Dedeleben l Ganz vorsichtig, Schicht für Schicht entfernt der Bagger das Erdreich. Daneben steht Herbert Bethke und begutachtet die Beschaffenheit des Bodens. Ist diese zu homogen, ist das für Bethke ein Zeichen, dass er an der falschen Stelle sucht. Er gibt dem Baggerführer ein Signal, wo er stattdessen etwas vermutet. Herbert Bethge sucht nach Flugzeugen, die während des zweiten Weltkrieges abgestützt und bis heute nicht geborgen sind.

Die Zahlen, die er nennt, sind erschreckend: „Im zweiten Weltkrieg sind etwa 110.000 deutsche Flugzeuge abgestürzt.“ Viele davon sind bis heute nicht geborgen, hinter den Namen der Piloten steht bis heute der Vermerk „vermisst.“ Vor über 40 Jahren kam Herbert Bethke, der in der Gegend bei Hildesheim zu Hause ist, auf den Gedanken, nach Flugzeugwracks zu suchen. Dabei sehe er sich keineswegs als Schatzsucher, sondern er möchte Schicksale aufklären. „Bisher haben wir als Suchgemeinschaft Bethke 131 Piloten in ihren Wracks geborgen, das sind 131 persönliche Schicksale und dahinter stehen wiederum 131 Familien.“ Die Zahl der gefundenen Wracks ist noch viel höher, diese jedoch werden nicht geborgen, es gehe ausschließlich um die Menschen.

Auf die Frage, warum gerade er diese Mission übernommen habe, hat Herbert Bethke eine ganz klare Antwort: „Weil sich sonst keiner darum kümmert.“ Natürlich habe er damit eine Aufgabe übernommen, die eigentlich der Bundesrepublik obliege. „Ein Volk, das seine Toten nicht ehrt, verleugnet seine Geschichte.“

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Und natürlich gräbt er nicht einfach drauf los, sondern bereitet sich gut daraufvor. Jeder einzelnen Suche gehen lange Recherchen voraus. Dabei helfen Archive, vor allem aber die Aussagen von Zeitzeugen. Bei unzähligen Gesprächen habe er eines gelernt: „Frauen haben recht.“ Daher räumt Herbert Bethke seiner Zeugin, die er zum Absturz in Dedeleben befragt hatte, auch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit ein.

Noch einmal nachfragen kann er nicht, das erste Gespräch habe er 1992 vor der ersten Suche geführt, die Frau ist mittlerweile verstorben. Die Zeugin hat genau beschrieben, aus welcher Richtung das Flugzeug gekommen ist. Vor allem die genaue Schilderung, dass der Pilot vorn übergebeugt saß und sich nicht mehr gerührt hätte, sei von großer Bedeutung, sagt Bethke und schlussfolgert: „Entweder war er schwer verletzt oder bereits tot.“

Männliche Zeitzeugen dagegen hätten berichtet, dass das Flugzeugwrack sofort auseinandergebaut worden sei. „Das ist nicht möglich, ein solches Flugzeug bohrt sich mindestens sieben bis neun Meter tief in das Erdreich.“ Auch über den genauen Zeitpunkt des Absturzes gebe es keine eindeutigen Angaben, so könnte die Maschine am 29. März 1944, am 29. April 1944 oder auch am 16. August abgestürzt sein. Übereinstimmend hätten übrigens alle Zeitzeugen ausgesagt, dass sich der Krater recht schnell mit Wasser (oder Benzin) gefüllt habe.

Gegraben wird auf dem Gelände in der Südstraße, das heute Landwirt Axel Heine gehört. Und auch dieser kann sich noch sehr gut an den Bericht seines Großvaters Heinrich Heine, der 1979 verstorben ist, erinnern. „Mein Opa hat mir genau die Stelle gezeigt, an der sich der Krater befunden hat.“ Allerdings sei inzwischen auf dem Gelände so viel passiert, dass er diese Beschreibungen nicht mehr ganz genau einordnen könne. Mittlerweile steht hier auf dem Gelände eine Reithalle. „Bevor wir die Reithalle errichtet haben, sind wir selbst mit dem Bagger auf die Suche gegangen, haben jedoch nichts gefunden, erklärt Axel Heine. Daher überlässt er die Suche doch lieber Fachmann Bethke.

Während dieser erneuten Grabung, bei der insgesamt sieben tiefe Löcher gebaggert worden sind, hat es Momente gegeben, in denen das „Gräberherz“ von Bethke hörbar höher geschlagen hat. Zwei Teile werden geborgen, die der Fachmann sofort einem Jagdflugzeug zuordnen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass der Metalldetektor pausenlos anschlägt, weil sich hier jede Menge Schrott angesammelt hat.

Zwar war auch diese Suche am Ende nicht von Erfolg gekrönt, Herbert Bethke ist sich jedoch ganz sicher, dass er hier graben muss. „Ich werde mit den digitalisierten Luftbildern der Alliierten, die deutlich schärfer sind, wiederkommen und weitersuchen.“ Denn, dass hier in Dedeleben noch ein vermisster Pilot liegt, den er finden, bergen, identifizieren und unter seinem Namen bestatten möchte, das wisse er genau.