Verkehrsplanung

Neue Straße um Halberstadt - alle Varianten in der Prüfung

In den 1990er Jahren war sie Thema, dann lange vergessen. Nun nimmt die Planung für die Nordumfahrung Halberstadts Tempo auf, die die Innenstadt von enormen Verkehrsströmen entlasten soll. Was nicht nur Freude auslöst.

Von Sabine Scholz 04.08.2021, 09:42
Wie ein Helm wölbt sich die allererste Trassenführungsidee über Halberstadts Norden. Inzwischen gibt es ver mögliche Linienführungen.
Wie ein Helm wölbt sich die allererste Trassenführungsidee über Halberstadts Norden. Inzwischen gibt es ver mögliche Linienführungen. Foto: Jörg Endries

Halberstadt/Klein Quenstedt - Es schien weit weg, das Jahr 2030. Doch nun sind es nur noch neun Jahre, dann soll die Nordumfahrung Halberstadts gebaut sein. So zumindest steht es im Bundesverkehrswegeplan. Dort ist die „Helmvariante“ unter vordringlichem Bedarf eingestuft. Heißt, es gibt ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis, wie Martin Habsick erklärt.

Der junge Verkehrsplaner ist in der Stadtverwaltung tätig. Die plant zwar keine Bundesstraßen, ist aber als betroffene Kommune natürlich eingebunden in das Prozedere, wie Habsick auf Volksstimme-Nachfrage erklärt. Das Verfahren selbst liegt bei der Landesstraßenbaubehörde, die bereits die Ostumfahrung zwischen Halberstadt und Harsleben, die neue Trasse der B 79, im Auftrag des Bundes plante und bauen ließ.

Dass die Nordumfahrung überhaupt im Bundesplan verankert ist, liegt unter anderem an der hohen Verkehrsbelastung Halberstadts. Hier kreuzen sich zwei Bundesstraßen in der Innenstadt. „13.000 bis 16.000 Fahrzeuge sind hier innerhalb von 24 Stunden unterwegs, so die Schätzungen“, erklärt Habsick.

Enorme Fahrzeugzahlen

Die im vergangenen Jahr fällige Verkehrszählung ist den Corona-Beschränkungen zum Opfer gefallen - und hätte wohl auch kein reelles Bild widergespiegelt. „Allerdings wissen wir dank unsers Verkehrsrechners, der die Ampeln steuert, dass diese Schätzung nicht zu hoch greift. Wir haben tatsächlich des Öfteren 14.000 Fahrzeuge am Tag, die auf den Bundesstraßen unterwegs sind.“ Dabei ist nicht nur der Lkw-Verkehr eine Belastung für die Innenstadt.

Weil Halberstadt als Mittelzentrum mit Teilfunktionen eines Oberzentrums einen Verkehrsknotenpunkt im Harzvorland darstellt, gibt es auch einen hohen Anteil an Pkw. Nicht nur zahlreiche Aus- und Einpendler, die zur Arbeit wollen, sind hier unterwegs. Neben dem hohen Durchgangsverkehr gibt es erhebliche Anteile aus Quell-, Ziel- und Binnenverkehr innerhalb der Stadt. Was zu bestimmten Tageszeiten mit erheblichen Lärm- und Feinstaubbelastungen einhergeht.

Klein Quenstedter betroffen

Um den Verkehr aus der Stadt zu bekommen, müsste eine neue Straße gebaut werden. Die könnte, so zumindest sehen es die derzeit in der Vorplanung betrachteten Varianten vor, relativ dicht an Klein Quenstedt vorbeiführen. Weshalb sich hier der Ortschaftsratsrat regelmäßig mit dem Thema befasst.

Habsick hatte auf Bitten des Ortschaftsrates vor einigen Zeit den Planungsstand vorgestellt. Das langwierige Verfahren gliedert sich in mehrere Schritte. Noch sei man in der Vorplanung. Aktuell laufe die sogenannte Antragskonferenz, erklärt Habsick.

Hierbei sind die Stadt, der Landkreis, Naturschutzbehörden und andere Behörden aufgefordert, ihre Bedenken und Hinweise zu äußern. Die Stadtverwaltung hat Flächennutzungsplan, Bebauungspläne und ähnliches an die Landesbehörde gegeben und verfolgt, inwieweit Belange des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes von den Planungen betroffen sind. Aktuell gibt es keine Aussage, welche Trassenführung bevorzugt wird. Noch wird für alle fünf Varianten alles an Informationen zusammengetragen. Von der Variante 0 – es wird gar nichts gemacht – bis zu verschiedenen Linienführungen nördlich, eine innerhalb der Stadt parallel zur Bahnlinie nach Wernigerode und der von der Stadt ins Spiel gebrachten südlichen Variante, die eine weitere Auffahrt auf die A 36 und den Ausbau der Kreisstraße nach Westerhausen erfordern würde.

Viele Aspekte

Die Unterschiede der Varianten sind groß. Allein die Streckenlängen variieren von 7,5 bis 14,2 Kilometer. Drei Varianten queren das Überschwemmungsgebiet der Holtemme südwestlich der Stadt, was hohe Brückenbauten erfordern würde. All das müsse betrachtet werden, sagt Habsick. Genauso wie ein verändertes Verkehrsverhalten vieler Menschen, die in der Corona-Zeit das Radfahren entdeckt haben.

Bis man sich auf eine konkrete Trasse festgelegt hat, wird sicher noch einige Zeit vergehen. Schaut man in die Bedarfsplanung, hat eine Nordvariante den Vorteil, dass mit dieser sowohl für die B 81 als auch für die B 79 eine Entlastung erreicht werde.

Bis zum Bau einer komplett neuen Straße sind viele Planungsschritte zu gehen.

Für die im Bundesverkehrswegeplan vorgesehene Nordumfahrung Halberstadts – wegen der Form auch „Helmvariante“ genannt, gilt das genauso wie es für die Ortsumfahrung Harsleben/Halberstadt der Fall war.

Von der Planung zum Bau - die einzelnen Schritte

Bedarfsplanung: Der allererste Schritt ist die Bedarfsplanung. Sie bildet die Grundlage für den Neu- und Ausbau von Bundesfernstraßen. Ohne solch eine Bedarfsermittlung würde kein Projekt in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Bei dieser allerersten Betrachtung geht es um die Frage: Ist der Bau sinnvoll? Bringt er Entlastungen? Betrachtet wird hier auch ein Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Vorplanung: Der zweite Schritt ist dann die Vorplanung. Hierbei geht es darum, die Linienführung für einen Straßenneubau zu finden. So sollen sinnvolle Varianten gefunden werden. Der Planungsraum ist dabei meist größer als die eigentliche Trasse, um die Auswirkungen auf das Umfeld besser einschätzen zu können. Das mündet zumeist in ein Raumordnungsverfahren. In dem werden verkehrliche, ökonomische, ökologische, kulturelle und soziale Aspekte des Bauvorhabens betrachtet. Zunächst aber nur von Seiten der betroffenen Behörden und Kommunen. Dabei werden alle Varianten gleichrangig vertiefend untersucht. Zu dem Ergebnis des Raumordnungsverfahrens können dann Behörden und Bürger eine Stellungnahme abgeben.

Entwurfsplanung: Erst im dritten Schritt solch eines großen Straßenbauvorhabens wird dann eine bestimmte Linie noch einmal genauer unter die Lupe genommen. Zur Entwurfsplanung gehört nicht nur die konkrete Aussage, wo die Trasse verlaufen soll, sondern auch ein landschaftspflegerischer Begleitplan, die Prüfung artenschutzrechtlicher Belange. Umweltaspekte spielen dabei eine Rolle, ebenso Sicherheitsanforderungen. In der Bedarfsplanung muss außerdem die Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit der Straßenführung beachtet werden. Hier sind oft Abwägungen zu treffen. Liegt am Ende der Planung ein genehmigter Entwurf vor, folgt das Planfeststellungsverfahren.

Genehmigungsplanung: Das Planfeststellungsverfahren ist die Genehmigungsplanung. Hier sind auch die Einwände und Anregungen der Bürger gefragt. Denn dieser Plan ist für vier Wochen öffentlich auszulegen. Bei einem Erörterungstermin sollen die Einwendungen und Stellungnahmen mit den Beteiligten und Betroffenen besprochen werden, um nach Möglichkeit eine Einigung zu erzielen. Gegen den Planfeststellungsbeschluss kann Klage erhoben werden. Erst wenn ein sogenannter bestandskräftiger Beschluss vorliegt, der nicht mehr gerichtlich angefochten werden kann, gibt es Baurecht.

Bauen: Der Bau der neuen Straße ist dann der Abschluss des Verfahrens, das sich oft über zehn Jahre erstreckt. Das Bauen selbst geht dann vergleichsweise schnell.

Die geplante Nordumfahrung Halberstadts soll unter anderem den Verkehr der Bundesstraßen 81 und 79 aufnehmen und so die Innenstadt entlasten.
Die geplante Nordumfahrung Halberstadts soll unter anderem den Verkehr der Bundesstraßen 81 und 79 aufnehmen und so die Innenstadt entlasten.
Foto: Jörg Endries