Halberstadt l Sie brauchte kein Storyboard zu schreiben, sagt Noga Zohar, die Idee war so klar formuliert, dass sie gleich loslegen konnte. Die in den Niederlanden und Israel lebende Film- und Videoproduzenten fährt mit ihrem Computerstift sacht über die Arbeitsfläche, um in einem Bild etwas genauer zu positionieren. Sie ist genauso gespannt auf das Ergebnis ihrer Arbeit wie Jutta Dick. Die hatte die Idee, das Gedenken an die Reichspogromnacht mal anders zu gestalten als in den vergangenen Jahren.

Steine der Erinnerung

Geblieben ist der Ort der Gedenkveranstaltung, Treffpunkt ist wie immer um 17 Uhr an den Steinen der Erinnerung vor dem Westportal des Doms. Doch diesmal soll es keine Reden geben. Stattdessen wird eine Videoinstallation gezeigt, die die Zuschauer durch das Memorbuch der jüdischen Gemeinde Halberstadts führt. Diese Chronik reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück und ist schon allein durch die verschiedenen Schriftarten und Sprachen, in denen dort wichtige Ereignisse und Erinnerungen an bedeutende Personen des Gemeindelebens notiert worden waren, ansehenswert.

Memorbuch mit Schlusswort

Die erste Seite dieses Buches ziert ein Blatt, das erst 1939 eingeklebt worden war – vom letzten Gemeinderabbiner Halberstadts. Hirsch Benjamin Auerbach, dessen Vater und Großvater schon Gemeinderabbiner in Halberstadt gewesen waren, hatte das „Gedächtnis“ der jüdischen Gemeinde das Memorbuch, bei seiner Flucht aus Deutschland mitgenommen. „Nicht ahnen könnend, was noch alles geschehen würde, erkannte Rabbiner Auerbach, dass die Pogromnacht das Ende der Halberstädter Jüdischen Gemeinde bedeutete. Die Zukunft der deutschen Juden sah er im damaligen Palästina. Deshalb verfasste Rabbiner Hirsch Benjamin Auerbach für das Halberstädter Memorbuch ein Schlusswort. Um sicher zu stellen, dass dieses Schlusswort nicht übersehen werden könnte – am Ende des Memorbuchs – klebte er das Blatt mit dem maschinenschriftlichen Text an den Anfang ein, sodass nun die Erinnerung an die Pogromnacht 1938 der erste Eintrag in dem ,Gedächtnis‘ der Halberstädter Gemeinde, dem Memorbuch, ist“, erklärt Jutta Dick. Und dieser Text ist sehr eindrücklich. Sollte man den also einfach nur vorlesen an den Steinen der Erinnerung?

Zerbrechlich wirkende Aufnahmen

Jutta Dick entschied anders. Zumal Ziporah Auerbach, Witwe des Halberstäder Ehrenbürgers und letzten in Halberstadt geborenen Juden, Jizchak Auerbach, der Moses-Mendelssohn-Akademie einiges aus dem Nachlass ihres Mannes übereignete. Darunter sind auch Tonbandaufnahmen aus den 1960er Jahren, auf denen Hirsch Benjamin Auerbach die Halberstädter Liturgie spricht und singt. Und weil Rabbiner Auerbach auf diesen Aufnahmen auch das Totengebet spricht, entstand die Idee, die Bilder vom Memorbuch und die Stimme des letzten Halberstädter Rabbiners zum Gedenken an die Pogromnacht miteinander zu vereinen. „Die Aufnahmen sind alt, nicht sehr klar. Sie wirken fast zerbrechlich“, sagt Noga Zohar, die von Jutta Dick mit der Erstellung der Videoinstallation betraut wurde. „Dankenswerterweise finanziert die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt diese Arbeit und auch unser Projekt der offenen jüdischen Häuser am Sonnabend“, sagt Dick.

Noga Zohar wird auch an diesem Projekt beteiligt sein, sie ist die Enkelin einer ehemaligen Halberstädter Jüdin und besucht auf den Spuren ihrer Vorfahren zum vierten Mal Halberstadt. Im Spätsommer hatte Jutta Dick ihr die Filmidee vorgestellt, weil die Leiterin der Moses-Mendelssohn-Akademie von den Arbeiten Zohars begeistert ist. Die hat für das Jüdische Museum Amsterdam Animationen und Videoarbeiten erstellt, vor allem für das zugehörige Kindermuseum.

Beginnen wird das Gedenken heute um 17 Uhr mit dem Klang der Domglocken. Mit deren Verklingen beginnt die zehn Minuten lange Projektion auf die Domwand, die das Team um Pierre Zimny von der Zuckerfabrik technisch organisiert.