Hessen l Jeden Morgen gibt sie einen Löffel voll Honig in den Tee. Nicht aus dem Supermarkt, selbst produziert. Seit fast 70 Jahren imkert Margarete Kretschmar aus Hessen. 22 Völker, zu denen jeweils rund 60 000 Bienen gehören, nennt sie ihr Eigen.

Die Anfänge hatten ganz andere Dimensionen. 13 Jahre war sie damals alt. Es war 1946, der Zweite Weltkrieg gerade beendet. „Wir bekamen Lebensmittelmarken – aber zu kaufen gab es nichts“, berichtet Margarete Kretschmar, die in der Oberlausitz aufgewachsen ist. „Man musste tauschen, wenn man etwas wollte. Honig war sehr begehrt.“

Ihr älterer Bruder kehrte in dieser Zeit schwer krank aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Arbeiten konnte er nicht – aber er wollte seinen Beitrag zum Auskommen der Familie leisten. „Er zog mit einer Suppenkelle und einem Karton los, um ein Bienenvolk zu holen“, berichtet die Hessenerin lachend. Vor Stichen schützte sich der Bruder mit einer ausgedienten Gardine, die er über einen alten Hut zog.

Bienen im Zug nach Hessen gebracht

Wie dank der Sammellust der Insekten Honig gewonnen wird, las die Familie in Büchern nach. „Das ist wie bei Kochrezepten. Man muss sich an die einzelnen Schritte halten, dann funktioniert das schon.“ Schnell war die Bienen-betreuung Frauensache. Margarete Kretschmar, geborene Rückert, und ihre Mutter kümmerten sich um die Honigproduktion, nachdem der Bruder als Musiker nach Leipzig zog.

1954 heiratete Margarete Kretschmar. Die ersten Jahre war es eine Fernehe. „Mein Mann war bei der Armee und ständig woanders stationiert“, berichtet die 84-Jährige.

Erst 1962 änderte sich das. Die Familie zog nach Göddeckenrode, dorthin wurde ihr Mann versetzt. Drei Jahre später ging es nach Hessen. Nicht nur die vier Kinder – zwei Söhne und zwei Töchter –, auch die Mutter zog mit. „Sie war pflegebedürftig, deshalb haben wir sie zu uns genommen.“ Und mit ihr die Bienen. „Die haben wir mit der Bahn transportiert“, berichtet die Seniorin.

Sie schloss sich dem Imkerverein an, der damals in Hessen existierte. „Aber die Mitglieder haben nicht gerade aus dem Nähkästchen geplaudert. Ich musste mir vieles selbst beibringen.“ Zum Beispiel, dass die Tracht – das Angebot an Nektar, Pollen und Honigtau – im Harz viel eher beginnt als in der Oberlausitz.

Unterstützung gab es von der Familie. Ihr Mann und die Söhne haben den Wagen gebaut, in dem die Bienenstöcke transportabel waren. Und wo sind sie, die besten Plätze für guten Honig? „Zum Beispiel in der Nähe von Deersheim, da stehen viele große Linden.“

Honig aus Waben schleudern

Um aus dem, was die Bienen gesammelt haben, Honig zu gewinnen, ist viel Handarbeit gefragt. Die Waben müssen geschnitten, erneuert und stetig kontrolliert werden. Noch heute schleudert die zierliche Rentnerin den Honig per Hand heraus. Damit er streichfähig bleibt, muss er gerührt werden. „Es ist eine sehr aufwendige Arbeit, aber eine schöne.“

Was es heißt, anzupacken, kennt die Seniorin seit ihrer Kindheit. „Meine Eltern hatten ein Geschäft und fuhren auf den Wochenmarkt, da musste ich mithelfen.“ Gelernt hat Margarete Kretschmar Fleischbeschauerin, sie hat in Heimarbeit für das Kleiderwerk in Osterwieck gearbeitet und war zu DDR-Zeiten für die staatliche Versicherung tätig. „Das waren alles Tätigkeiten, bei denen ich mir die Zeit selbst einteilen konnte. Mit den Kindern und der kranken Mutter wäre es nicht anders gegangen.“ Und ganz nebenbei hat sie die Kleidung der Familie selbst hergestellt: Schafwolle gesponnen und daraus Pullover und Co. gestrickt.

Ein Großteil der Freizeit hat sie jedoch den Bienen gewidmet. Angst davor, gestochen zu werden, habe sie keine – zumal die Insekten heutzutage weniger angriffslustig seien als ihre Vorfahren. Schutzkleidung trägt sie dennoch – früher selbst hergestellt aus Gardinenresten, heute gekaufte. „Aber eigentlich stechen Bienen nur, wenn man sie drückt. Man muss vorsichtig arbeiten, schließlich sollen die Bienen ja nicht sterben.“ Man entwickle zu den Insekten ein ähnliches Verhältnis wie zu Haustieren. „Ich spreche auch mit ihnen und bedanke mich, wenn sie fleißig waren“, verrät sie. „Und es macht mich traurig, wenn ich sehe, dass es ihnen nicht gut geht.“

Wenige Blumenwiesen erschweren Futtersuche

Zum Beispiel, wenn sie kein Futter mehr finden. „Es fehlen Wildwiesen und Blühstreifen an den Feldern“, klagt die Hobby-Imkerin. Sie würde sich freuen, wenn mehr Leute auf englische Gärten verzichteten, mehr Natürlichkeit zuließen und in der Landwirtschaft auf Pestizide verzichtet würde. Gerade im Spätsommer, ab Juli, sei es schwer für die Bienen, Futter zu finden. Damit fällt nicht nur die Spättracht – die Margarete Kretschmar wegen des kräftigen Aromas besonders mag – gering aus. Auch Pollen, die Bienennahrung, fehlen, die für die Überwinterung so wichtig sind.

Dafür, dass sich das bald ändert, setzt sich ihr Sohn Enrico Kretschmar ein. Er ist in ihre Fußstapfen getreten und imkert. Zudem macht er Politiker auf die Problematik aufmerksam, informiert Schüler und Interessierte über das Handwerk und den Bienenschutz. Voller Stolz berichtet Margarete Kretschmar über das preisgekrönte Engagement ihres Sohnes. Sie unterstützt ihn bei Lehrgängen und beim Abfüllen der Honiggläser.

Jedoch möchte die Hessenerin – sie hat acht Enkel und zehn Urenkel – aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten, weniger Völker halten. „Nur noch so viele, dass es für die Familie und für Geschenke reicht.“ Und für den morgendlichen Tee.