Berßel l Das vorerst letzte Hochwasser-Drama vor drei Jahren haben die Berßeler nicht vergessen. Auch nicht die Anrainer im Bäckergarten. Von den Anwohnern, deren Grundstücke überflutet waren, bis zum Schützenverein, dessen Gebäude der Ilse am nächsten liegt und gar 80 Zentimeter im Wasser stand. Der Frust war vor allem deshalb groß, weil seit der vorherigen „Jahrhundertflut“ bereits 15 Jahre vergangen waren und in dem langen Zeitraum noch nicht alle Hochwasserschutzvorhaben verwirklicht worden waren.

Was Berßel betrifft, geht es jetzt aber weiter voran. Im vergangenen Jahr ließ der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) einen Leitdeich auf halber Strecke zwischen Wasserleben und Berßel bauen. Damit soll die Brockenblick-Siedlung geschützt werden, die 2017 ebenfalls überflutet wurde. Und seit Juni wird nun die nächste Schwachstelle für Berßel beseitigt. Im Bereich des Bäckergartens werden 350 Meter Deich errichtet. 620.000 Euro werden hier investiert, bezahlt mit Hilfe von europäischen Fördermitteln.

Bauarbeiten bis noch Anfang 2021 geplant

Im Jahr 2019 hat der Landesbetrieb den Planfeststellungsbeschluss erhalten. „Eigentlich wollten wir im April loslegen“, berichtete Franz Senger, der Projektverantwortliche im LHW für dieses Bauvorhaben. Doch die Corona-Pandemie kam dazwischen. Nicht die Bauarbeiten selbst waren das Problem, sondern die vorher notwendigen Kampfmitteluntersuchungen auf der Baustelle. Wäre Munition gefunden worden, hätten Anwohner evakuiert werden und in Sammelunterkünften verweilen müssen. Das war zum Beginn der Pandemie undenkbar gewesen.

Somit ging es erst im Juni los. Acht Monate Bauzeit sind kalkuliert, berichtete Senger. „Bisher liegen wir im Zeitplan.“ Der Hochwasserschutz, betonte er, sei sogar jetzt schon hergestellt. Denn die drei Meter hohen, stählernen Spundwände sind alle im Boden. Diese bilden im Wortsinn den Kern der Anlage. Was momentan gebaut wird, sei vor allem das Umfeld, sagte Senger. Schließlich soll sich der Deich harmonisch in die Landschaft und den Ort einfügen. Dazu gehört auch eine Abdeckung der Spundwände aus Stahl.

Rasen gibt der Erde Halt

Schaut man von der Ilse-Brücke Wasserlebener Straße flussabwärts, kann man schon die ersten Meter des gestalteten Deiches erkennen. Eine spezielle, lokale Rasenmischung soll der Erde später Halt geben. Obenauf liegen Wasserbausteine. Die Spundwände ragen nur einige Zentimeter aus dem Boden, denn sie sollen für Tiere überwindbar bleiben. Die Abdeckplatten fehlen aber noch. Auf der Landseite wird auf der gesamten Deichlänge noch ein Weg aufgeschüttet, der später zur Gewässerunterhaltung genutzt werden kann.

Der Deich hat einige Löcher in Form von Rohren. Dies sind Regenwasserabläufe von Häusern und Grundstücken, wie dem Schützenhaus. Diese Leitungen werden mit Rückstauklappen gesichert. Die Höhe der Spundwand, berichtete Franz Senger, sei an der Höhe der Schutzmauer vor der Brücke ausgerichtet. Maßstab dafür sei das sogenannte HQ 100, das hundertjährliche Hochwasser.

„Die Akzeptanz der Berßeler für die Bauarbeiten ist hoch“, stellte Franz Senger fest. Was nicht selbstverständlich sei, schließlich sei Bauen mit Lärm, Dreck und Einschränkungen verbunden. Es seien auch einige Einwohner gekommen, die sich vor Ort über das Vorhaben informiert haben.

Fische haben künftig keine Hindernisse mehr

Auch wenn es 18 Jahre seit der Flut 2002 gedauert hat, bis Berßel nun vor Überflutungen weitgehend geschützt sein sollte, hat der Landesbetrieb für Hochwasserschutz in der Zwischenzeit an vielen Stellen der Ilse Hindernisse und Gefahrenpunkte beseitigt. Im Osterwiecker Einheitsgemeindegebiet ist Berßel der letzte Bereich, wo noch gebaut wird.

Im Jahr 2004 war eine Schwachstellenanalyse für die komplette Ilse bis zur Landesgrenze erarbeitet worden. Im Ergebnis ist Hoppenstedt seit 2009 durch 660 Meter Schutzwand und Deich gesichert. Zuvor waren bereits fünf der sieben Schwachstellen in Osterwieck beseitigt worden. Darunter der Abriss des Birkenmühlenwehres und die Verwallung an der Heinrich-Heine-Straße. 2012 wurde die Wehranlage Großes Schütt durch eine Sohlgleite ersetzt. Ebenfalls 2012 entstanden in Berßel flussaufwärts der Wasserlebener Brücke 850 Meter Deich und Schutzwand. Zudem ist der Fluss schrittweise ökologisch durchlässiger geworden, damit Fische künftig von der Oker-Mündung bei Börßum an flussaufwärts in Richtung Harz schwimmen können. „Wir stimmen uns dazu mit Niedersachsen ab“, berichtete Senger.

Wiese ist noch im Fokus der Planer

Vor Hornburg läuft gerade ein größeres Bauvorhaben, nach dem eine Sohlgleite das alte Oberfallwehr ersetzen wird. In Veckenstedt verschwinden derzeit gleich zwei nahe beieinanderliegende Wehre und werden ebenfalls durch eine Sohlgleite ersetzt.

Zur Berßeler Überflutung 2017 solle nach Information von Franz Senger auch eine Verklausung, ein Verschluss durch Treibgut-Ansammlung im Fluss, beigetragen haben. Der lokale Flussbereich des LHW wolle hier weitere Abflusshindernisse beseitigen. Und der Landesbetrieb werde sich nach Abschluss der Arbeiten im Bäckergarten die Wiese zwischen Deich-Ende und Sportplatz anschauen und Berechnungen anstellen, wie man dort tätig werden könnte. An sich sei der Bereich als Überflutungsfläche vorgesehen.