Halberstadt l Ein besonderes Kulturgut – köstlich noch dazu – will die Stadt Halberstadt ­bewahren. Außerdem trägt es den Namen der alten Bischofsstadt – Halberstädter Jungfern­apfel. Vor fünf Monaten haben Mitarbeiter der Abteilung Stadtgrün dazu eine alte Streuobstwiese in den Klusbergen auserkoren. Dort wurden kurzerhand vorhandene Obstbäume mit den Reisern des Halberstädter Jungfernapfels veredelt. Die Reiser, die heutzutage nicht so einfach zu bekommen sind, stellte die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Quedlinburg zum Nulltarif zur Verfügung.

Denkbar ungünstig für die Aktion ist allerdings das ­Wetter in den zurückliegenden Monaten verlaufen. Kaum messbare Niederschläge und Hitze haben für ausgedörrte Böden gesorgt. Ob der Vermehrungsversuch trotzdem geglückt ist, das wollten die Mitarbeiter der Abteilung Stadtgrün der Stadt Halberstadt und Dr. Thomas Karl Schlegel, Chef der Abteilung Gartenbau der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Quedlinburg am gestrigen Mittwoch überprüfen.

Alter Halberstädter trotzt Trockenheit

Trotz der ungünstigen Wetter-Bedingungen gibt es eine gute Botschaft: „Der Halberstädter Jungfernapfel wächst wieder auf der Streuobstwiese in den Halberstädter Bergen, und das in einem Jahr, das wohl zu den niederschlagärmsten der letzten Jahrzehnte zählen wird“, informiert Roswitha Hutfilz von der Abteilung Stadtgrün. Seit April hofften Hobby- und Profigärtner auf Niederschläge für ihre Zöglinge. An Regen war in diesem trockenen Jahr jedoch nicht zu denken. Die Gärtner des Stadt- und Landschaftspflegebetriebes Stala aus Halberstadt waren mit der Wasserversorgung der neu gepflanzten Stadtbäume an ihren Kapazitätsgrenzen angekommen. Das Anwachsergebnis der Edelreiser des Jungfern­apfels – übrigens aus Beständen der Deutschen Genbank Obst – wurde zwar kontrolliert, aber gewässert wurden die Bäume nicht, so Roswitha Hutfilz.

„Hier zeigt sich sehr deutlich, dass regionale Obstsorten durchaus ihre Berechtigung haben. Eine Anpassung über viele Jahrzehnte an die klimatischen Bedingungen des namengebenden Gebietes rund um Halberstadt, an den Regenschatten, den wir durch die Nähe zum Brocken haben, hat in diesem Fall deutliche Vorzüge. Hier hält ein alter Halberstädter durch, wenn es darauf ankommt.“

Dieses sehr gute Ergebnis ermöglicht es, das Projekt weiter zu verfolgen. Für eine ­effek­tive Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten gibt es sogar Unterstützung durch die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau und deren ­Dezernatsleiter für Gartenbau, sagt Roswitha Hutfilz. Er wird freundlicher­weise dem Projekt Halberstädter Jungfernapfel fachlich zur Seite stehen.

Thomas Karl Schlegel attestiert dem Halberstädter ­Jungfernapfel ebenfalls eine tolle Anpassungsfähigkeit. „Diese alten lokalen Sorten können sich einer großen Klimabandbreite anpassen. Aber auch die Unterlage hat das Anwachsen begünstigt. Die alten Apfelsorten wurzeln tief, und das ist bei Trockenheit von Vorteil“, betont der Fachmann. „Moderne Apfel­sorten wurzeln nur flach, 30 bis 50 Zentimeter. Mehr benötigen sie für die Standsicherheit auch nicht. Sie wachsen wie eine Hecke, um günstige Bewirtschaftungskosten zu erzielen. Bei Trocken­heit sind sie anfälliger und müssen gewässert werden“, erklärt der Fachmann.

Thomas Karl Schlegel freut sich über die erfolgreiche ­Vermehrungsaktion in Halberstadt, und dass er dabei mit seinem Fachwissen helfen kann. Die Grünfachfrauen und -männer aus Halberstadt haben am gestrigen Mittwoch einige Fragen, die der Wissenschaftler aus Quedlinburg beantworten soll. Ein Thema ist die Schädlingsbekämpfung – natürlich soll es eine biologische und nicht die chemische Keule sein. So wird an das Aufhängen von Vogel­nistkästen und Fledermaus-Behausungen gedacht, damit Vögel und ­Fledermäuse Apfelwickler und Co. verspeisen. Davon rät Schlegel erst einmal ab. „Die Bäume sind noch nicht stark genug, um die Behausungen zu tragen.“ Er empfiehlt, die Stämme zu streichen, um die Bäume vor Frostrissen und der ­Sommerhitze zu schützen. Außerdem interessiert die Halberstädter, ob es Fördermöglichkeiten für das Naturschutzprojekt gibt.

130 Jahre alte regionale Apfelsorte

Um den Halberstädter Jungfern­apfel war es still geworden. Die über 130 Jahre alte und im Harzvorland gezüchtete Sorte ist von schnell wachsenden und ertragreicheren, aber nicht unbedingt besser schmecken­den Hybridsorten fast völlig vom Markt verdrängt worden. Die Stadt Halberstadt will zur Erhaltung der seltenen Sorte beitragen. Und so wird der Halberstädter Jungfernapfel zum Schatz erklärt. Ein willkommener Anlass dafür sind die Halberstädter Schatzjahre. Die Kostbarkeit spielt im Schaugarten Halberstadts auf der Landesgartenschau in Burg als Botschafter der Kreisstadt eine Hauptrolle. Der Baum soll auch in der Stadt, deren Namen er trägt, wieder eine größere Rolle spielen.

Im landschaftlich schönen Süden der Kreisstadt, auf einer alten Streuobstwiese, haben Mitarbeiter der Abteilung Stadtgrün die Vermehrungsaktion gestartet. Dort stehen unter anderem etwa 100 alte Obstbäume. Vor fünf Jahren sind 40 damals etwa acht Jahre alte Apfel-, ­Birnen-, Kirsch- und Pflaumen­bäume als Ausgleichspflanzung für im Stadtgebiet gefällte Bäume dazu gekommen. Zehn Apfel­bäume hatten nun die Ehre, eine „Ehe“ mit dem Halberstädter Jungfernapfel einzugehen und damit zum Sortenerhalt beizutragen.

Das Prozedere zur Vermehrung ist denkbar einfach. Die auserkorenen Altbäume sind aus einer Verbindung von zwei Apfel­sorten hervorgegangen. Die Unterlage ist ein tiefwurzelnder sogenannter Bittenfelder Sämling, der am Stammansatz bereits mit einer anderen ­Apfelsorte veredelt wurde. Dieser mittlerweile fast drei Meter hohe Baum wird nun im Kronenbereich vorsichtig zurückgeschnitten und für die Hochzeit vorbereitet. Mit einem scharfen Messer werden der Mittel- und drei Seitentriebe angeschnitten, ebenso die kostbaren Edelreiser des Jungfern­apfels. Dann verbindet man die offenen Stellen fest miteinander. Wachsen sie an dieser Stelle erfolgreich zusammen, gibt es einen neuen Halberstädter Jungfernapfel. Bei günstigen Bedingungen und guter Pflege können die Bäume 60 bis 80 Jahre alt werden.

Edler Tropfen aus Ernte gebrannt

2020 wird auf der Streuobstwiese mit der ersten Ernte der schmack­haften Früchte gerechnet. Wahrscheinlich keine große Ernte, aber es gibt schon einen Plan, was ­damit geschehen soll, berichtet Thomas Wald, Leiter der Abteilung Stadtgrün. Der Apfelsaft soll zu einem hochprozentigen Obstbrand veredelt werden. Die erste Ernte wird nur wenige Flaschen füllen und den Tropfen, wie es der Baum bereits ist, zu einer Kostbarkeit küren. Der Erlös aus dem Verkauf des edlen Tropfens fließt natürlich wieder in die Pflege der Streuobstwiese.

„Wenn sich so der Kreislauf schließt, haben wir viel erreicht“, unterstreicht ­Thomas Wald. Dabei will sich auch der Verein Halberstädter Berge engagieren. „Der Vorstand hat beschlossen, eine bestimmte Anzahl an Obstbäumen künftig zu pflegen“, so der Abteilungsleiter. Hilfe hat zudem das Gymnasium Martineum zugesagt. Die Mitglieder einer Arbeitsgemeinschaft, die sich mit Bäumen und dem Stadtgrün beschäftigt, möchten sich engagieren. „Wir versprechen uns davon eine fruchtbare Zusammenarbeit“, sagt Thomas Wald.