Theater-Open-Air

Jugendliche laden zu einem theatralischen Spaziergang in Halberstadts Spiegelsberge

Ist er in die Schlucht geworfen worden, oder ist er nicht? Und was hat diese Frage mit dem historischen Landschaftspark in Halberstadts Süden zu tun?

Von Sabine Scholz 14.07.2021, 10:26 • Aktualisiert: 14.07.2021, 11:27
Die Akteure und Unterstützer des neuesten Projekts von JobAct in Halberstadt, einer Kooperation von AWZ GmbH, der Projektfabrik Witten und KoBa Jobcenter Harz.
Die Akteure und Unterstützer des neuesten Projekts von JobAct in Halberstadt, einer Kooperation von AWZ GmbH, der Projektfabrik Witten und KoBa Jobcenter Harz. Foto: Sabine Scholz

Halberstadt - Wer nicht mehr kann, wird in die Schlucht geworfen. Ein Zurück gibt es nicht, so will es die Tradition. Aber, darf man Tradition nicht auch durchbrechen? Ist das große Ziel, Hilfe gegen eine schlimme Seuche zu bekommen, wichtiger, als das Leben eines Einzelnen? Es sind große Fragen von Individualismus und Gemeinschaft, von Spielregeln und Grenzen, die hier in einer spannenden Geschichte spielerisch verhandelt werden.

Diese führt die Zuschauer und die Akteure in die Spiegelsberge. Startpunkt ist der Parkplatz auf der Jahnwiese, dort nimmt ein Wanderguide die Gäste in Empfang, um mit ihnen durch den Landschaftspark zu spazieren. An mehreren Stationen begegnen die Spaziergänger dann Menschen, die einen Teil der Geschichte erzählen. Die Figuren sind, wie die Story selbst, an Stücke Bertolt Brechts angelehnt. So sind es Frauen, die an den einzelnen Stationen agieren, schillernde Figuren, die mit Klischees spielen.

Akteure schreiben eine eigene Geschichte

„Wir greifen die Frauen-Figuren aus unterschiedlichen Stücken Bertolt Brechts auf“, sagt Theaterpädagogin Tina Saum, „aber jede Teilnehmerin des Projekts hat ihre eigene Rolle entwickelt und eine ganz eigene Figur geschaffen.“ So, wie auch die Geschichte selbst von den jungen Erwachsenen geschrieben wurde. Basierend auf den zwei Lehrstücken „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ von Brecht, entwickelten die Projektteilnehmer die Story. Eingebunden wurden Belegtes und Legenden rund um die Spiegelsberge, Fiktion und Fakten mischen sich. Blickt man auf die Ausgangsgeschichte, werde nun eine mit beiden Versionen des Endes erzählt, so die Theaterpädagogin.

Die Grundgeschichte ist die eines Jungen, der sich entscheidet, sich einer Gruppe von drei Studenten und einem Lehrer anzuschließen, die sich auf den Weg über das Gebirge machen, um Medizin zu holen. Unterwegs kann der Junge nicht mehr weitergehen. Im „Jasager“ Brechts, wird dieser, dem Brauch folgend, zurückgelassen und letztlich gar ins Tal hinabgeworfen. Im „Neinsager“ widersetzt sich der Junge diesem Brauch und alle kehren gemeinsam zurück.

Wie wird es sein in den Spiegelsbergen? Das verraten die Akteure der Geschichte bei der Projektvorstellung nicht, spürbar wird allerdings die Vorfreude darauf, was Wanderführer Ludwig, Holli, die Frau Professor Dr. Dr. oder die Zwillinge alles so zu berichten haben, bei diesem auf gut 90 Minuten angelegten abendlichen Spaziergang.

So manche Corona-Hürde war zu meistern

Das Theaterstück ist Teil des Projektes JobAct, zu dem auch Praktika gehören. Seit November vergangenen Jahres wird Theater als Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung genutzt. In der Erarbeitung des Stückes werden ganz nebenbei persönliche und berufliche Kompetenzen entwickelt und trainiert. Das reicht vom Einhalten von Absprachen über praktisches Mitdenken und kollegialen Umgang bis hin zu Konfliktlösung. Das alles war, berichtet Tina Saum, pandemiebedingt nicht ganz einfach. Kaum hatte man sich ein bisschen „beschnuppert“, kam der Lockdown. Seit 1. Juni erst kann die Gruppe wieder als solche miteinander arbeiten, vorher gab es Kontakt nur von Bildschirm zu Bildschirm. Aber man habe viele gute Ideen entwickelt, die Zeit gut genutzt, sagt die Theaterpädagogin rückblickend.

Sie war schon im vergangenen Jahr in Halberstadt aktiv, die damaligen Teilnehmer von JobAct boten „Die sieben Todsünden“ in der Voigtei 58. Nun werden die Spiegelsberge zur Bühne. Gerade angesichts der vielen Hürden, die die Corona-Einschränkungen zusätzlich auftürmten, freue man sich jetzt sehr, zu zeigen, was an Ideen entstanden ist.

Shuttleservice und kostenfreier Zutritt

Neu in diesem Jahr ist, dass die Akteure nicht nur Theater spielen. Sie haben auch eine kleine Band gegründet, die nach dem Stück, das am Belvedere-Turm seinen Abschluss finden wird, den Gästen die Zeit vertreiben soll. Zum Konzept gehört nach dem Stück das Angebot, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Worauf sich nicht nur Christiane Müller und Detlef Rutzen freuen. Die Geschäftsführer der AWZ GmbH sind Partner des Projekts, zu dem neben der theaterpädagogischen Arbeit auch Bewerbungsmanagement gehört. Sollen die Teilnehmer doch anschließend leichter eine Ausbildung oder Arbeit finden. Finanziert wird die Aktion deshalb auch von der KoBa Jobcenter Harz und der Kurt und Maria Dohle Stiftung.

Aufführungstermine sind am Dienstag, 20. Juli, und am Mittwoch, 21. Juli, jeweils ab 18 Uhr. Da die Zuschauerzahl auf rund jeweils 30 begrenzt ist, wird um Anmeldung gebeten, auch wenn der Eintritt kostenfrei ist. Kontakt dafür und für die Nutzung des Shuttlebusses vom Burchardikloster zur Jahnwiese per E-Mail an detlef.muehlberg@awz.net.