Halberstadt/Reinstedt l Was wäre gewesen, wenn ...? Wenn es sich bei dem weiß-gräulichen Pulver, das am Freitag, 8. Februar, im Postverteilzentrum Reinstedt (Stadt Falkenstein/Harz), aus einem Brief rieselte, nicht um eine banale Lebensmittelzutat gehandelt hätte? Wenn es sich stattdessen um einen biologischen oder chemischen Kampfstoff gehandelt hätte? Das sind Fragen, die sich einige Verantwortliche stellen. Weil sie mit Blick auf die Abläufe rund um den Großeinsatz von ABC-Fachdienst, Rettungsdienst und Polizei einige Fragen haben und Anlass für Manöverkritik sehen.

Ein Fakt, mit dem Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse und Alexander Beck, Fachdienstleiter ABC im Bereich Katastrophenschutz des Harzkreises, nicht alleine stehen. Auch die Dezernentin der Kreis-Ordnungsbehörde, Katharina Wendland, sieht Anlass für Manöverkritik und hat Verbesserungsbedarf ausgemacht. „Da gibt‘s sicherlich das eine oder andere, das nicht optimal gelaufen ist“, erklärt sie auf Anfrage der Volksstimme.

Sie habe, so Wendland weiter, Vertreter von Rettungsdienst, Harzklinikum und Polizei sowie diverse Vertreter von Fachbereichen und Ämtern der Kreisverwaltung zum Gespräch eingeladen. „Aus meiner Sicht sollten alle Fragen dort geklärt und Schlussfolgerungen gezogen werden. Das möchte ich aber zunächst intern tun und mich an dieser Stelle noch zurückhalten“, so die Dezernentin.

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Drei Mitarbeiter in Kontakt mit Pulver

Der Einsatz hatte vor gut einer Woche zahlreiche Kräfte in Atem gehalten. Auslöser war ein an eine Frau im Salzlandkreis adressierter Brief. Weil dessen Adresse unklar formuliert war, musste die Briefsendung im Post-Verteilzentrum Reinstedt manuell sortiert werden. Und dabei rieselte plötzlich weißlich-graues Pulver aus dem Umschlag. Drei Mitarbeiter kamen direkt damit in Kontakt.

Nach dem Eingang des Notrufs gegen 9.30 Uhr lief ein Großeinsatz der Rettungskräfte an. Alle Personen im Verteilzentrum, die keinen Kontakt zum Pulver hatten, sowie Mitarbeiter naher Firmen wurden in Sicherheit gebracht. Die drei Betroffenen blieben wegen ihrer möglichen Kontamination im Objekt. Parallel, so berichten Kreisbrandmeister Lohse und ABC-Fachdienstleiter Beck, sei die Untersuchung des Pulvers angelaufen. Nach zahlreichen Tests habe festgestanden: Keine radioaktive Belastung. Vielmehr ein aromatisch riechendes Pulver aus Stärkesubstanz, das aber in aller Detailliertheit vor Ort nicht habe analysiert werden können. „Wir tappten zu rund 30 Prozent im Nebel und haben mit dem Landes-Institut für Brand- und Katastrophenschutz in Heyrothsberge diskutiert und weitere Schritte besprochen“, so Beck. Daher keine Entwarnung. Im Gegenteil: Weil es sich bei der in der Stadt Seeland (Salzlandkreis) lebenden Adressatin um eine Mitarbeiterin mit Personalverantwortlichkeit einer größeren Firma handelte, waren ein Anschlag oder zumindest ein böser Scherz denkbar. „Wir hatten zumindest keinen Anlass, die Gefahr zu relativieren oder zu entkräften“, so Beck und Lohse unisono.

Dafür seien im Laufe der mehrstündigen Rettungsaktion Fragen und Ungereimtheiten aufgetreten, die zumindest bei den beiden für Kopfschütteln sorgten. So sei der Versuch, die Betroffenen mit einem Bundeswehr-Helikopter in eine Fachklinik zu bringen, gescheitert.

Spezialkliniken lehnen Annahme ab

„Der Notarzt vor Ort hat sich mit dem SAR-Dienst beraten und dabei deutlich gemacht, dass die Personen vor einem Transport dekontaminiert werden“, so Beck. Der SAR-Dienst für Luftfahrzeuge (SAR: Search and Rescue, deutsch: Suche und Rettung) liegt in Deutschland in Verantwortlichkeit der Bundeswehr. Sowohl SAR als auch angefragte Spezialkliniken hätten Transport und Aufnahme des Trios abgelehnt, weil unklar war, um welche Substanz es sich handelt, erklären Beck und Lohse. Daher sei entschieden worden, die drei Betroffenen via Rettungswagen ins Klinikum Quedlinburg zu bringen.

Eine Darstellung, die die Harzer Gesundheitsdezernentin Dr. Heike Christiansen relativiert: „Wir haben uns von überall Rat geholt und dann entschieden, das Trio einem Arzt vorzustellen.“ Dabei habe sie persönlich auch das auf derartige Fälle spezialisierte Klinikum St. Georg in Leipzig kontaktiert. Letztlich sei es darum gegangen, die Betroffenen in einer Klinik und damit im entsprechenden Umfeld zu untersuchen, so die Amtsärztin.

Auch das Robert-Koch-Institut für Infektionskrankheiten (RKI) in Berlin sei kontaktiert worden, so Dr. Christiansen. Ergebnis: Nach menschlichem Ermessen sei kein ernsthafter Hintergrund zu befürchten, so die Auskunft. Eine Ferndiagnose also.

Mysteriösen Stoff nach Berlin gebracht

Beck und Lohse haben das Telefonat via Freisprecheinrichtung anders in Erinnerung: Der RKI-Mitarbeiter habe sinngemäß erklärt, alles zu vernichten und fertig. Vor Ort fiel eine andere Entscheidung: Weil die Gefahr auch von der Polizei ernst genommen wurde, wurde nach weiteren Analysemöglichkeiten gesucht. Das sei an einem Freitagnachmittag in Sachsen-Anhalt nicht leicht gewesen. Das mobile Labor an der Landes-Feuerwehrschule in Heyrothsberge sei nicht mehr rund um die Uhr besetzt. Andere Labore? Fehlanzeige. Letztlich habe das Innenministerium über ein Amtshilfeersuchen die Weichen gestellt, dass das Landeskriminalamt (LKA) Berlin den Stoff kurzfristig analysiert.

Beck und Lohse machten sich mit dem mehrfach versiegelten Stoff auf den Weg nach Berlin. „Uns ging es um rasche Klarheit – vor allem für die drei Betroffenen, die im Krankenhaus bangen mussten, aber auch für die Post.“ Vom LKA Berlin habe es gegen 21 Uhr dann Entwarnung gegeben: Beim Stoff handelte es sich um ein Lebensmittel.

Als die beiden die erlösende Nachricht in Richtung der heimatlichen Leitstelle weitergaben, dann der nächste Schock: Die drei womöglich kontaminierten Personen hatten die Klinik längst verlassen. „Da waren wir erstmal sprachlos“, so ABC-Expert Beck. Kopfschütteln auch bei Chefbrandschützer Lohse. Nicht aber bei Amtsärztin Christiansen: „Das sind doch erwachsene Menschen. Mir war wichtig, dass sie in Ruhe einen Arzt kontaktieren konnten.“ Kopfschütteln aber auch bei Dezernentin Wendland: „Dass man die Leute entlassen hat, bevor das Analyseergebnis vorlag, hat mich absolut gewundert.“ Das sei „extrem merkwürdig und leichtsinnig“, meint sie.

Ihre Schlussfolgerung deckt sich mit der von Beck und Lohse: Dringender Bedarf für Manöverkritik, weil längst nicht alles optimal gelaufen sei. Auch Heike Christiansen wünscht sich Verbesserungen: „Schön wäre, wenn es solche Analysemöglichkeiten im Land gäbe und man schneller Klarheit hätte.“

Analyse ergibt: Puddingpulver im Umschlag

Bleibt die Frage, welcher Stoff nun den Großeinsatz ausgelöst hat. Ganz banales Puddingpulver, das familienintern verschickt worden war. Offenbar mit der Botschaft, doch mal wieder – wie früher – zusammen Pudding zu kochen.

Es hätte aber eben auch eine toxikologische Substanz mit Gefahr für Leib und Leben sein können, geben Kai-Uwe Lohse und Alexander Beck zu bedenken.