Hausarzt

Neustart in Zillys Arztpraxis

Erneut war Zillys Hausarztpraxis über mehrere Monate geschlossen gewesen. Seit voriger Woche wird hier nun wieder praktiziert.

Zilly l „Ich bewundere den Mut, dass Ärzte sich selbst darum kümmern, wie es mit der medizinischen Versorgung auf dem Lande weitergeht“, stellte Osterwiecks Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) fest. Auch im Raum Osterwieck ist die Zahl der Hausärzte mit den Jahren zurückgegangen. Nur teilweise gelang es, junge Ärzte als Nachfolger zu gewinnen. Für Zillys Praxis von Hannelore Dittmann, die Mitte 2018 plötzlich gesundheitsbedingt ausschied, gab es danach zumindest keine dauerhafte Lösung.

Ein Jahr arbeitete hier ein Goslarer Versorgungszentrum, seit dem letzten Jahreswechsel aber stand die Praxis wieder leer. Nun also der zweite Neustart – organisiert von Ärzten aus Halberstadt und umliegenden Orten.

Elf Mediziner, überwiegend Hausärzte, haben sich zusammengetan und die MVZ Nordharz GmbH gegründet. Eine Gesellschaft, deren Akteure seit vielen Jahren im als Verein organisierten Medinetz Harz zusammenarbeiten. Geschäftsführer des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) sind die Halberstädter Hausärzte Dr. Ulrich Heucke und Stefan Andrusch. Sie werden ebenso wie ihre neun Kollegen weiterhin daheim in ihren Praxen tätig sein. Durch das gemeinsame Engagement wurde aber das Risiko, das mit einer Unternehmensgründung verbunden ist, auf viele Schultern verteilt.

„Wir möchten die Versorgungslücken schließen“, betonte Ulrich Heucke. Mit angestellten Ärzten. Die aber nicht so einfach zu finden seien. Deshalb habe sich die Wiederöffnung der Praxis länger hingezogen.

In Zilly arbeiten zwei vom MVZ angestellte Ärzte. Kiril Genov ist die ganze Woche über in Zilly, Reuiss Agaiby an drei Tagen. Die weitere Wochenarbeitszeit bleibt er angestellter Arzt in der Praxis von Ulrich Heucke, wo er bereits seit einem Jahr tätig ist.

Beide Ärzte haben ausländische Wurzeln, besitzen Berufserfahrung und wohnen in Halberstadt.

Kiril Genov arbeitete in Bulgarien zehn Jahre lang in einem Krankenhaus und 16 Jahre in der eigenen Hausarztpraxis. Er ist Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin, war daheim auch Ausbilder für Ultraschalluntersuchungen. Er freut sich, nachdem er seit etwas mehr als einem Jahr intensiv die deutsche Sprache gelernt hat, über die Anstellung im MVZ Nordharz.

Reuiss Agaiby hatte bis 2013 zwei Jahre als Anästhesist in einem Krankenhaus in Ägypten gearbeitet, bevor er nach Deutschland kam. Hier hat er sich bis 2018 zum Facharzt für Allgemeinmedizin ausbilden lassen und ist darüber hinaus als Notarzt im Einsatz.

Komplettiert wird Zillys Praxis-team von den Arzthelferinnen Antje Kuhnt aus Heudeber und Ute Wesarg aus Dingelstedt, die bereits früher hier gearbeitet hat, sowie Jürgen Dittmann, der ebenfalls früher schon als Helfer hier in der Praxis seiner Frau tätig war.

Zu den Gesellschaftern des MVZ Nordharz gehört Sabine Werner. Die in Hessen praktizierende Allgemeinmedizinerin macht keinen Hehl daraus, dass sie in einigen Jahren in den Ruhestand gehen wird. Um eine Nachfolgeregelung für ihren Ort zu finden, engagiert sie sich in dem neuen Projekt.

Die MVZ-Gesellschaft wurde erst im vorigen Jahr gegründet. Zilly ist ihre erste Praxis. Der weitere folgen sollen. Voraussichtlich schon im Laufe des Sommers. „Es gibt konkrete Planungen“, sagte Ulrich Heucke. Wo, darüber halten sich die Beteiligten noch bedeckt.

Ihr Tätigkeitsgebiet sehen die Gesellschafter, wie es der Name ihres MVZ aussagt, im Nordharz, erklärte Iris Buller, Allgemeinmedizinerin in Halberstadt. Vor allem im Altkreis Halberstadt, in die Bereiche Wernigerode und Quedlinburg hineinreichend. Was auch unterstreicht, dass es unter Hausärzten keine Konkurrenzsituation gebe, wie der Derenburger Henrik Straub hervorhob. Wofür das 2011 gegründete Medinetz Harz steht, in dem über 20 Haus- und Fachärzte sowie weitere medizinische Partner die kollegiale Zusammenarbeit pflegen.

Weitere Praxen in den Orten zu erhalten heißt aber auch, neue Ärzte zu finden. „Wir hoffen auf junge Ärzte“, erklärte Stefan Andrusch. Kontakte seien hergestellt. Jungen Ärzten solle ein Berufseinstieg quasi mit allen Optionen schmackhaft gemacht werden. Beginnend mit der Facharztausbildung. Sie könnten auch danach im MVZ im Angestelltenverhältnis arbeiten, Familie und Beruf gut in Einklang bringen sowie die Tätigkeit als Sprungbrett in die eigene Niederlassung durch Übernahme der Praxis, in der sie tätig sind, nutzen. Letzteres sei übrigens ein entscheidender Unterschied zu einem Krankenhaus-MVZ.

Dr. Carola Janschinski, Kardiologin aus Halberstadt, setzt nicht zuletzt auf das attraktive Umfeld für junge Leute – neben der flexiblen Arbeit etwa mit Schulen und Landschaft. „Und wir haben hier engagierte Bürgermeister.“

„Ich glaube auch, das ist ein Weg, junge Ärzte herzubekommen“, sagte Osterwiecks Stadtchefin Wagenführ. „Es können ja nicht alle in die Großstädte gehen.“

Zillys Arztpraxis ist montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr sowie nachmittags am Montag (15 bis 18 Uhr), Dienstag und Donnerstag (jeweils 15 bis 17 Uhr) geöffnet.