „Eine gelungene Integration kann einerseits helfen“, erklärt sie. „Andererseits schützt ein fester Arbeitsplatz allein nicht vor der Abschiebung.“ Die Begründung, dass Teile Afghanistans als sicher gelten, habe sie schon oft gehört. Dazu zählt auch die Hauptstadt des Landes Kabul.

„Ich möchte mich auf keinen Fall mit Lügen in Kabul verstecken müssen“, sagt Haideri. Sein größter Wunsch sei es, seine Mutter wiedersehen zu können. Irgendwann würde er sie in einem friedlichen Afghanistan besuchen.