Halberstadt l „Das war vor Jahren schon einmal ein Thema“, sagt Georges Petit. Der 96-Jährige erinnert sich noch an den Kampf, den die Überlebenden des KZ Langenstein-Zwieberge damals gemeinsam mit Johann-Peter Hinz führten, um endlich Zugang zum historischen Stollen in den Thekenbergen zu erhalten. „Wir haben damals am Mundloch A demonstriert“, berichtet der Franzose, „der Stollen ist der Ort unseres Leidens, er ist wichtig.“ Ohne den Stollen hätte es das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge nicht gegeben, denn die Häftlinge sollten den Stollen in den Berg treiben, damit die Flugzeug- und Rüstungsproduktion unterirdisch fortgesetzt werden konnte.

Ein Fakt, den auch André Baud, Sohn des Lagerüberlebenden Claude Baud, betont. „Man würde Beweise vernichten, wenn man keinen Zugang zum Stollen mehr hat, das wäre ein große Fehler“, sagt André Baud. Als Nachkomme eines ehemaligen Häftlings verfolgt er die Entwicklung mit Sorge, weiß aber auch, dass zurzeit hinter den Kulissen viele Gespräche geführt werden, um den öffentlichen Zugang zu dem historischen Abschnitt der Anlage zu erhalten.

Zwangsversteigerung im September

Den Vertrag, der das bislang regelte, gibt es nicht mehr. Am 12. September soll die komplette Anlage versteigert werden. Das 13 Kilometer umfassende Stollensystem, das von den Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen in den Sandstein getrieben wurde, und der Teil, der zu DDR-Zeiten von der Armee ausgebaut wurde, sind Bestandteil der zur Versteigerung stehenden Grundstücke. Der bisherige Besitzer hatte schon vor Jahren Insolvenz angemeldet, der mit dem Land geschlossene Vertrag über die Nutzung eines 120 Meter langen Eingangsstollens wurde gekündigt. Ob ein neuer Besitzer solch einen Vertrag wieder schließt, ist völlig offen. In die Zwangsversteigerung kommt das Gelände, weil die Stadt Halberstadt die hohen Außenstände des einstigen Besitzers wenigstens zu einem nennenswerten Teil eintreiben will.

„Der Stollen ist der wesentliche Teil der Gedenkstätte, er muss für die kommenden Generationen erhalten werden. Damit diese einen Zugang zu dem haben, was damals geschehen ist“, sagt Ryszard Kosinski (90), ebenfalls ein Überlebender des Lagers.

Herzstück der Gedenkstätte

„Kein Film, kein Bericht kann einen Besuch im Stollen ersetzen“, betont auch Claudio Burelli. Sein Vater Dino Burelli war einer jener Männer, die die „Hölle von Langenstein“ überlebt hatten. Ein Besuch im Stollen sei eine ganz andere Erfahrung als ein Bericht, sagt der Italiener. Und fügt an, dass die Gedenkstätte ohne diesen Zugang wenig sinnvoll sei. Das Lager sei ja auch nur entstanden, weil es diesen Stollen geben sollte. Burelli fände es im Gegenteil wichtig, einen größeren Teil der historischen Anlage begehbar zu machen, um die Dimension dessen, was von den Häftlingen geschaffen wurde, noch besser erlebbar zu machen.

Diesen Wunsch kennt auch Hanke Rosenkranz, Vorsitzende des Fördervereins der gedenkstätte Langenstein.Zwieberge. Sie teilt den Wunsch, weiß aber auch, wie schwierig es war, überhaupt ein Teilstück des Stollens öffentlich zugänglich zu machen. Erst seit 2005 ist das auf einem 120 Meter langen Abschnitt möglich.

Den Zugang zu erhalten, sei eine wichtige Aufgabe, sagt Rosenkranz. Man wolle die Politiker der Region für das Thema sensibilisieren, darauf hinweisen, dass der Stollen nicht geschlossen werden darf und alles daran gesetzt wird, auch mit einem neuen Besitzer das Nutzungsrecht für die Gedenkstätte zu fixieren. „Der Stollen ist das Herzstück der Gedenkstätte und der pädagogischen Arbeit“, betont Rosenkranz. Sie erlebe regelmäßig, wie wichtig es Schulklassen und jugendlichen Besuchern sei, den Stollen zu besichtigen. „Mit Jugendlichen über geschichtliche Themen zu sprechen funktioniert sehr viel besser, wenn sie einen originalen Ort besuchen können, als wenn sie eine Lehrbuchseite durcharbeiten“, sagt Rosenkranz, die als Lehrerin die pädagogische Arbeit in der Gedenkstätte unterstützt.

Dazu gehört auch, die Jugendlichen zu begleiten, die am Sonntag emotional sehr bewegend mit Zitaten und Klängen an das Leid der KZ-Häftlinge erinnert haben, bevor Kränze und Blumen an den Massengräbern niedergelegt wurden.