Osterwieck l Ein Foto muss natürlich sein zum Hundertsten. Wilhelm Abel hat einen Wunsch. Die Kutsche soll mit aufs Bild. Genau wie er ist sie 100 Jahre alt. Damals in Wernigerode gebaut. „Damit sind wir früher zum Schützenfest gefahren.“

Die Kutsche steht exemplarisch für das Leben des Jubilars. Er kommt aus der Landwirtschaft, liebt Pferde – und ist immer noch fit. Den Gehstock zur Seite gelegt, mit dem rechten Fuß auf die Vorderachse, mit dem linken auf den Mini-Tritt, und schon hat der Hundertjährige die Klettertour auf den Kutschbock in eineinhalb Meter Höhe überwunden.

Groß in der Öffentlichkeit stand Wilhelm Abel nie. Dass der Name Abel heute in Osterwieck so bekannt ist, liegt eher an der Nachfolgegeneration. Sohn Helmer war viele Jahre Feuerwehrchef, Schwiegertochter Thea stellvertretende Leiterin des Fallstein-Gymnasiums. Alle drei wohnen unter einem Dach in der Neukirchenstraße.

Volksstimme-Leser seit 72 Jahren

Fit blieb Wilhelm Abel sein Leben lang durch Arbeit. 1985 Rentner geworden, hielt er danach Hof und Garten in Schuss. Hühner hält er heute noch. Und wenn der Sohn, ebenfalls längst Rentner, auf dem Hof werkelt, ist der Vater nicht weit. Auch besagte Kutsche wurde in gemeinsamer Arbeit zu einem Schmuckstück restauriert. Erst 2013 war das, im Berßeler Festumzug der 1000-Jahr-Feier fuhr sie mit. Vorher ruhte das Erbstück lange eher unbeachtet in der Scheune.

Der Tag beginnt für Wilhelm Abel immer noch früh. Morgens um halb sechs geht er vor die Tür und holt die Volksstimme aus dem Kasten. Wie seit 72 Jahren. So lange ist er Abonnent dieser Zeitung.

Ohne Schaltjahr wird einen Tag eher gefeiert

Rückblick. Der Erste Weltkrieg war nun endgültig Geschichte, der Friedensvertrag von Versailles gerade in Kraft getreten, als Wilhelm Abel im Jahr 1920 geboren wurde. Am seltenen 29. Februar. Denn 1920 war ein Schaltjahr.

Scherzhaft könnte man sagen, er feiert jetzt erst seinen 25. Geburtstag. Aber natürlich hat er seine Ehrentage deshalb nicht ausfallen lassen. „Ich habe sonst immer am 28. Februar gefeiert“, sagt der Jubilar. Seine Mutter hatte das so eingeführt, und auch seine spätere Familie hat das immer so gehalten.

Geboren in Derenburg

Geboren wurde Wilhelm Abel nicht in Osterwieck. Hier lebt er erst seit 1948. Das Licht der Welt erblickte er in Derenburg, wuchs dort zusammen mit seiner Schwester Lieselotte auf, die mit 97 Jahren auch ein hohes Alter erreichte. Übrigens nicht verwandt mit den heute in Derenburg lebenden Abels.

Natürlich muss man einem Hundertjährigen diese Fragen stellen: Wie schafft man es, dieses Alter zu erreichen? „Die Ruhe behalten“, antwortet Wilhelm Abel. Und nach einer kleinen Pause: „Und Glück haben. Dass ich den Krieg überlebt habe, ist reine Glückssache gewesen.“

Im Krieg fünf Mal verwundet

Die besten Jahre seiner Jugendzeit verbrachte er als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Eingezogen als 19-Jähriger am 28. August 1939, weiß er noch genau. Also wenige Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen, mit dem der Krieg eingeläutet wurde. Auch Abel musste nach Polen, danach Russland. „Ich habe 42 Grad unter Null erlebt.“ Dann ging es nach Holland und vor allem Frankreich, wo er 1944 in amerikanische Gefangenschaft kam. Fünf Mal wurde er von Granatsplittern und Schüssen verwundet.

Erst im Januar 1948 – mit nun fast 28 Jahren – kehrte er wieder heim, nach einer weiteren Odyssee durch die Welt. In mehreren Staaten der USA arbeitete er auf Farmen in der Baumwollproduktion. Die Gefangenen wurden schließlich verschifft mit der Hoffnung auf Heimkehr. Doch stattdessen ging es nach Schottland, wieder in die Landwirtschaft.

Wilde Pferde - großartig!

Mit der Arbeit selbst hatte Wilhelm Abel kein Problem. Denn er hatte den Beruf des Landwirts von der Pike auf gelernt. Aber eben die lange Trennung von der Heimat im Harzvorland. Doch wie viele seines Jahrgangs sind überhaupt nicht aus dem Krieg heimgekehrt? Historische Quellen sprechen von 41 Prozent der 1920 in Deutschland geborenen Jungen.

Wenn sich der Jubilar heute trotzdem noch mit einem Lächeln an ein Erlebnis aus der Gefangenschaft in Amerika erinnert, so hat das mit seiner Leidenschaft zu tun, den Pferden. Bei einem Farmer musste er mal wilde Pferde einfangen. Für ihn etwas Großartiges.

Ausbildung in Osterode

Nach der Schulzeit in Derenburg war Wilhelm Abel zur Ausbildung nach Osterode am Fallstein gezogen. Bei Großbauer Schmidt lernte er vier Jahre, erst Landarbeiter, dann Landwirt. Die Berufsschule war in Wernigerode, ein Fakt, der im späteren Leben noch eine Rolle spielt. Bei Bauer Schmidt hatte der Junge viel mit Pferden zu tun, lernte mit den Vierbeinern zu pflügen und Gespann zu fahren. Und er fuhr mit den Tieren des Pferdezüchters zu Ausstellungen in die Ferne. Bis nach Königsberg, Kopenhagen und München. „An den Bahnhöfen Börßum und Mattierzoll wurden wir verladen.“

Beim Bauern in Osterode fand Wilhelm Abel auch nach dem Krieg wieder Arbeit. Dass er noch im Jahr 1948 nach Osterwieck zog, ist einem Zufall geschuldet und eben jener Berufsschulzeit in Wernigerode.

Die Freundin der Tochter

„Wir mussten zum Holz hacken in den Harz“, erinnert sich der Hundertjährige. Eine Zugverbindung gab es nicht, also wurde der Weg zu Fuß zurückgelegt. Auf der Rücktour nach Osterode war es dunkel geworden. Der junge Mann klopfte bei dem ihm bekannten Bauern Försterling in der Gartenstraße zwecks Quartier an. Bei der Tochter des Hauses war gerade deren Freundin Emmy Voigt zu Besuch, die Abel noch von der Berufsschule in Wernigerode kannte. Kochen hatte sie dort gelernt.

Es funkte. Schon im August 1948 wurde geheiratet, Wilhelm Abel zog mit in die Neukirchenstraße auf den Bauernhof seiner Frau, den sie bisher nur zusammen mit ihrer Mutter und einem Helfer bewirtschaftet hatte.

Arbeit in der LPG

Kühe, Schweine, Pferde standen in den Ställen. Heute kaum noch vorstellbar in der Altstadt. Auch Acker bewirtschaftete die Familie. Es folgte 1953 der Eintritt in die LPG. Mit den Pferden war Abel als Gespannführer unterwegs, wie er es vor dem Krieg gelernt hatte. Einige Jahre in den 1950ern fungierte Wilhelm Abel auch als Vorsitzender der LPG. Vor allem aber arbeitete er als Brigadier. Erst in der Pflanzenproduktion, später in der Tierproduktion Schauen.

Mit seiner Frau Emmy feierte Wilhelm Abel 1998 goldene Hochzeit. 2004 ist sie verstorben.

Gratulation

Am 29. Februar also wird Wilhelm Abel 100 Jahre alt. Die Familie wird zusammenkommen. Auch Enkelin Manuela sowie die Urenkel Carlotta und Lennard. Und natürlich wird die Kommune gratulieren, Bürgermeisterin und Ortsbürgermeister werden den Jubilar besuchen. Man darf davon ausgehen, dass das Lebensmotto von Wilhelm Abel auch heute gilt: Ruhe behalten.