Langenstein l Alarm schlägt die Freiwillige Feuerwehr Langenstein. Personalnot schränkt die Einsatzbereitschaft der Wehr immer öfter ein. Für das Team um Feuerwehrchef Sebastian Rindert stellt sich immer häufiger die Frage, ob sie überhaupt aus­rücken können, um Menschen in Notlagen und Sachwerte retten zu können. Die Zahl der aktiven Feuerwehrfrauen und -männer ist in den zurückliegenden Jahren dramatisch gesunken. Der Nachwuchs bleibt aus. Das hat Folgen!

Jüngstes Beispiel: Ende Juli löste im Großen Haus Halberstadt des Nordharzer Städtebundtheaters die Brandmeldeanlage aus. Die Langensteiner Wehr hätte mit ausrücken müssen, konnte aber nicht, weil aufgrund fehlenden Personals kein Fahrzeug in Richtung Halberstadt fahren konnte. „Gott sei Dank handelte es sich um einen Fehlalarm. Im Ernstfall wäre das eine Katastrophe gewesen“, sagt Rindert.

Das Problem sei entstanden, weil mittlerweile alle aktiven Feuerwehrmitglieder nicht mehr in Langenstein arbeiten. Der nächste sei in Halberstadt beschäftigt. Von dort im Einsatzfall nach Langenstein zu fahren, würde im günstigsten Fall aber auch zehn Minuten dauern.

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Zahl der Einsätze nahm dramatisch zu

Der Personalnotstand wird zur Zitterpartie. „Wir sind derzeit noch 21 aktive Kameraden. Um auf der sicheren Seite zu sein, müssten wir normalerweise doppelt soviel Leute sein“, berichtet Sebastian Rindert. Auf der anderen ­Seite würde die Zahl der Einsätze nach oben schnellen. Seit Jahresanfang sei die Langensteiner Feuerwehr bereits zu 96 Einsätzen ausgerückt. Kürzlich in einer Nacht dreimal hintereinander. „Etwa 500 Stunden waren die Kameraden bislang im Einsatz, das ist eine enorme Belastung.“ Hinzu kämen noch etwa 450“ Ausbildungsstunden, die trotz Corona absolviert wurden. „Drei Monate lang konnten wir aufgrund der Pandemie überhaupt keine Ausbildung absolvieren. Einschränkungen gibt es auch jetzt noch. Mehr als zehn ­Kameraden dürfen nicht zusammenkommen“, so der Wehrleiter.

Die enorme Anzahl von Einsätzen, die andere Ortswehren, wenn überhaupt, in einem ganzen Jahr erreichen würden, käme zustande, weil die Langensteiner zu allen Brandeinsätzen im Gebiet der Stadt Halberstadt mit alarmiert werden würden. „Wir gehören zur Atemschutz-Überwachungsgruppe und sind damit fester Bestandteil bei jeder Alarmierung“, so ­Sebastian Rindert. Das würde viel Kraft kosten. Gerade bei Tageseinsätzen würde immer öfter das Problem auftauchen, dass nicht genug Kameraden zur Verfügung stehen und die Einsatzbereitschaft gefährdet ist. Ein Problem, mit dem sich nicht nur die Langensteiner, sondern alle Ortswehren auseinandersetzen müssten.

Feuerwehrleute unter Druck

„Uns gelingt es einfach nicht, Leute für den aktiven Dienst in der Feuerwehr zu gewinnen. Das bedeutet, gesunde und körperlich Geeignete im Alter von 16 bis 67 Jahren“, ist Sebastian Rindert ratlos. In den vergangenen fünf Jahren seien es nur zwei Mitglieder gewesen, die dazu gestoßen sind. „Ich weiß nicht, was wir noch machen sollen, um aus dieser Misere zu kommen.“ Zumal ein weiteres Problem hinzu käme. Immer öfter würden Arbeitgeber ihren in einer freiwilligen Wehr aktiven Beschäftigten verbieten, im Einsatzfall die Arbeitsstelle zu verlassen. „Das ist gesetzlich zwar verboten, aber wenn die Kündigung droht, geht niemand dagegen vor“, so ­Sebastian Rindert. Er verlor einst selbst seine Arbeitsstelle, weil er als Feuerwehrmann anderen half.

An Ideen fehlt es Sebastian Rindert nicht. Der Langensteiner wünscht sich auf alle Fälle mehr Unterstützung von der Stadt Halberstadt. In Langenstein gebe es drei Gemeindearbeiter. Die Stadt müsste in deren Arbeitsverträgen verankern, dass diese sich in der Wehr zu engagieren hätten. Immerhin wären das für Langenstein drei Personen, die tagsüber für ­Einsätze schnell und unkompliziert zur Verfügung stehen würden, regt der Langensteiner an. „In anderen Orten funktioniert das bestens. Mein Schwiegervater arbeitet für die Stadt Gröningen und musste sich zur Mitarbeit in der örtlichen Wehr verpflichten. Und das ist gar kein Problem.“

Sebastian Rindert geht jedoch noch weiter. Der Halberstädter Oberbürgermeister (Linke) müsse seine Mitarbeiter generell einmal vor die Frage stellen, ob sie sich in Hilfsorganisationen engagieren. Der Langensteiner fordert, alle gesunden und körperlich fitten Mitarbeiter gleich bei der Einstellung zur Mitarbeit in einer Feuerwehr oder einer anderen Hilfsorganisation im Arbeitsvertrag zu verpflichten.

Skandalöses Hilfspaket

Die Landesregierung Sachsen-Anhalts habe man ebenfalls um kreative Hilfe gebeten, um den Personalnotstand endlich in den Griff zu bekommen. Was daraufhin Anfang 2019 aus Magdeburg an Unterstützung kam, präsentiert Sebastian Rindert. Er hob das „Hilfspaket“ gut auf, um die Lächerlichkeit der Aktion jederzeit zeigen zu können.

Im Paket befinden sich unter anderem Aufkleber mit dem Slogan „Her mit mehr Feuerwehr“, Ansteckbuttons und, was das Entsetzen auf die ­Spitze treibt, Bierdeckel mit dem Aufdruck „Dein Date ist nicht spritzig genug?“ „Als ob die Feuerwehr ein Treff für Trinker ist“, zeigt sich Sebastian Rindert entsetzt. Damit würde die Landesregierung ein Vorurteil befeuern, dass man in den Wehren vor allem zum Trinken zusammenkäme. „Das ist nicht nur peinlich, sondern skandalös“, ärgert sich Sebastian Rindert über diese „Hilfe“.

Echte Hilfe wäre, wenn Interessierte montags ab 19 Uhr zum Gerätehaus in Langenstein kämen, um mal in die Arbeit der Feuerwehr ­hineinzuschnuppern und sich für eine Mitarbeit entscheiden. „Wir benötigen Feuerwehrleute mit Herz und Seele.“