150-jähriges Geschäft

Seltenes Jubiläum in Osterwieck

Ein seltenes Jubiläum steht am Dienstag in der Osterwiecker Kapellenstraße an. Vor 150 Jahren hat der Ururgroßvater von Juliane Meuche hier ein Geschäft gegründet.

Von Mario Heinicke
Ganz in Familie die vierte und fünfte Generation, die in den 150 Jahren das Geschäft geführt hat. Von links: Juliane Meuche, Christel Gresse und Frank Meuche.
Ganz in Familie die vierte und fünfte Generation, die in den 150 Jahren das Geschäft geführt hat. Von links: Juliane Meuche, Christel Gresse und Frank Meuche. Fotos (3): Mario Heinicke

Osterwieck

„Furz und Feuerstein kauft man bei Gresse ein“, diesen Werbespruch aus tiefer Familiengeschichte gibt Christel Gresse heute noch zum Besten. Die 88-Jährige ist die Mutter von Juliane Meuche, war mit ihrem früh verstorbenen Mann Wilhelm Gresse die vierte Generation, die diesen Laden betrieb, der in den 150 Jahren mehrere Wandlungen erlebte, erleben musste.

Alles begann mit Hermann Oehlmann, der das Wohn- und Geschäftshaus am 11. Mai 1871 gekauft hat. Es folgten Carl und Therese Schuster, bis 1924 die Ära des Namens Gresse begann. Wilhelm Gresse sen. hatte deren Tochter Elsa Therese Schuster, die Oma von Juliane Meuche, geheiratet.

Beim Senior hatte Christel Gresse 1948 ihre Lehre begonnen. Damals wohnte sie erst ein Jahr in Osterwieck. Sie musste zum Kriegsende aus ihrer Heimat Ostpreußen flüchten, nach mehreren Stationen fand die damals 15-Jährige als Waise ihre neue Heimat in Osterwieck bei ihrer Großtante. Sie heiratete hier Wilhelm Gresse jun., den Sohn vom Chef, und hat ihr Berufsleben lang in dem Geschäft gearbeitet. Nach dem Tod Ihres Mannes führte sie selbst den Laden von 1983 bis 1992, bevor zum Jahresbeginn 1993 Juliane und ihr Mann Frank Meuche übernahmen.

Goldmedaille in Paris

Viele der heute in Osterwieck lebenden Menschen verbinden mit dem Namen Gresse einen Lebensmittelladen. Doch diese Ära begann eigentlich erst 1960, nachdem in der Mittelstraße das Haus der tausend kleinen Dinge eröffnet worden war.

Vorher gab es in der Kapellenstraße 7 praktisch alles zu kaufen, was zum Leben gebraucht wurde. Von Lebensmitteln über Glas und Porzellan, Spielwaren, Werkzeuge bis zum Kochherd. „Furz und Feuerstein“ eben. Das Angebot war so vielfältig, dass zeitweise nebenan im „Schwarzen Adler“, der 1972 abgerissen wurde, noch Schaufenster und Lagerräume mit genutzt wurden.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Wilhelm Gresse auch über Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. 1937 gewann er mit seinem selbsthergestellten Most eine Goldmedaille auf einer Ausstellung in Paris. Der Senior besaß bereits einen Vorvertrag mit Hapag Lloyd und damit die Chance, seinen Most aus den Vorharzer Früchten nach Übersee zu verkaufen. Doch der Krieg verhinderte das.

„Nach dem Krieg wurde die Mosterei nicht weitergeführt. Die Restbestände haben wir noch bis in die 1970er Jahre getrunken“, hatte Christel Gresse schon in früheren Jahren berichtet.

Zu DDR-Zeiten war Gresse eines von vielen Einzelhandelsgeschäften in Osterwieck. Gemüse zum Beispiel gab es auch in der Mittelstraße und der Rosmarinstraße, 1974 kam gleich nebenan noch die HO-Kaufhalle hinzu. Was zu einer Veränderung des Sortiments bei Gresse führte.

Das Geschäft war bereits seit 1968, als der Sohn übernahm, mit HO-Beteiligung geführt worden. Lebensmittel gingen raus aus dem Sortiment, es blieben Gemüse und Fisch – und damit, wenn auch selten, Apfelsinen und Bananen. Bekanntlich „Bückware“ in der DDR. Einigermaßen sicher war nur, dass es zu Nikolaus Apfelsinen geben würde.

Südfrüchte-Spaß sorgt für Ansturm

Ein Spaßvogel soll einmal die Kunde verbreitet haben, bei Gresse gäbe es als „Sonderangebot zur Jugendweihe“ seltene Südfrüchte. Daraufhin standen die Menschen morgens in langer Schlange vor dem Geschäft – doch es war halt nur ein Scherz gewesen.

Inwieweit das mit Humor genommen wurde, ist nicht überliefert. Aber die Namen Gresse und Meuche sind Wurzeln des Osterwiecker Humors. Wilhelm „Teddy“ Gresse jun. war 1979 Mitbegründer des Osterwiecker Carnevalsclubs (OCC) und dessen erster Präsident. Frank Meuche (59) stand 28 Jahre an der Spitze des Vereins und ist heute dessen Ehrenpräsident. Die Ehefrauen waren beziehungsweise sind immer aktiv dabei.

Geht man heute in das Geschäft Kapellenstraße 7, so erinnert nichts mehr an Obst, Gemüse oder Lebensmittel. Aktuell werden hier Postdienstleistungen, Lotto und Zeitschriften angeboten. Die letzten 30 Jahre waren schwierig und voller Wandlungen. Was auch daran abzulesen ist, dass es heute in der ganzen Osterwiecker Altstadt kein Dutzend Händler mehr gibt. Dabei hatten sich früher allein in der Kapellenstraße die Geschäfte aneinandergereiht.

Keine Chance gegen die Supermärkte

Mit der Währungsunion 1990 hatte sich Juliane Meuche noch ein zweites Standbein aufgebaut mit einem Imbiss, der in einem Wagen gegenüber auf dem Stobenplatz stand. 1993 wurde der Imbiss mit ins Haus verlegt, dazu ein Raum neben dem Lebensmittelgeschäft ausgebaut. Mit den Lebensmitteln lief es indes immer schlechter. Zwar schloss 1993 die Kaufhalle, dafür entstanden aber am Stadtrand ab Mitte 1992 moderne Supermärkte. „So günstig, wie die ihre Waren anboten, konnten wir sie nicht mal einkaufen“, blickte Frank Meuche zurück.

Der Lebensmittelladen schloss 2002, Frank Meuche, von der Ausbildung Agraringenieur, suchte sich einen anderen Job. Juliane Meuche führte den Imbiss weiter. Und der große Ladenraum wurde nach zweieinhalbjähriger Pause vermietet. Lotto und Zeitschriften gab es hier nun, ein Geschäft, das Juliane Meuche 2012 fortführte und dafür den Imbiss aufgab.

Doch nur mit Lotto und Zeitschriften war nicht viel zum Lebensunterhalt zu verdienen. „Wir hatten schon über die Schließung nachgedacht“, sagte die 54-Jährige. Dann sei plötzlich das Angebot der Post gekommen, hier eine Filiale zu integrieren. „Der Crashkurs war ganz schön hart“, aber Juliane Meuche hat als ausgebildete Betriebswirtin auch diesen Wandel bewältigt.

1996 feierte die Familie mit vielen Gästen das 125-jährige Geschäftsjubiläum auf dem Hof des Grundstücks. Das hatte sie ursprünglich auch jetzt zum 150-Jährigen geplant. Doch Corona lässt das nicht zu. „Wir holen das nach“, sagte Frank Meuche.

Dann vielleicht auch mit nach einem geheimen Familienrezept eingelegten sauren Gurken, wie sie vor 85 Jahren hier gefragt waren. Damals mit dem Werbespruch: „Willst du dich mit Schmeling (ein deutscher Box-Weltmeister/d.A.) messen, musst du Gurken von Gresse essen.“

Vor 25 Jahren hatte es das oben  abgebildete  Fotomotiv schon einmal gegeben, damals noch vor den Regalen mit Lebensmitteln.
Vor 25 Jahren hatte es das oben abgebildete Fotomotiv schon einmal gegeben, damals noch vor den Regalen mit Lebensmitteln.
Heinicke
Zum Beginn des vorigen Jahrhunderts gab es praktisch alles zu kaufen im Laden des Hauses Kapellenstraße 7.
Zum Beginn des vorigen Jahrhunderts gab es praktisch alles zu kaufen im Laden des Hauses Kapellenstraße 7.
Repro Heinicke