Halberstadt l Deutsches Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, NS-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, 40 Jahre DDR, friedliche Revolution 1989, die deutsche Wiedervereinigung – 109 Jahre wechselvolle Geschichte hat das wohl älteste familiengeführte Einzelhandelsgeschäft in Halberstadt erlebt. Ute und Gert Baumann führen Fahrrad-Wulfert am Johannesbrunnen in der Altstadt Halberstadts bereits in vierter Generation. „Leider auch in der letzten. Es gibt keinen Nachfolger. Unser Sohn möchte das Geschäft nicht übernehmen“, bedauert Ute Baumann. Ihr Urgroßvater hat das kleine Unternehmen am 7. März 1910 am Tränketor 11 gegründet, 1914 erfolgte der Umzug in das Fachwerkhaus am Johannesbrunnen 13.

Baumanns verfolgten schweren Herzens in den zurückliegenden Jahrzehnten das Sterben von Geschäften und Gaststätten in der Altstadt. Der komplette Niedergang der Altstadt, der Flächenabriss, konnte Gott sei Dank 1989 gestoppt werden, sind beide froh. Das Ehepaar arbeitet seit über 30 Jahren am Johannesbrunnen – sie schmeißt die Buchhaltung und er den Laden samt Werkstatt.

Geschäftesterben bereitet Sorgen

Das wohl schlimmste Beispiel für das Sterben des Handels in der Altstadt sei die Gröperstraße, die heute in weiten Teilen einer Gespenster­straße gleichen würde. „Die Straße führt zum Friedhof und so sieht sie leider auch aus“, sagt Gert Baumann. Fahrrad-Wulfert konnte sich trotz harter Konkurrenz behaupten – trotz fünf Mitbewerbern in der Kreisstadt sowie Online-Shopping.

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„Die Mischung macht‘s. Die Kunden, die aus Halberstadt und einem Umkreis von etwa 25 Kilometern kommen, haben kompetente Ansprechpartner und mit der Werkstatt gleich den Service dazu“, erklärt Ute Baumann den Erfolg. „Ohne die Werkstatt, also den Service, hätten wir bestimmt schon längst einpacken können“, sagt Gert Baumann. Nur allein vom Fahrradverkauf könne man nicht existieren. Dazu seien die Händlermargen zu klein. Daran hat der Fahrrad-Boom der vergangenen Jahre nichts geändert. Wie die Firmenwerbung über den Schaufenstern verrät, ist der Laden nicht nur ein Anlaufpunkt für Fahrradfahrer. Seit DDR-Tagen gehören Nähmaschinen dazu. Heute allerdings nicht mehr deren Verkauf, sondern nur noch die Reparatur. „Allerdings keine modernen Nähmaschinen. Da ist zu viel Plastik drin, das lohnt sich nicht. Aber viele Kunden kommen noch immer mit DDR-Erzeugnissen und lassen sie bei uns reparieren“, berichtet Gert Baumann.

Übrigens hat die kombinierte Nähmaschinen-Fahrrad-Werkstatt Familie Wulfert vor der Verstaatlichung des Geschäfts zu DDR-Zeiten bewahrt, erinnert sich die Chefin. Eine offizielle Handelserlaubnis gab es damals nicht, nur eine Duldung. „Wir leben heute vom Geschäft ganz gut. Man kann nicht reich davon werden, aber wir haben unser Auskommen“, betonen beide unisono.

Verwaiste Läden

Mit Sorge verfolgen Ute und Gert Baumann, dass auch am Johannesbrunnen und in der benachbarten Voigtei Läden, Gaststätten und Bankfilialen schließen und in den wenigstens Fällen neue Geschäfte in die verwaisten Läden einziehen.

„All diese Unternehmen, die es nicht mehr gibt, haben einst viele Menschen in die Altstadt gelockt. Wenn die nicht mehr kommen, dann merken wir und auch die anderen noch ansässigen Unternehmen natürlich den Verlust“, stellt Gert Baumann fest. Daher sei es sehr wichtig, dass die Altstadt nicht vom Durchgangsverkehr abgekoppelt wird. Die beiden Geschäftsleute plädieren dafür, dass der Verkehr rollt. Ihn auszusperren, wie immer wieder gefordert wird, wäre der Todes­stoß für den Handel. Beide verstehen, dass es zwei Lager und zwei Meinungen zum Durchgangsverkehr in der Altstadt gibt. „Ich habe Verständnis, dass die Menschen, die hier wohnen, vom Krach genervt sind“, so Ute Baumann. Ihrer Meinung nach sei das Anfang der 1990er Jahre verlegte Kopfsteinpflaster ursächlich dafür. „Ich denke, das Pflaster muss nach fast 30 Jahren mal wieder anständig verfugt werden. Dann wird es ruhiger.“

Gert Baumann begrüßt das Bürgerbegehren zum Ausbau des Fahrradwege-Netzes in der Stadt. Nicht nur aus Sicht eines Fahrradhändlers. „Wir benötigen auch in der Altstadt Fahrradwege. Dann würden die Halberstädter für kurze Wege sicher weniger auf das Auto zurückgreifen.“ Mehr Fahrradfahrer als Durchgangsverkehr wäre ein guter Ersatz für Pkw. Dazu gehöre außerdem ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr. Die Stadt habe zwar auf die Straßenbahn gesetzt. Das Konzept sei aber zu kurz gedacht ohne die Anbindung der Sargstedter Siedlung und der Gewerbegebiete, kritisiert Gert Baumann.